Sonette entfalten sich in einem überschaubaren Raum: Vierzehn Zeilen, meist aufgeteilt, wie auch hier, in zwei Vierzeiler, gefolgt von zwei Dreizeilern. Was Thomas Krüger unter Beachtung von Reimordnung und Form in diesem Sonett nun alles zusammenmixt, ist erstaunlich: Vergänglichkeit und Höhenluft, Schnee und Koks, Nacht und Läuterung, Rilke und Hemingway. Alles eingefangen in einem mächtigen Anfangsbild vom Skelett einer Raubkatze im Eis. In einem Interview hat Thomas Krüger gesagt, er habe „den Ansatz des Modernismus, möglichst viel in ein Gedicht zu packen, verinnerlicht.“ Wir nehmen ihm das ab, wenn wir sein Gedicht lesen. Nicht nur mischt er kühn die Themen, auch sprachlich setzt er den hohen Ton neben die umgangssprachliche, saloppe Wendung. „Kein Beinchen hobs“, das ist schon sehr despektierlich gegenüber einem so königlichen Tier wie einem Leoparden.
Kein Hauch von Leopardentanz
Aber der Reihe nach. Auslöser des Sonetts ist eine kurze Passage in Hemingways Erzählung „The snows of Kilimanjaro“, die Krüger dem Gedicht beim Abdruck in Literaturmagazinen manchmal vorausgestellt hat. Im Original lautet sie: „Close to the western summit is the dried and frozen carcass of a leopard. No one has explained what the leopard was seeking at that altitude.“ Im Sonett folgt eine Beschreibung des Skeletts, ausgerichtet gen Himmel, „vielleicht ein Pfeil“. Die Alliterationen Fleisch / Fell; Ganzen / Glanz und Schädel / Schwanz sowie der auseinandergezogene Binnenreim Hang / Gang erzeugen einen Sog – durch hohes handwerkliches Können, das uns gefangen nimmt. Angesichts der zerbrochenen Wirbelsäule, der aufgereihten Knochenteile kommt dem Betrachter Rilkes berühmtes Gedicht „Der Panther. Im Jardin des Plantes“ in den Sinn. „Nicht mal ein Hauch von Panthertanz“ bezieht sich auf Rilkes Verse „Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, / der sich im allerkleinsten Kreise dreht, / ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte …“. In seinem Sonett antwortet Thomas Krüger diesen Versen: „Da geht kein Gang. Rien. Perdu.“ Dahin ist alle Kraft, stattdessen Betäubung. Im Restlicht der Dämmerung schimmert eine Line Kokain. Als schnupfe das Universum die weißen Knöchelchen wie Koks, bevor diese in der Schwärze der Nacht verschwinden. Ein starkes, gewagtes Schlussbild.
Die Beschleunigung der Bilder gegen Schluss eines Gedichts, die Lust an überraschenden Setzungen sind Kennzeichen der Poesie von Thomas Krüger, der in vielen literarischen Gefilden unterwegs ist. Er hat einen Hörbuchverlag, er schreibt nebenbei Kinderbücher und Kriminalromane und hat in kleineren Verlagen wie Pendragon und Sukultur (dort erschienen die witzigen „Sonette an Donald Duck“) Gedichtbände veröffentlicht. Harald Hartung fand in „Michelangelo Rising“, Krügers ersten Lyrikband, „Intelligenz, die leichtfüßig daherkommt, Anspielungsreichtum, der nicht auftrumpft.“ Hinzu kommt ein souveränes Spiel mit tradierten Formen wie dem Sonett, das er neu denkt, ohne zu vergessen, was seit je ein gutes Gedicht ausmacht: „Es muss Zauberkraft entwickeln“, sagt er, „um wirken zu können, und das ist eine Sache des Rhythmus, der Bildfolgen, der Melodie.“
Eine soeben erschienene Anthologie versucht, die vielen Facetten des Werks von Thomas Krüger aufleuchten zu lassen, die Dichtung aber und insbesondere die Sonette sind ihm ganz eindeutig die Königsdisziplin. „The Snows of Kilimanjaro“ ist ein gutes Beispiel für die hochartistischen, kunstvoll gedrechselten, formbewussten Sprachgebilde aus seiner Lyrikwerkstatt.
Thomas Krüger: „The snows of Kilimanjaro“
Dem Leoparden, der – in seiner Grundsubstanz
zum Gipfel ausgerichtet, tiefgefroren - still
und starr gen Himmel blickte, schmolzen Fleisch und Fell.
Es blieb vom Ganzen nur ein kritisch weißer Glanz.
Und was heißt Glanz? Skelett! Vom Schädel bis zum Schwanz
blieb bleich ein Strich am Hang, kaum mehr. Vielleicht ein Pfeil,
gelandet in Nicht-Ankunft. Knochenteil für -teil
Zerbrochenes – nicht mal ein Hauch von Panthertanz.
Da geht kein Gang. Rien. Perdu. Kein Beinchen hobs:
Das hohe Tierchen gleicht fast einem Line-chen Koks,
und Restlicht schleicht zur Nacht aus kleinen Dramen.
Das Weltall schnupft ein letztes Weiß – was suggeriert:
Am Berg der Läuterung ist schnuppe, was passiert.
Was aufging, wird geklärt in Schwärze. Amen.
In: „Lesebuch Thomas Krüger“. Zusammengestellt von Walter Gödden. Nylands Kleine Westfälische Bibliothek im Aisthesis Verlag, Bielefeld 2026. 163 S., br., 10 ,- €.
Von Joachim Sartorius ist zuletzt erschienen: „Die besseren Nächte“. Gedichte. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026. 80 S., geb., 22,- €.
Redaktion Hubert Spiegel
Gedichtlesung Thomas Huber