„Fast zynisch“: Ein Wort zeigt, wie es um Erziehung in Deutschland steht

Stand: 28.07.2026, 06:45 Uhr

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Wer sich bei der Arbeit einen schönen Feierabend wünscht, meint es gut. Eine Soziologin erklärt, was die Worte bei Eltern bewirken können.

Frankfurt – „Schönen Feierabend!“ – ein Satz, den wohl jede:r im Büro, in der Schule, im Supermarkt oder Pflegeheim beinahe täglich zu seinen Kolleg:innen sagt. Doch Annemarie Lazar, die Firmen dabei berät, attraktivere Arbeitgeber für Frauen zu werden, sieht darin ein Problem: So werde Sorgearbeit unsichtbar gemacht. „Care-Arbeitende kennen leider keinen Feierabend“, schrieb Lazar auf Linkedin.

Kind in Supermarkt

Nach der Arbeit erledigen Mütter und Väter noch einiges an Sorgearbeit – von Feierabend keine Spur. (Symbolbild) © Panthermedia/IMAGO

Väter und vor allem Mütter, die den Großteil der Care-Arbeit in Deutschland übernehmen, erwarte nach einem Arbeitstag überwiegend ein „noch längerer Care-Arbeitstag“ mit Kinder-Abholen, Wutanfällen und Einkaufen, so Lazar. Sie plädiert dafür, wertschätzendere Abschiedsformeln zu nutzen – etwa „Ich wünsche euch einen ruhigen Nachmittag“ oder „Ich hoffe, dein Sohn ist nicht so müde nach der Kita!“

Sozialforscherin: „Das Wort Feierabend gibt es im Englischen gar nicht“

Die Frankfurter Rundschau von Ippen.Media hat die Soziologin Jutta Allmendinger vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gefragt, ob es besser wäre, Müttern und Vätern im Job keinen schönen Feierabend mehr zu wünschen. Allmendinger forscht schwerpunktmäßig zu den Themen Gleichberechtigung und Arbeitsmarkt.

Die Wissenschaftlerin berichtet, dass sie eine Zeit lang in den USA studiert und dort eine „Kultur der offenen Türen“ kennengelernt habe. Sie sei oft bei Professorinnen und Professoren zu Hause gewesen und habe Einblicke in das Familienleben bekommen. Umgekehrt seien Kinder an der Universität sichtbar gewesen – sie wurden dort gestillt und betreut. „Diese Offenheit hat dem wechselseitigen Verständnis sehr geholfen“, sagt Allmendinger der Frankfurter Rundschau.

Zum Abschied habe man sich in den USA einen „nice evening“ gewünscht. „Das Wort Feierabend gibt es im Englischen gar nicht“, sagt Allmendinger. Da Sprache das Denken präge, zeige das Wort – ähnlich wie die Schulferien – wie es um Erziehung und die Sichtbarkeit von Sorgearbeit in Deutschland stehe. „Die Abschiedsworte ‚schönen Feierabend‘ müssen fast zynisch klingen in den Ohren jener Frauen, die noch die zweite Hälfte ihres Arbeitstages vor sich haben.“

Welche Frage wir uns stattdessen nach der Arbeit stellen sollten

Allerdings glaubt Allmendinger nicht, dass es die Sichtbarkeit der Sorgearbeit erhöhen würde, wenn man sich statt „Schönen Feierabend“ nun „wenig Gebrüll, Stress und Streit“ wünschte. Wichtiger sei es, dass die Gesellschaft Pflegetätigkeiten während der Erwerbsarbeit stärker thematisiere und diese weniger auf Frauen konzentriere.

„Wenn wir nicht nur die Erwerbstätigkeit nach Hause schleifen, sondern die Familienarbeit auch mal Teil der Erwerbsarbeit werden ließen. Das wäre Fortschritt“, sagt Allmendinger. „Und dieser würde dann vielleicht sogar dazu führen, dass man am Ende des Erwerbsarbeitstages fragen würde: Kann ich etwas tun, dass du auch mal deinen Abend zu einem Feierabend werden lässt.“ (Quellen: eigene Recherche, Linkedin)