Restaurierung im Frankfurter Dommuseum: Ein Mittelalter-Bild wie vor 100 Jahren

Den vielen Reisegruppen, die gerade in diesen Tagen durch die neue Altstadt ziehen und zu deren Pflichtprogramm ein Besuch im Dom zählt, wünscht man eine sachkundige Führung. Dass die Fachwerkhäuser erst wenige Jahre alt sind, steht in jedem Reiseführer. Ob Touristen aber auch das Kapitel über den Bartholomäusdom aufmerksam lesen, der den unvoreingenommenen Besucher gedanklich vermutlich ins Mittelalter versetzt?

Nicht nur der Wiederaufbau nach den im Zweiten Weltkrieg erlittenen Schäden zwingt zur Überprüfung des ersten Eindrucks. Wie kompliziert die zeitlichen Verhältnisse schon davor waren, lässt sich an diesem Samstag noch im benachbarten Dommuseum bei der Schaurestaurierung eines Gemäldes beobachten. Denn manches stammt zwar aus dem Mittelalter, ist aber doch in gewissem Sinn ein Werk des 19. oder 20. Jahrhunderts. Die zwei Meter große Darstellung von Christus als Salvator, die aus ihrem Rahmen herausgenommen ist, hängt normalerweise an der Nordwand der Wahlkapelle. „Dort war das Bild mit Sicherungen aus Seidenpapier versehen, damit die Farbe nicht herunterfällt“, sagt Museumsdirektorin Bettina Schmitt. Deshalb wird die Darstellung des Weltenretters, der die Erdkugel aus Kristall mit Kreuz in der Hand hält, im Innenhof des Kreuzgangs gereinigt, und die Malschicht und die Fassung des Rahmens werden stabilisiert. Wo nötig, nehmen die Restauratorinnen auch Retuschen vor.

Die Befunde passen zur Entstehung um das Jahr 1500

Die auf Holz gemalte Darstellung, die Christus mit zwei weiblichen Heiligenfiguren zeigt, ist schon 1993 grundlegend restauriert worden. Deshalb nehmen die jetzigen Arbeiten nur wenige Tage in Anspruch. „Wir wollen zügig fertig sein“, sagt Restauratorin Moya Schönberg. „Am 9. September wird es zurückgebracht.“ Das ist praktischerweise ohne großen Aufwand möglich, denn eine Tür führt direkt in den Dom, wo zudem das gleiche, übrigens keineswegs kühle Klima herrscht.

Die Patina bleibt: Moya Schönberg (rechts) und Susanne Danzer säubern das Gemälde.
Die Patina bleibt: Moya Schönberg (rechts) und Susanne Danzer säubern das Gemälde.Emil Eichinger

Wer das Bild gemalt hat, ist nicht bekannt. Bei den beiden weiblichen Figuren handelt es sich vermutlich um Maria, die ihre Hände über der Brust gefaltet hat, und ihre Mutter Anna mit der Kopfbedeckung einer verheirateten Frau. Aus kunsthistorischer Sicht ordnet es die Museumsdirektorin um das Jahr 1500 ein, es könne durchaus aus der Region stammen. Die Befunde der Restauratorin passen dazu: „Die Maltechnik, die senkrecht verleimten Eichenholz-Tafeln und die Grundierung zeigen, dass derjenige alle damaligen Techniken beherrscht hat“, sagt Schönberg.

Moya Schönberg (stehend) kann genau zeigen, wo das Bild zu Beginn des 20. Jahrhunderts ergänzt worden ist.
Moya Schönberg (stehend) kann genau zeigen, wo das Bild zu Beginn des 20. Jahrhunderts ergänzt worden ist.Emil Eichinger

Das Bild wurde 1909 auf dem Speicher des alten Pfarrhauses gefunden. Vermutlich stammt es aus dem Bestand des 1890 gestorbenen Stadtpfarrers Ernst Franz August Münzenberger. Dieser hatte Altäre und sakrale Kunstgegenstände gesammelt, die nach der Säkularisation vielfach verfügbar waren. Münzenberger wollte sie wieder ihrem Zweck zuführen, und die Ausstattung des Doms, der nach dem Brand von 1867 spätgotisch wiederhergestellt wurde, bot dazu Gelegenheit.

Das Bild, das Teil eines Altars gewesen sein könnte, wurde nach 1909 mit einem neuen Rahmen versehen, an dem Corinna Bohn gerade einige Schadstellen ausbessert. Eigentlich hätte er damals in kräftigen Blautönen strahlen und die Vergoldung glänzen können. „Aber man hat mit einem braunen Überzug den gealterten Zustand reproduziert“, sagt Bohn. Das war auch bei anderen Bildern und Altären so. „Es sollte ein möglichst geschlossener Eindruck entstehen, als wären sie schon immer dagewesen“, ergänzt Museumsdirektorin Schmitt.

Das Rahmenprofil ist zwar an gotische Formen angelehnt. Doch es war offenbar zu aufwendig oder nicht mehr möglich, den eigentlichen Abschluss des Bildoberrands nachzubilden. Statt in einen gotischen geschweiften Spitzbogen zu münden, ist der obere Rand waagerecht und füllt den rechteckigen Rahmen aus. Schönberg kann am Gemälde zeigen, wie dafür der vergoldete Brokat-Hintergrund aus dem Mittelalter, der ein kunstvolles Reliefmuster zeigt, 400 Jahre später ergänzt worden ist.