Forscher schlagen Alarm: Kroatiens poröser Untergrund leitet Schadstoffe ungefiltert ins Trinkwasser
Stand: 16.09.2026, 18:59 Uhr
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Unterirdische Labyrinthe und gefährdetes Trinkwasser: Was Kroatiens Karst-Forscher aufdecken – und was Bayern damit verbindet.
Kroatien – Unter jedem zweiten Quadratmeter kroatischen Bodens verbirgt sich eine unsichtbare Welt: Karstgestein, durchzogen von tiefen Höhlen, Klüften und unberechenbaren Wasserläufen. Während Millionen Urlauber an den sonnigen Adriaküsten entspannen, schlagen Geowissenschaftler Alarm. Anlässlich des Internationalen Tags der Höhlen und des Karsts widmete die Universität Zadar dem empfindlichen Untergrund erstmals eine eigene Fachtagung, wie das kroatische Webportal morski.hr berichtet.

Im Zentrum der Forschung steht ein akutes Umweltproblem. Karstböden verhalten sich grundlegend anders als herkömmliche Erd- und Kiesschichten: Ihnen fehlt die natürliche Filterwirkung. Wasser – und damit auch Schadstoffe – versickert nicht gleichmäßig, sondern schießt durch offene Risse und Spalten in die Tiefe.
Verschmutzungen in Kroatiens Karstgebiet sind besonders heikel
„Dürren und Überschwemmungen können die Fließrichtungen des Grundwassers vollständig verändern“, erklärte Professorin Maša Surić vom Geografischen Institut der Universität Zadar. Kürzlich festgestellte Verschmutzungen im Karstgebiet seien deshalb besonders heikel: Verunreinigungen können plötzlich an völlig unerwarteten Quellen wieder an die Oberfläche treten.
Die Quellen für diese toxischen Einträge sind menschengemacht. Ein massives Problem sind illegale Mülldeponien: Hausmüll und Bauschutt werden oft unbemerkt in tiefe Karsttrichter (Dolinen) gekippt, von wo aus die Schadstoffe bei Starkregen direkt in die Trinkwasserreservoirs gespült werden. Hinzu kommen Düngemittel und Pestizide aus der industriellen Landwirtschaft.
Eine Milliarde Menschen bezieht ihr Trinkwasser aus Karstgebieten
Das Thema reicht weit über Kroatien hinaus: Rund ein Fünftel aller eisfreien Landflächen der Erde besteht aus Karstgebieten, aus denen etwa eine Milliarde Menschen ihr Trinkwasser bezieht. In Kroatien ist die Abhängigkeit jedoch extrem hoch, da die Hälfte des gesamten Staatsgebiets auf Karstuntergrund liegt.
Genau an diesem Punkt offenbart sich das größte Dilemma des Landes: Das Karstsystem ist nicht nur eine ökologische Gefahrenzone, sondern gleichzeitig das wirtschaftliche Rückgrat des kroatischen Naturtourismus. Spektakuläre Karstphänomene wie die Plitvicer Seen oder die Krka-Wasserfälle locken jährlich Millionen von Besuchern an. Das führt zu einem fatalen Spannungsfeld: Der Massentourismus spült zwar lebenswichtige Einnahmen in die Staatskasse, ist aber zugleich die größte Bedrohung für das fragile Wasserlabyrinth. Da die Abwasserinfrastruktur im Hinterland und an der boomenden Küste dem sommerlichen Ansturm oft nicht standhält, versickern Fäkalien und Schadstoffe immer wieder ungefiltert im durchlässigen Gestein.
Höhlenforschung zwischen Klimaarchiv und Steinzeitfunden
Wissenschaftler der Universität Zadar präsentierten auf der Konferenz sechs aktuelle Forschungsprojekte, die die Vielfalt des Karstsystems beleuchten. Das Spektrum reicht von der Untersuchung von Waldbränden und der Bodenerosion im Naturpark Biokovo bis zur Analyse von ewigem Eis in Höhlen als Klimaarchiv mittels 3D‑Laserscanning. Auch prähistorische Fundstätten in Höhlen wie Vlakno, Kozja peć und Vaganačka pećina werden erforscht.
Der dinarische Karst gilt seit jeher als Wiege der Höhlenforschung. Wie Gastredner Neven Bočić von der Universität Zagreb hervorhob, haben zahlreiche kroatische Begriffe Eingang in die internationale Fachsprache gefunden. Das Land beherbergt vier Höhlen, die mehr als 1000 Meter in die Tiefe reichen – alle im Velebit-Gebirge gelegen. Das System Crnopac ist mit 68 Kilometern das längste des Landes, während unter dem Meeresspiegel der Kvarner-Bucht mit über 800 Quadratkilometern das größte versunkene Karstfeld der Dinariden liegt.
Parallelen im Freistaat: Auch Bayerns Alpen sind ein Karstlabyrinth
Was die Forscher an der Adria umtreibt, ist auch für Bayern von zentraler Bedeutung: Große Teile der bayerischen Kalkalpen sowie die Fränkische Alb sind stark verkarstet. Auch hier formt das leicht saure Regenwasser über Jahrtausende weitverzweigte Höhlensysteme im Kalkgestein.
Im Untersberg bei Berchtesgaden verbirgt sich mit der Riesending-Schachthöhle die mit vermessenen 27,3 Kilometern Länge und 1149 Metern Tiefe längste und tiefste Höhle Deutschlands. Wie komplex das alpine Wasserlabyrinth funktioniert, erforscht unter anderem der Verein für Höhlenkunde München in der rund neun Kilometer langen Salzgrabenhöhle über dem Königssee. Mittels Farbversuchen und Pegelmessungen weisen die Höhlenforscher nach, wie schnell Niederschläge von den Berggipfeln durch das Karstsystem wandern.