Fünf Jahre Ahrtal-Flut: Helfen bis zur völligen Erschöpfung

Stand: 17.07.2026, 07:00 Uhr

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Wenn eine Region zerstört wird: Claudia Kaiser (links) und ihre Tochter Dorothee Sander mit einem Bildband, der die Ahrtalflut dokumentiert.

Wenn eine Region zerstört wird: Claudia Kaiser (links) und ihre Tochter Dorothee Sander mit einem Bildband, der die Ahrtalflut dokumentiert. © Steffen Gerth

Claudia Kaiser fuhr anderthalb Jahre lang mit ihrer Tochter jedes Wochenende von Obertshausen ins Katastrophengebiet. Bis ihr Körper streikte. Von den Belastungen muss sie sich heute noch erholen.

Obertshausen – An diesem Tag streikte ihr Körper, streikte ihr Geist. Nichts ging mehr bei Claudia Kaiser. In der späten Sonntagnacht war sie wieder einmal zurück nach Obertshausen gekommen, hatte geduscht, sich schlafen gelegt, „doch am Morgen kam ich nicht mehr aus dem Bett“. Und in den Tagen danach hatte sie Atemnot, sie konnte sich keine Namen merken. Claudia Kaiser war ausgebrannt, erschöpft, depressiv.

Gut anderthalb Jahre ehrenamtlicher Arbeit lagen damals hinter ihr, Arbeit, infolge der schlimmsten Naturkatastrophe Deutschlands in der jüngeren Vergangenheit. In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 war nach einem Starkregen eine Sturzflut durch das Ahrtal gedonnert, 136 Menschen sind dabei gestorben, Städte und Dörfer wurden verwüstet, meterhoch stapelten sich Schutt, Autos und Schlamm.

Ohne Leute wie die Kaisers wäre vieles im Ahrtal schlimmer ausgegangen

Wenn nun Deutschland der Ahrtalflut vor fünf Jahren gedenkt, dann ist das mehr als ein Staatsakt mit Kanzler und Ministerpräsidenten. Vielmehr erzählen auch Claudia Kaiser und ihre Tochter Dorothee Sander die Geschichten von Menschen, ohne die dort vieles schlimmer ausgegangen wäre. Denn die zeitweilige Hilflosigkeit des Staates wurde kompensiert durch hundertfachen freiwilligen Einsatz von Menschen aus ganz Deutschland.

Claudia Kaiser hatte diesen Helferimpuls bekommen durch ein Facebook-Video des inzwischen nicht unumstrittenen Fluthelferaktivisten Markus Wipperfürth. Am 19. Juli 2021 waren Kaiser und ihre Tochter erstmals ins Krisengebiet aufgebrochen. Ihr Hilfsangebot: Verpflegung bringen. Schließlich betrieben Claudia und ihr Mann Klaus damals noch in der Wilhelmstraße „Kaisers Backstube“. Also bestand die erste Fuhre aus 500 Brötchen, plus 20 Kilogramm Leberkäse. Sie kamen dann in Walporzheim an, einem Stadtteil von Bad Neuenahr-Ahrweiler, wo es noch Straßen gab. Vieles war Zufall.

Nach der Flut: Alles voller Schlamm und Geröll

Claudia Kaisers Auto war damals drei Tage alt, als sie in dieses Schlamminferno steuerte. „Wir sahen aus wie Touristen“, beschreibt Tochter Dorothee ihren ersten Auftritt. Alles war unwirklich. Auf einem frei gebliebenen Platz in der Ortsmitte begann sie, ein Helferzentrum zu organisieren. Es entwickelte sich daraus ein pulsierendes Versorgungszelt, das später geteilt wurde in einen Bereich für Verpflegung und einen für Maschinen und Werkzeuge.

„Jeder Helfer brachte das ein, was er konnte“, sagt Klaus Kaiser. Seine Frau und Tochter kümmerten sich um die Verpflegung: Über anderthalb Jahre brachten sie und ihre Tochter Backwaren aus Obertshausen an die Ahr. Jedes Wochenende. Immer am Samstagmorgen, 6 Uhr, ging es los, Sonntagnacht kamen sie zurück. Wobei die Tochter noch einen Umweg zu ihrem Wohnort Weilrod im Taunus zurücklegen musste.

Geschlafen wurde vor Ort, wo es gerade ging. In Ferienwohnungen, die Vermieter zur Verfügung stellten, in Zimmern von Häusern, denen die Flut die oberen Etagen gelassen hatte, und im „The Kittle Britain Inn“ in Linz am Rhein, einem Themenhotel mit einem Raum mit Harry-Potter-Kulisse. Über all die Zeit wurden gut 900 Kuchen und 16.000 Brötchen aus der kleinen Bäckerei in Obertshausen an die Ahr gebracht. An Weihnachten war Klaus Kaiser mit Teig hinauf ins Zelt nach Walporzheim gekommen, um mit Kindern Plätzchen zu backen.

Jeder Helfer brachte das ein, was er konnte

Das klingt fast romantisch, doch wer damals helfen wollte, musste psychisch robust sein. Claudia Kaiser erinnert 80 Jahre alte Männer, die mit Schaufeln ihre Häuser vom Schlamm befreien wollten. Sie erinnert sich auch an Einsatzkräfte, die es emotional nicht verkraftet hatten, als sie sahen, was die Massen aus Wasser und Geröll mit Menschen anrichteten.

Aber dann erinnern sie und ihre Tochter sich daran, wie damals eine gewaltige Zufallsgemeinschaft gemeinsam anpackte, und das mitten in der Coronapandemie. Masken? Abstand halten? Von wegen. Sie erinnern sich an Josef Graf, der als „Trompeter vom Ahrtal“ mit seiner Musik den Menschen Mut gemacht hatte. Und sie erinnern sich an den magischen Moment, als Handwerker die Glocke der St. Josef-Kapelle in Walporzheim wieder in Gang gesetzt hatten.

Helferzeit immer noch nicht verkraftet

Doch solche schönen Augenblicke und die vielen neuen Freundschaften können nicht die enorme Belastung von Helfern ausgleichen. Nach dem Zusammenbruch ihrer Mutter waren Dorothee Sander und ihr Mann Sascha noch drei Monate lang Helfer einer mobilen Pizza-Bäckerei im Katastrophengebiet. Dann war auch dieser Einsatz beendet.

Und fünf Jahre später? Claudia Kaiser ist jetzt 63 Jahre alt und hat ihre Helferzeit mental noch nicht verkraftet. Einmal in der Woche bekommt sie Besuch von einer Therapeutin. Sie wird auch nicht zum großen Helferfest am Samstag in Grafschaft reisen, es ist alles zuviel. Auch Dorothee Sander bleibt fern, das ist aber einem Motorradunfall dieser Tage geschuldet.

Dann schauen sie noch hoch zum Dach ihres Hauses in der Karl-Mayer-Straße. Zehn Meter ist es bis zum Giebel. Bis zu 14 Meter war an manchen Stellen die Flut in der Nacht vor fünf Jahren angestiegen, erzählt Claudia Kaiser. „Auch unser Haus wäre dann weggespült worden.“ (von Steffen Gerth)