Videospiele haben ihre Nutzer schon in ganz fürchterliche Welten geschickt, in Schlachten des Zweiten Weltkriegs zum Beispiel, in dämonenverseuchte Verliese oder havarierte Raumstationen. Stets geht es darum, das Außergewöhnliche, das Unvorstellbare nachzuspielen. Die Kulisse ist dabei eigentlich zweitrangig, denn die Erwartungen der Nutzer sind meist die gleichen: Man will Spaß haben oder in eine fantastische Geschichte abtauchen oder seine Fingerfertigkeit anhand der Spielmechanik messen.
Das Gewöhnliche zu thematisieren, dagegen hat sich das Medium Videospiel lange gesträubt (okay, außer bei den Sims vielleicht). Entgegen dieser Tradition hat das Schweizer Indie-Studio Blue Hood Games nun den „Europe Heatwave Simulator“ veröffentlicht. Der Name ist dabei Programm und die Aufgabe denkbar simpel: Wo man anderswo nicht weniger als die Welt retten soll, gilt es hier, vierzehn Tage lang in einer Pariser Mietwohnung zu überstehen, bei 42 Grad Außentemperatur. Ohne Klimaanlage, versteht sich, stattdessen mit Home-Office-Pflicht, Produktivitätszwang und giftigen Kommentaren der Kollegen, wenn man wieder wie gerädert vor die Kamera der Videokonferenz tritt. Wer es nicht schafft, seine Vitalfunktion an die Hitze anzupassen, wird nicht überleben. Der Alltag wird zum Survival-Horror.
Die Krise lässt sich nicht abschalten, das Spiel schon
Obwohl die Grafik eher an die Spielkonsolen der Neunziger erinnert – grob verpixelt, kantig, tröstend nostalgisch –, ist das Spiel brandaktuell. Weil es etwas aufgreift, das Millionen Menschen gerade noch kollektiv erlebt haben. Das zeigt, wie schnell auch Videospiele inzwischen auf aktuelle Entwicklungen reagieren, ja sogar zum gesellschaftlichen Kommentar werden können. Ist das noch Unterhaltung oder nur ein weiterer Krisen-Liveticker?
Das Spiel simuliert nicht mehr eine mögliche Welt, sondern protokolliert die eigene, kaum zeitversetzt. Und dabei geht es ums Ganze: Wenn der Discounter die längst vergriffen geglaubten Klimaanlagen auf einmal wieder im Angebot hat, kommt es zum Handgemenge. Anstatt magischer Tränke gibt es Ventilatoren und Icepacks, anstatt epischer Kämpfe nur den gegen die Stechmücken, wenn man nachts doch mal das Fenster geöffnet hat.
Genrehistorisch reiht sich das Hitzewellenspiel ein in eine Tradition von Alltagssimulationen, die genau dort ansetzen, wo bei anderen Games längst das Happy End und die Credits abgespielt werden. In der Vergangenheit haben sich sogenannte Serious Games wie „Papers, Please“ oder „Cart Life“ banalen Dystopien gewidmet, der Grenzkontrolle, dem Minijob, der Mietnachzahlung. Dafür gab es nicht nur viel Kritikerlob, inzwischen werden die Spiele sogar im Schulunterricht thematisiert. Neu ist, dass die Verfremdung maximal zurückgefahren ist. Es geht nicht mehr um fiktive Behördenwillkür, sondern um den eigenen Sommer.
Aber warum sollte man den nachspielen, wo man ihn doch gerade erst halbwegs überstanden hat? Das Medium Videospiel bietet statt Eskapismus nun auch Expositionstherapie. Verarbeitung durch Wiederholung in einem sicheren Rahmen. Weil die reale Krise sich eben nicht abschalten lässt, das Spiel aber immerhin schon.