„Tschinskitschanski“: Familien und ihre „Geheimsprache“

„Tschinskitschanski“

Tomate-Mozzarella wird mit frischem „Lilibum“ serviert, als Nachspeise gibt es süßes „Tschinskitschanski“. Der Kloventilator heißt „Wuuuh“, Parfum „Ft-ft“. Und wer dem anderen auf die Nase stupst, will sagen, dass er ihn lieb hat. Wenn Menschen viel Zeit miteinander verbringen, entwickeln sie ihre eigene „Geheimsprache“, wie die Soziolinguistin Barbara Soukup im Gespräch mit ORF.at sagt. Passiert das innerhalb der Familie, spricht man von einem Familekt. Doch so groß die Bedeutung des Familekts im Alltag ist, so klein ist sie in der Sprachwissenschaft.

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Wenn am Samstag zum 25. Mal der europäische Tag der Sprachen begangen wird, soll dabei auf die kulturelle Sprachenvielfalt aufmerksam gemacht werden. Doch egal ob Deutsch, Englisch, Spanisch oder Französisch – Familekte gibt es in allen Sprachen. Sie werden nur oft übersehen. Das bestätigt auch Soukup, Soziolinguistin am Institut für Germanistik der Uni Wien.

Tatsächlich existiere nur wenig Forschung zu Familekten. „Vielleicht, weil es uns so alltäglich und normal vorkommt“, so die Forscherin. Und weil die Analyse von ganz einfachen Gesprächen nicht so angesehen sei wie beispielsweise die Analyse politischer Reden. Dabei passiere im Großen wie im Kleinen so gut wie das Gleiche: „Wir sind soziale Wesen. Sprache ist eines unserer Hauptwerkzeuge, um zu sagen: ’Du bist in meiner Gruppe‘“, so Soukup. Während man bei der geografischen Sprachverwendung von Dialekt spricht, ist es in familiärer Umgebung der Familekt.

Kinder spielen in Wohnzimer
Jede Familie hat ihre eigene Sprachwelt – Kinder spielen darin eine besondere Rolle

Bei Forschungsprojekt „familiäre Sprachwelten“ entdeckt

Familekt ist ein Begriff, der maßgeblich von der US-Soziolinguistin Cynthia Gordon geprägt wurde. Bei dessen Geburtsstunde in den frühen 2000er Jahren war Soukup quasi live dabei: „Ich habe an der Georgetown University in Washington DC mein Doktoratsstudium absolviert und dort Gordon kennengelernt“, erzählt sie.

Gordon, damals noch PhD-Studentin, sei gerade mit der Fertigstellung ihres Forschungsprojektes beschäftigt gewesen. Im Zuge dessen habe sie vier Familien mit Kassettenrekordern ausgestattet und den ganzen Tag aufgenommen. Und das über mehrere Tage hinweg. In vielen Interviews, zuletzt etwa in der „New York Times“ („NYT“), wird sie später davon erzählen, wie sie beim Anhören der Audiospuren entdeckte, dass jede Familie ihre eigene kleine Sprachwelt habe.

2009 erschien dann ihr Buch mit dem Titel „Making Meanings, Creating Family“. Zum Teil erfülle Familiensprache praktische Bedürfnisse, vor allem aber diene sie dazu, Bindungen zu knüpfen und zu festigen. Gegenüber der „NYT“ sagte Gordon, soziale Gruppen entstünden nicht einfach so. „Es ist das, was wir täglich aktiv im Umgang miteinander tun, das, was uns als Familie formt.“

Wenn aus dem Ventilator „Wuuh“ wird

Soukup spricht bei Familekten von „familienspezifischer Sprachverwendung“. Zwar gebe es Ähnliches auch in freundschaftlichen und partnerschaftlichen Beziehungen, aber „in der Familie ist das Ganze schon wirklich sehr verdichtet“. Einfach, weil man sehr viel Zeit gemeinsam verbringe und stark miteinander interagiere.

Eine bedeutende Rolle spielten dabei auch Kinder und deren Spracherwerb. „Weil sie die natürliche Sprache erst lernen und dann auch interessante Ideen entwickeln“, so Soukup. Oder, wie es die „Washington Post“ in Worte fasste, dann, wenn Wörter und Begriffe direkt den „wunderbar verwirrenden Tiefen des kindlichen Geistes entspringen“.

Soukups Tochter etwa habe als Kind statt Gänseblümchen immer Schwanenblümchen gesagt. Andere Kinder wiederum nennen den Ventilator im Klo lautmalerisch „Wuuuh“ – einfach, weil er „wuuuh“ macht. Oder sagen zu Basilikum „Labium“. Ohnehin stammten viele Begrifflichkeiten aus dem Bereich Essen und Lebensmittel, weil es schlicht das sei, worüber Familien eben miteinander sprechen – vor allem mit Kleinkindern, so die Linguistin.

Lustige Namen für Gewürzmischungen
Worüber reden Familien häufig? Über Essen. Folglich gibt es hier auch viele familienspezifische Begriffe, etwa bei Gewürznamen.

„Verbale Erbstücke“

Manche Begriffe würden mit der Zeit wieder erlöschen. Andere Begriffe aber würden bleiben und als „verbale Erbstücke“, wie die „NYT“ schreibt, von Generation zu Generation weitergegeben. Doch ihnen allen sei eine bestimmte Funktion inne, nämlich jene der Bestärkung.

Bestärkung im Sinne von: „Wir gehören zusammen, wir haben eine gemeinsame Geschichte. Wir wissen Dinge übereinander, die andere Menschen nicht wissen und dann auch nicht verstehen. Und darin liegt auch der Genuss dieser gewissen Form einer … Geheimsprache“, sagt Soukup.

Eine Geheimsprache, die natürlich oftmals auch von Nostalgie geprägt sei, fungiert sie doch auch gewissermaßen als „Zeitmaschine“: „Es ist eine gemeinsame Vergegenwärtigung einer gemeinsamen Vergangenheit, die dann auch Familientradition ausmacht.“

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„Verbale Erbstücke“ schaffen laut Soukup Nähe und Verbindung innerhalb der Familie

Wörter, Phrasen, Zitate, Gesten, Rituale

Am offensichtlichsten zeige sich ein Familekt im Wortschatz. „Wörter sind natürlich das Leichteste. Das Vokabular verändert sich auch am schnellsten in der Sprache“, so Soukup. Dennoch: Einem Familekt seien keine Grenzen gesetzt, von Phrasen über Zitate bis hin zu Gesten und Ritualen sei alles möglich. Vor allem aber, so ist in einem Artikel der „Washington Post“ zu lesen, sei es die „alltägliche Banalität, der Humor und die Zufälligkeit“, die einen Familekt so besonders mache.

Während sich Soukup und ihr Bruder beispielsweise immer mit einem Werbeslogan aus ihrer Kindheit begrüßen, pflegte ihre Großmutter bei allen Anlässen Josef Haders „So ist das Leben“ zu zitieren. In anderen Familien wieder wurde es zum Ritual, grammatische Fehler eines Familienmitglieds im Chor zu wiederholen – besonders dann, wenn es sich um falsche Artikel handelt. Das Tisch? Das Tisch!

So titelte einmal auch der „Atlantic“ einen Artikel über Familekte passenderweise mit: „Warum wir daheim seltsamer sprechen“. Die Antwort: Familiensprache sei eben die Art, „wie wir uns hinter den Kulissen mit unseren engsten Vertrauten unterhalten. Sie ist sozusagen unser privater Slang, wo wir ganz wir selbst sein können – mit all unseren Eigenheiten.“