Missbrauchsdarstellungen? Geplatzter Kunstankauf in Tirol lässt viele Fragen offen

Sammlung Weiermair

Missbrauchsdarstellungen? Geplatzter Kunstankauf in Tirol lässt viele Fragen offen

Wie der geplante Ankauf der Sammlung Weiermair durch das Land Tirol in einem Sumpf aus nackten Minderjährigen und Spekulationen über museumsinterne Intrigen versinkt

Ivona Jelčić

Das Ferdinandeum in Tirol.
Die Sammlung Weiermair hätte an das Innsbrucker Ferdinandeum gegen sollen, dort schaut man nun durch die Finger. Einige vermuten Intrigen hinter den angeblich problematischen Bildern in der Sammlung.

Die Vorwürfe wiegen schwer, die Krisenkommunikation und andere Begleitumstände wirken zumindest fragwürdig. Vergangene Woche hat das Land Tirol den geplanten Ankauf der Sammlung des 2021 verstorben Ausstellungsmachers und ehemaligen Museumsleiters Peter Weiermair gestoppt. Zuvor hatte die Tiroler Tageszeitung VP-Landeshauptmann und Kulturreferent Anton Mattle Fotos eines ihr zugespielten Datenträgers vorgelegt. Dieser soll laut dem Medium beweisen, dass die Bestände "Missbrauchsdarstellungen von Knaben" enthalten.

Elf Bilder sollen es sein, auf denen "Missbrauch zu sehen ist". Das sei ihm von Landesseite mitgeteilt worden, sagt Andreas Rudigier, Direktor der Tiroler Landesmuseen, die die Sammlung und Bibliothek übernehmen hätten sollen. Er selbst habe die Bilder nicht gesehen, so Rudigier, der kurz nach Bekanntwerden des Ankaufsstopps in einem Facebook-Kommentar zu dem Thema schreibt, es handle sich "um eine Racheaktion aus den Tiroler Landesmuseen heraus die wohl gegen mich gerichtet ist".

Rede von Racheakt

Vom STANDARD dazu befragt, sagt der Museumschef: "Es handelt sich um eine Vermutung, die wir haben." Bestätigung dafür gebe es aber keine, er könne deshalb nicht mehr dazu sagen. Wortkarg bleibt er auch auf die Frage, wer sich wofür an ihm rächen wolle: Es gebe derzeit viele Veränderungen im Haus, "nicht alle sehen sich dabei als Gewinner." Ob jemand aus dem Mitarbeiterstab den Ankauf sabotiert haben könnte, wie Rudigiers Post insinuiert, ist nur eine von vielen brisanten Fragen, die rund um die Causa auftaucht.

Unklar ist etwa, warum die Verantwortlichen des Landes nicht auch die Vertreter des Museums beigezogen haben, als die "Missbrauchsdarstellungen" vorgelegt wurden und worum es sich dabei genau handelt. Ein vom STANDARD an das Landeshauptmann-Büro übermittelter Fragenkatalog wurde lediglich mit einer allgemeinen Stellungnahme beantwortet, in der es heißt: "Bei der Verbindung von Aktbildern und Minderjährigen ist für das Land Tirol eindeutig eine rote Linie überschritten – unabhängig in welchem Zusammenhang."

Der Bildband "Boys"

Aktdarstellungen von Minderjährigen gibt es in der Sammlung freilich sehr wohl. Beispiele dafür sind auch in jenem Schätzgutachten gelistet, das die Tiroler Landesmuseen 2024 beim Kunstsachverständigen Tobias Natter in Auftrag gegeben hatten und das dem STANDARD vorliegt. Bewertet wurde ein gemeinsam mit den Erben Weiermairs ausgewähltes Konvolut aus 324 Werken. Dazu zählen auch Arbeiten des US-Fotografen Will McBride, mit dem Weiermair in den 1980er-Jahren den Bildband "Boys" herausgebracht hat, der so heute wohl nicht mehr erscheinen könnte. Er versammelt McBrides offensive Aktbilder Buben an der Schwelle zum Erwachsenwerden, die bereits in den 1960er und 70er-Jahren für Kontroversen sorgten, den einen als Sinnbild für die 68er und anderen als sittenwidrig galten.

Ein Mann mit grauem Haar und Bart trägt einen braunen Mantel und einen dunkelblauen Schal. Der Hintergrund zeigt ein unscharfes Muster.
Der frühere Museumsleiter und Kunstsammler Peter Weiermair starb 2021. Zu den nun erhobenen Vorwürfen kann er selbst sich nicht mehr äußern.

Mindestens 10.000 künstlerische Arbeiten und mehr 40.000 Bücher soll der 2021 verstorbene Peter Weiermair hinterlassen haben. Hinzu kommen Korrespondenzen und Archivalien aus seiner Tätigkeit als Kurator und Verleger, Leiter des Frankfurter Kunstvereins, des Salzburger Rupertinums und der Galleria d’Arte Moderne in Bologna. Die gewaltige Dimension des Nachlasses lässt sich in der Innsbrucker Wohnung Weiermairs und in einem Kunstdepot in der Nähe der Tiroler Landeshauptstadt erahnen, die der STANDARD vor wenigen Tagen mit dem Neffen des Sammlers besucht hat.

Der in den USA lebende Robert Weiermair ist angesichts der jüngsten Entwicklungen so schnell wie möglich nach Tirol gereist. Über den Umstand, dass sein Onkel mit Missbrauchsdarstellungen von Minderjährigen bzw. deren Sammlung in Verbindung gebracht wird, zeigt er sich bestürzt. Die Vorwürfe seien für ihn "absolut nicht nachvollziehbar", sagt er. "Ich bin mit dem Material nicht konfrontiert worden und weiß auch nicht, um welche Bilder es sich handelt."

Neffe ist "fassungslos"

Sie dürften jedenfalls aus jenem Datensatz stammen, den der Innsbrucker Stadtarchivar Lukas Morscher angelegt hat. Er hat ab 2017 als Gerichtssachverständiger im Auftrag vom Sachwalter des damals bereits schwer erkrankten Weiermair die Bestände in verschiedenen Wohnungen des Kunsthistorikers fotografiert und inventarisiert. Und sagt, er habe die Daten bereits vor Jahren auch an die Landesmuseen weitergegeben. Das dürfte noch vor dem Amtsantritt Rudigiers gewesen sein, der den TLM seit Dezember 2023 vorsteht.

Robert Weiermair zeigt sich indes fassungslos darüber, dass nun Fotos aus den privatesten Lebensbereichen seines Onkels an die Öffentlichkeit gelangen. Und meint damit etwa Bilder von einer Sammlung unterschiedlicher Phallus-Statuen. Weiermair habe zeitweise auch in Thailand gelebt, wo diese als Glücksbringer gelten, es handle sich um eine private Kollektion, die mit der Sammlung nichts zu tun habe. Er hat die Medienanwältin Maria Windhager eingeschaltet, die dem STANDARD erklärt, sie prüfe rechtliche Schritte, "weil die Vorwürfe unserer Ansicht nach nicht ausreichend belegt werden und aus der Sicht der nahen Angehörigen die Ehre und der gute Ruf des Verstorbenen massiv beschädigt worden sei".

Hochkarätige Werke

Der 1944 in Oberbayern geborene und in Innsbruck aufgewachsene Weiermair hat die Innsbrucker Avantgarde-Szene in den 1960er und 70er Jahren wesentlich geprägt und war später international als Ausstellungsmacher tätig. Nicht zuletzt auch das internationale Netzwerk Weiermairs war es, dass das Interesse der Landesmuseen geweckt hat, das noch zu dessen Lebzeiten erste Gespräche über die Übernahme seiner umfangreichen Bibliothek geführt wurden. "Allerdings zeigte sich rasch, dass seine Bibliothek seine Sammlung erschließen würde, was dazu führte, dass die Gespräche dann zur gesamten Sammlung geführt wurden. Die hohe Qualität der Kunstsammlung war dann rasch zu sehen, sie umfasst zum größten Teil Werke nach 1945, obwohl auch frühere Arbeiten enthalten sind. Die Sammlung hätte es den Tiroler Landesmuseen ermöglicht, internationale Fragestellungen ausgehend von Tirol in Ausstellungen, Forschungsprojekten und Symposien, herauszuarbeiten", sagt Roland Sila, Leiter der landesmusealen Bibliothek.

Die Frage, was sich überhaupt in der Sammlung befindet, ist seit Jahren Gegenstand von allerlei Spekulationen. Hauptwerke sind zwei große Gemälde von Max Weiler, darunter KÖNIGLICHEN aus 1961, zwei große Skulpturen von Karl Prantl, Zeichnungen und Pastelle von Anton Kolig und Alfons Walde, außerdem Arbeiten von Arnulf Rainer, Günter Brus und weiteren Vertretern der österreichischen Kunst nach 1945. Auch große internationale Namen wie Louise Bourgeois oder David Hockney sind vertreten, mit kleineren grafischen Arbeiten. Außergewöhnlich ist die Sammlung zur künstlerischen Fotografie, einem der zentralen Medien mit dem unter anderem mit Werken von Heinrich Kühn, Man Rays berühmte surrealistischer Frauenakt La prière auf posthumen Bromsilbergelatineabzug, Arbeiten von Peter Hujar oder Horst P. Horst. (Ivona Jelčić, 16.7.2026)

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