Frankreich in einer Spirale der Gewalt: „Das kann uns nicht egal sein“

Stand: 19.10.2026, 19:27 Uhr

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epa13311534 Protesters take cover behind a banner as French police use a water cannon following clashes during a demonstration against rising living costs and cuts to public services in Paris, France, 17 October 2026. The nationwide mobilization brings together Yellow Vest (Gilets Jaunes) activists, high school and university students, trade unions and other groups protesting rising living costs, fuel prices and deteriorating public services, while demanding improvements in education and school conditions.  EPA/YOAN VALAT

Frankreich am Wochenende: Demonstranten randalieren und liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei. Daneben friedliche Proteste wie in Rennes. © Yoan Valat/EPA

Politikwissenschaftlerin Isabell Hoffmann erklärt, warum die Unruhen in Frankreich Macron kaum Spielraum lassen. Sie sieht aber keinen Protest-Flächenbrand über Frankreich hinaus.

München – Brennende Autos und Gebäude, Plünderungen, Zusammenstöße mit der Polizei. Die Proteste gegen die hohen Lebenshaltungskosten in Frankreich sind am Wochenende aus dem Ruder gelaufen. Auch gestern gab es noch Krawalle, allerdings nicht mehr in diesem Ausmaß. Könnte die Gewalt zu einem Flächenbrand über Frankreichs Grenzen hinaus werden? Wir sprachen mit der Politikwissenschaftlerin Isabell Hoffmann, Direktorin des Deutsch-Französischen Instituts (dfi) in Ludwigsburg.

Frau Hoffmann, was hat sich da in Frankreich entladen?

Es hat ja alles mit Schülerprotesten angefangen. Ende September ging das los. Es ging um den baulichen Zustand von Schulen, Lehrermangel, die Vergabe von Studienplätzen, die als willkürlich wahrgenommen wird. Ein bunter Strauß an eher langfristigen Forderungen. Das war der Status quo bis zu diesem Wochenende. Der Samstag war schon lange angekündigt als Protesttag gegen die hohen Lebenshaltungskosten. Da sind jetzt verschiedene Gruppen zusammengekommen: Gelbwesten, Studenten, Schüler – aber auch sehr gewalttätige Jugendszenen, die radikalen Straßenprotest organisieren können und nicht unbedingt politisch unterwegs sind. Das Ergebnis war, dass diejenigen, die friedlich protestieren wollten, in den Hintergrund geraten sind. Die Bilder der Gewalt waren so drastisch, dass sie die ganze Aufmerksamkeit absorbiert haben.

Premier Sébastien Lecornu hat begrenzte lokale Ausgangssperren angekündigt.

Das ist ein drastisches Mittel, das zeigt, wie sehr der Staat unter Druck ist. Man wird sehen, inwiefern das Ergebnisse bringt. Aber so ein Mittel setzt man nicht einfach so ein, es ist ein tiefer Eingriff in die Grundrechte.

Welche Handlungsmöglichkeiten hat Präsident Emmanuel Macron noch? Schon im April wählt Frankreich einen neuen Präsidenten.

Das ist ungewöhnlich, dass es vor so entscheidenden Wahlen so große soziale Proteste gibt. Die Bürger haben dann ja die Chance, die Richtung des Landes mitzubestimmen. Macron und seine Regierung sind auf Abruf. Die Regierung kann es eigentlich nur noch an den Ecken wegmanagen und versuchen, Zwischenlösungen zu finden. Es geht um verschiedene Probleme, die unterschiedlicher Antworten bedürfen. Das macht es noch schwieriger.

Die Bereitschaft von Marine Le Pen oder der linken Opposition dürfte gering sein, Macron zu helfen.

Das ist ein Problem, das schon länger besteht. Das politische Umfeld ist seit der Auflösung des Parlaments nicht sehr funktional. Es gibt keine Kultur des gemeinsamen Problemlösens. Das wird sich im Wahlkampf nicht verbessern. Frankreich ist ein großes europäisches Land, eine große Volkswirtschaft. Es hat Verantwortung und wird diese auch übernommen. Innenpolitisch ist es aber eine extrem komplizierte Situation. Das kann uns nicht egal sein, denn wir machen viel gemeinsame europäische Politik und da ist Frankreich wichtig, gerade für Deutschland.

Bekommt Frankreich nächstes Jahr mit Marine Le Pen (Rassemblement Nationale) eine rechtspopulistische Präsidentin?

Es war schon vor den Protesten so, dass Le Pen mit knapp 35 Prozent die Umfragen angeführt hat. An zweiter Position liegt Jean-Luc Mélenchon von der linksradikalen „La France insoumise“. Zwei extreme Kandidaten stehen also ganz stark da – obwohl Mélenchon extrem unbeliebt ist und viele Franzosen auch große Bauchschmerzen mit einer möglichen Präsidentin Le Pen haben. Die Mitte muss jetzt relevante Alternativen schaffen. Wenn es das Kandidatenfeld in der Mitte nicht schafft, sich auszudünnen, ist es arithmetisch fast nicht anders denkbar, als dass Le Pen und Mélenchon die Stichwahl erreichen.

Proteste wegen hoher Lebenshaltungskosten oder schlechter Bildung gibt es auch in anderen Ländern: Spanien, Italien, Portugal, sogar in Belgien. Droht ein Protest-Flächenbrand?

Es gibt in vielen Ländern ähnliche Sorgen und Nöte bei den Menschen. Und das hat politische Auswirkungen. Keine Regierung hat eine Wahl überlebt. Aber die Situation in Frankreich ist schon sehr besonders. Dass sich diese Proteste über Frankreich hinaus in der selben Intensität ausbreiten könnten, das sehe ich nicht.

Es sind viele junge Menschen auf der Straße. Hat Europas Politik die Jugend aus den Augen verloren?

Es ist schwierig, alles über einen Kamm zu scheren. Aber einen gewissen Generationenkonflikt kann man erkennen. Ältere Menschen haben mehr politisches Gewicht. Wir reden viel über Renten und Sozialversicherungssysteme. Die Älteren sind aber auch mehr – und sie gehen mehr zur Wahl als Jüngere. Aber selbst wenn sich junge Menschen viel mehr politisch engagieren würden, bekämen sie nicht das Gewicht wie die älteren Generationen.

Gibt es zu wenig junge Politiker in Spitzenämtern?

Macron war mit 39 der jüngste Präsident aller Zeiten in Frankreich. Ob das Alter alle Lösungen bringt, weiß ich nicht. Aber natürlich wäre es besser, wenn man mehr junge Leute in der Politik sehen würde.

Woher kommt diese Unzufriedenheit, die man zurzeit auch bei uns stark spürt?

Wir haben eine große Zeit des Umbruchs: die Sicherheit in der Welt, technologische Revolution, der heißeste Sommer aller Zeiten. Vielen Menschen wird es mulmig. Dazu kommt, dass die Europäer global gerade keine großen Spieler sind. Wir müssen sehen, dass wir unseren Platz in der Welt behaupten können zwischen den USA und China. Und das vor dem Hintergrund, dass unsere Gesellschaften sehr unruhig und ängstlich sind und unsere politischen Systeme diese Ängste nicht mehr auffangen können.

US-Vizepräsident JD Vance hat Migranten für die Randale in Frankreich verantwortlich gemacht.

Das sind junge Leute, die in Frankreich geboren sind. Es sind soziale Unruhen, die man nicht mit einer amerikanischen Debatte aufladen darf, nur weil die US-Regierung selbst vor den Midterms massiv unter Druck steht.