Warum spielt die Antike keine Rolle in der Schweizer Identität?

Die Franzosen haben Vercingetorix, die Deutschen haben Arminius und die Schweizer haben – Divico? Selbst die historisch Interessierten unter den Eidgenossen dürften heute wenig mit dem helvetischen Fürsten verbinden, der um 130 vor Christus geboren wurde und nach 58 vor Christus starb. Dabei stand er, in ähnlicher Funktion wie Vercingetorix in Gallien und Arminius in Germanien, an der Spitze der damals in der Schweiz ansässigen Völker, als diese sich gegen die römische Expansion stemmten. Doch während zahlreiche deutsche Opern, Dramen und Denkmäler die Schlacht im Teutoburger Wald glorifizieren und der gallische Widerstand durch Asterix und Obelix bis in die zeitgenössische Populärkultur getragen worden ist, erinnert in der Schweiz seit Langem wenig an Divico und die Helvetier.

Auch die spätere römische Herrschaft ist im kollektiven Gedächtnis wenig präsent. Mehr als 400 Jahre lang, von 15 vor Christus bis ins fünfte Jahrhundert nach Christus, war das heutige Gebiet der Schweiz ein integraler Bestandteil des Römischen Reichs und aufgeteilt in mehrere Provinzen. Während in Raetia im Osten ein von Feinschmeckern hochgeschätzter Wein wuchs, diente Germania Superior im Westen als Drehscheibe für den Straßen- und Flussverkehr. Gleichwohl denkt heute kaum jemand an die Schweiz, wenn es um die Verbreitung der römischen Zivilisation und ihre Folgen geht. Woran liegt das?

Regen Anteil an der klassischen Bildung

Die erstaunliche antike Leerstelle in der Schweizer Identität zu ergründen, hatte sich eine Tagung in Bern zur Aufgabe gemacht. Ihr Titel „Die Schweiz und ihre Antike“ spielte auf „Die Deutschen und ihre Antike“ an, das 2021 erschienene Sachbuch von Stefan Rebenich, dessen Emeritierung als Professor für Alte Geschichte den Anlass für die Konferenz bot. Doch die Parallele verwies zugleich auf einen Kontrast. Denn wo Rebenich für seine Synthese auf (nicht zuletzt eigene) Forschungen von Jahrzehnten hatte aufbauen können, da betrat die Berner Tagung wissenschaftliches Neuland. Wie die Antike eine vergleichsweise geringe Rolle in der Schweizer Erinnerung spielt, so ist auch diese Rolle selbst bislang nie auf breiterer Basis untersucht worden.

Dabei ist es keineswegs so, dass die Schweizer sich für die Antike schlicht nicht interessiert hätten. Nadir Weber zeigte, dass klassizistische Referenzen in der Schweiz des achtzehnten Jahrhunderts ebenso verbreitet waren wie in der sonstigen westlichen Welt. Stolze Städte wie Zürich oder Bern verglichen sich mit dem republikanischen Rom, worin die Eliten zugleich eine Warnung vor der Volksherrschaft erkannten. Als im neunzehnten Jahrhundert die klassischen Sprachen ihren Siegeszug im Gymnasium antraten, unterschieden sich die Lehrpläne in der Schweiz kaum von jenen in Deutschland, wie Christian Körner darlegte. Leonard Burckhardt wiederum wies auf die Bedeutung der Antike im Werk Jacob Burckhardts hin, des vielleicht einflussreichsten Schweizer Gelehrten aller Zeiten.

An der auf der griechisch-römischen Antike beruhenden westlichen Bildungstradition hatten die Schweizer also regen Anteil. Allerdings waren die Referenzen und Reflexionen meist abstrakter Natur und damit nicht wesentlich anders als in Berlin oder Washington – obwohl die Römer auf dem helvetischen Territorium materielle Spuren hinterlassen hatten.

Die Humanisten entdeckten die Helvetier

Versuche, einen nationalen Bezug herzustellen, hat es durchaus gegeben. Um 1500, berichtete André Holenstein, entdeckten eidgenössische Humanisten das antike Volk der Helvetier als ihre Urahnen und lokalisierten sie erstmals auf dem Gebiet der späteren Schweiz. Damit reagierten sie auf Kritik von deutschen Gelehrten, welche die bis dahin gängigen Ursprungssagen der Schweizer als unhaltbar kritisiert und damit auch deren Unabhängigkeit infrage gestellt hatten. Wie in vielen anderen Ländern diente die gemeinsame Abstammung also zur nationalen Selbstvergewisserung angesichts von äußerer Gefahr.

Bankgeheimnis nennt man es, wenn die Kunden, die einen Safe anmieten, für die Bank nur anonyme Nummern sind. In die Schweizer Zahlungsmittel ist dagegen die Identität der Eidgenossenschaft in lateinischen Buchstaben eingeprägt.
Bankgeheimnis nennt man es, wenn die Kunden, die einen Safe anmieten, für die Bank nur anonyme Nummern sind. In die Schweizer Zahlungsmittel ist dagegen die Identität der Eidgenossenschaft in lateinischen Buchstaben eingeprägt.mauritius images / Pekydeco / Alamy / Alamy Stock Photos

Die humanistische „invention of tradition“ blieb nicht ohne Folgen: Bis heute lautet der lateinische Name der Schweiz, wie man ihn auf Münzen oder Autokennzeichen findet, confoederatio helvetica (CH). Und insoweit man sich in den Dreißigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts gegen die Bedrohung durch die deutschen Nationalsozialisten wappnete, beschworen Schweizer Dramatiker gerne Helvetier wie Divico, wie Thomas Späth zeigte.

Und doch konnte sich in der Tagungsdiskussion niemand auch nur eines einzigen größeren Denkmals zu Ehren der Helvetier entsinnen. Dass diese nicht in ähnlicher Weise prägend für die Schweizer Identität wurden wie die Gallier in Frankreich oder die Germanen in Deutschland, mag auch an der Art und Weise liegen, wie sie in die antike Überlieferung treten. Gallische Stämme leisteten Caesars Truppen jahrelang Widerstand und kapitulierten zunächst selbst dann nicht, als sie mit ihrem Anführer Vercingetorix in Alesia eingekesselt waren. Den Germanen wiederum gelang es sogar, die Römer entscheidend zurückzuwerfen und ihnen dabei ihre vielleicht empfindlichste Niederlage zuzufügen.

Divico und seine Helvetier hingegen besiegten die Römer zwar einmal in der Schlacht von Agen. Ihre prominente Rolle im ersten Buch von Caesars „De bello Gallico“ haben sie aber nur, weil sie Jahrzehnte später beschlossen, ihr angestammtes Gebiet im Schweizer Mittelland aufzugeben, um an die gallische Atlantikküste zu ziehen. Nachdem Caesar sie auf dem Weg dorthin bei der Schlacht von Bibracte geschlagen und am Weitermarsch gehindert hatte, kehrten sie zwar in ihre Heimatregion zurück. Doch wer möchte schon Vorfahren haben, die das eigene Land eigentlich am liebsten verlassen hätten?

Konkurrenz durch Wilhelm Tell

Alle ins Römische Reich eingegliederten Regionen hatten bei ihrer nachantiken Traditionsfindung zwei Optionen: Entweder sie spiegelten sich in den heimischen Völkern, die den Römern schließlich unterlegen waren, oder sie identifizierten sich mit den Römern selbst. Nicht selten lief beides parallel.

Der geschmolzene Käse war fertig, aber Proviant konnten die Helvetier auf dem Weg ins gallische Exil nicht einpacken, wenn man diesem Sammelbild für Käufer von Liebigs Fleischextrakt glaubt.
Der geschmolzene Käse war fertig, aber Proviant konnten die Helvetier auf dem Weg ins gallische Exil nicht einpacken, wenn man diesem Sammelbild für Käufer von Liebigs Fleischextrakt glaubt.akg-images / Fototeca Gilardi

Auch in der Schweiz gab es Versuche, das gemeinsame römische Erbe zu betonen. 1927 veröffentlichte der Althistoriker Felix Staehelin sein Buch „Die Schweiz in römischer Zeit“. Severin Thomi erläuterte, wie das vordergründig weitgehend positivistische Werk in den politischen Diskursen seiner Zeit eingebettet war und nicht zuletzt deswegen zum mehrmals wieder aufgelegten Klassiker avancierte. Gegenüber Vorstellungen eines großdeutsch-germanischen Reiches diente Staehelin die römische Vergangenheit dazu, die Zugehörigkeit auch der Deutschschweizer zur Eidgenossenschaft zu begründen. Eine weitergehende Identifikation mit dem Römischen Reich wurde freilich dadurch erschwert, dass die Schweiz selbst (zumindest seit dem sechzehnten Jahrhundert) keine imperialen Ambitionen hegte – ein weiterer Unterschied zu vielen anderen westlichen Ländern.

Vielleicht boten sich den Schweizern aber auch schlicht allzu attraktive historische Alternativen. Zur gleichen Zeit wie die helvetische Traditionslinie formten eidgenössische Humanisten die Legende vom Rütlischwur. Spätestens mit Friedrich Schillers Drama „Wilhelm Tell“ von 1804 wurde die Geschichte vom Freiheitskampf der Alten Eidgenossenschaft gegen die Habsburger zum allseits bekannten Gründungsmythos der Schweiz. Und auch aus der Steinzeit erwuchs der Antike Konkurrenz, als 1854 im Zürichsee die Überreste einer Siedlung gefunden wurden, die dort einst auf Holzpfählen über der Wasseroberfläche gestanden hatte. Die fleißigen, friedlichen und freien Pfahlbauern eigneten sich bestens als Proto-Schweizer. Wer brauchte da noch Helvetier oder Römer?

Alle diese Referate und Diskussionen gruppierten sich um die Abschiedsvorlesung des scheidenden Ordinarius. Bei seinem Vortrag über die Berufungen von Altertumswissenschaftlern an die Universität Bern demonstrierte Rebenich einmal mehr, wie es ihm in den vergangenen dreißig Jahren gelungen war, die Rezeptionsgeschichte der Antike in der Wissenschaftslandschaft zu etablieren. Anstatt Universitätshistorie lediglich nachzuerzählen, ordnete er die nach Bern Berufenen in sieben Idealtypen ein, von den Durchreisenden über die Hausberufenen bis zu den Rückkehrern. Rebenich selbst kam 2006 in Bern auf den weltweit vermutlich ersten althistorischen Lehrstuhl mit rezeptionsgeschichtlicher Denomination und ist damit zweifellos zu den Pionieren zu zählen.