Fernweh nach Salzburg: Kunst von der Couch aus genießen

Was macht man, wenn man gerne auf Festivals führe, die Arbeit einen aber auch im August in Frankfurt festhält? Man macht es sich abends in der eigenen Wohnung gemütlich und stellt das Festival mit Hausmitteln nach. In Salzburg läuft „Saint-François d’Assise“? Die Vorgängerproduktion hat man aus alten Zeiten noch auf CD. Einfach auflegen, und los geht’s. Ganz ohne Kosten für Benzin, Zug, Karten und Hotels. Dazu kann man nebenbei sogar abwaschen. Oder Staub wischen. Das ginge in der Felsenreitschule nicht. Doch pfui über das alltagsverhaftete Nützlichkeitsdenken. Besser Sofa, Kerzen, Weinglas, Auszeit.

In Bayreuth werden Andreas Schager und Georg Zeppenfeld im „Parsifal“ gelobt? Am besten, man ersetzt die Fahrt ins Festspielhaus durch einen Vergleichsmarathon verschiedener Einspielungen. Auf Spotify ist das daheim sehr bequem zu arrangieren. Den Sekt, den man auf den Festivals nur in der Pause trinken darf, kann man sich zu Hause dann auch mitten im zweiten Aufzug einschenken. Am besten, man frischt das Glas bei jedem „Ach“, „Oh“, „Ha!“ und „Wehe“ auf, das Kundry, Klingsor, Parsifal und die Blumenmädchen im Mittelakt so von sich geben. Dann ist man an seinem Ende so betört wie der Ritter zwischenzeitlich im Zauberschloss. Das zur Ausnüchterung dringend erforderliche Knabbern an den Salzbrezeln wiederum stört bei dieser Vorgehensweise keine Aufführungssitznachbarn.

Man muss sich das Ganze, wie der Fuchs in der Fabel von Äsop, nach der Saure-Trauben-Methode eben nur ein wenig schlechtreden. Auf den Stühlen des Zuschauerraums in Bayreuth ist es teuer, stickig und unbequem, in Salzburg sind die Österreicher und die Society-Damen ohnehin leicht verschroben, Avignon ist im sonnenverbrannten französischen Süden zum Glück schon vorbei, und wer will auf dem Rasen von Glyndebourne schon Männern im Smoking dabei zusehen, wie sie Picknickdecken ausbreiten? Obwohl, so ein Picknickkorb – aber egal.

Zum Schleswig-Holstein Musikfestival muss man auf keinen Fall fahren, da tritt auch nur Hayato Sumino auf, den man in Wiesbaden schon beim Rheingau Musik Festival gesehen hat. Die sieben Konzerte, die er dort gibt, führen den Festivalgedanken ebenso ad absurdum wie die zahlreichen Auftritte von Nils Landgren, Rolando Villazón und Martin Fröst zwischen Nord- und Ostsee. Festival heißt Vielfalt, nicht Mehrfachverwertung. Da kann man dann erst recht zu Hause bleiben. Ein bisschen Salzburg und Glyndebourne gibt es zudem auch im Fernsehen, ob auf medici.tv oder Arte. Aber während man an den Alltag gefesselt ist, heißt es, trickreich sein. Die Picknickdecke kommt vor den Fernseher oder die Stereoanlage. Nur der Smoking bleibt im Schrank.