Als sich Deutschland im Sommer vor 30 Jahren für eine Reform der Rechtschreibung entschied, hatte ich nicht lange zuvor begonnen zu studieren. Unter anderem hatte ich mir Journalistik ausgesucht, weil ich mit Worten arbeiten wollte. Der deutschen Sprache war ich also durchaus zugewandt – und den Regeln, nach denen sie funktioniert, auch. Schon in der Grundschule war ich eine der wenigen gewesen, die gerne Diktate schrieben.
Wem Rechtschreibung nicht liegt, den kann sie hingegen ganz schön quälen; gerade die deutsche Sprache ist komplex. Nicht umsonst brauchen Schüler viele Jahre, um Wörter richtig zu schreiben und die Regeln der deutschen Grammatik zu lernen. Auch ich machte natürlich Fehler. Noch heute erzählt meine Mutter gerne, wie ich sie schriftlich dazu einlud, eine Pizza mit mir zu „verzerren“.

Dass mich die Reform grundlegender beschäftigt hätte, daran erinnere ich mich nicht. Die Zeitung, für die ich heute schreibe, war deswegen hingegen auf der Palme, viele ihrer Leser auch. Es gab hitzige Debatten – und im F.A.Z.-Feuilleton eine Serie mit dem Titel „Überflüssige Reform“.
Tatsächlich wurde von der entsprechenden Kommission zunächst sehr weit gedacht, zum Beispiel die Groß- und Kleinschreibung infrage gestellt. Doch der gesellschaftliche Druck war groß. Die zum zweiten Mal revidierte und deutlich eingedampfte Rechtschreibreform – deutlich mehr Schreibungen waren zunächst in zwei Varianten vorgesehen gewesen, dann wurde nachgebessert – trat in Schulen und Behörden schließlich zum 1. August 2006 in Kraft.
Aus Schiffahrt wurde Schifffahrt
„Daß“ schrieb man von nun an „dass“, das war die offensichtlichste Veränderung. „Schiffahrt“ wurde zu „Schifffahrt“, die Kommasetzung bei Infinitiv- und Partizipialkonstruktionen liberalisiert beziehungsweise großzügig freigestellt. Es gefiel mir nicht, als Menschen daraufhin begannen, kein Komma mehr vor den erweiterten Infinitiv zu setzen, aber zumindest ich durfte das ja weiterhin so tun, wie ich es gewohnt war.
Dass es anderen entgegenkommen könnte, in der sowieso schon ziemlich kommalastigen deutschen Sprache eines weniger setzen zu müssen, daran verschwendete ich keinen Gedanken. Und auch nicht daran, dass das Ziel der Reform doch ein gutes war: das Schreiben einfacher zu machen für eine Gesellschaft, in der immer mehr Menschen keine Muttersprachler sind und Lese-Rechtschreib-Schwäche weit verbreitet ist.
Ich hingegen habe den Großteil meines bisherigen Lebens herabgeschaut auf Menschen, die sich schwertun mit Rechtschreibung. So kompliziert ist es doch nicht, Wörter korrekt zu schreiben, Kommata an der rechten Stelle zu setzen – dachte ich. Und konnte nicht verstehen, warum man eine Schwäche so gedankenlos zur Schau stellt. Eine ordentliche Grammatik und ein weitgehend fehlerfreies Schriftbild sah ich als Visitenkarte, die man abgibt, wenn man früher Briefe, heute E-Mails verschickt. Ich war ziemlich gut darin, Menschen Intelligenz, Bildung, Professionalität und auch Sorgsamkeit abzusprechen, wenn ihnen fehlerfreies Schreiben schwerfällt.
Rechtschreibung ist ein emotionales Ding
Dass das ein arroganter Angang ist und mehr über mich als über andere aussagt – für diese Erkenntnis habe ich lange gebraucht. Ich glaube, mich stört ein laxer Umgang, weil ich Regeln, auch abseits der Grammatik, relativ klaglos folge, solange ich meine, dass sie das Zusammenleben erleichtern. Zudem ist es mir selbst sehr unangenehm, wenn ich nicht korrekt schreibe. Mache ich in der schnellen Teams-Kommunikation Fehler, die als klare Tipper zu erkennen sind, muss ich mich zügeln, sie stehen zu lassen und keine Korrektur hinterherzuschicken.
Eine handschriftliche Karte habe ich schon dreimal hintereinander verfasst, weil ich mich verschrieben oder Sätze nicht richtig zu Ende gebracht hatte und mir das peinlich war. In einem Bewerbungsschreiben, das ich während des Studiums für Praktika verwendete, fiel mir nach etwa drei Jahren ein falsches „dass“ auf. Dafür habe ich mich richtig geschämt. Rechtschreibung ist auch ein emotionales Ding.
Mein Selbstverständnis: Mathe liegt mir halt nicht
Angefangen umzudenken habe ich, als ich mich neulich mal wieder grandios verrechnet hatte – und glauben Sie mir, ich muss keine schwierigen Rechnungen vornehmen. Auf einmal fragte ich mich, warum ich diesen Mangel völlig okay finde, anderen aber ihre Schwächen bei der Kommasetzung vorwerfe.
Dass meine unzureichenden Dreisatzkenntnisse oder mein nur rudimentär ausgebildetes logisches Denken etwas Grundsätzliches über meine Selbstwahrnehmung, meinen IQ, meine Fähigkeit, durchs Leben zu gehen, aussagen würden, habe ich nie so empfunden. Den Anspruch, mich in Mathe zu verbessern, verfolgte ich ab einem eher frühen Zeitpunkt auch nicht mehr. In meinem Selbstverständnis war schon zu Schulzeiten abgespeichert: Mathematik muss einem liegen, damit man sie lernen kann. Mir liegt sie halt nicht.
Für diese These habe ich häufig Zustimmung erhalten, sie scheint mir gesellschaftlich akzeptiert zu sein, wenigstens für Frauen. Zumindest hat nie jemand zu mir gesagt: Ist dir das nicht unangenehm – dass du dich bei einfacher Prozentrechnung verrechnest? Von dir hätte ich mehr erwartet. Und ehrlich: Ich fände es auch ziemlich unangebracht (und unsympathisch), wenn das jemand täte oder auch nur dächte. Daher: Wie komme ich dazu, diesen Anspruch an andere anzulegen?
Doch die Zeiten haben sich ja eh gewandelt. Spätestens seit der flächendeckenden Verbreitung und Nutzung von KI steht allen Menschen die Möglichkeit zur Verfügung, ihrem Schriftbild ein schnelles Make-over zu verpassen. Die Demokratisierung korrekter Rechtschreibung sozusagen. Ich weiß von Leuten, die sehr froh sind, dass sie ihre Schreibschwäche nun schnell und einfach ausgleichen können.
Was wird das für Folgen haben? Schreiben wir alle ab jetzt perfekt, sodass sich keiner dem anderen mehr überlegen zu fühlen braucht? Werden Schüler überhaupt noch Rechtschreibung lernen, wenn die KI das künftig für sie übernimmt? Und was wird das alles für eine nächste Rechtschreibreform bedeuten? Bis wir so weit sind, interessiert mich vor allem, ob der Ton stimmt, mit dem ich von anderen angeschrieben werde. Auch dabei kann die KI übrigens helfen.