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Der Osten ist anders. Oder dem Titel eines Films von Wolfgang Buck, in dem zwei Westdeutsche nach der Wende durch den „Wilden Osten“ reisen, folgend: „Wir können auch anders ...“ Eine Facette dieses Andersseins ist die Protestkultur: direkt, undiplomatisch, selbstbewusst, naiv, manchmal subtil und witzig, manchmal roh und unverfroren, auf jeden Fall mit deutlich kürzerer Zündschnur als im Westen. Ja, ob Pegida, die Coronaproteste oder die heutigen Montagsproteste: Die Ostdeutschen treibt es schneller aufs Straßenpflaster als ihre westdeutschen Landsleute. Aber woran liegt das?
Sind sie schlichtweg der Demokratie verdrossen, wie da und dort gern mal propagiert wird? Mit Sicherheit nicht, ganz im Gegenteil. Das Adjektiv „naiv“ tauchte nicht umsonst in der obigen Liste zur Protestkultur auf. Genauer müsste es „desillusioniert naiv“ heißen. Desillusioniert, weil für viele im Osten das Vertrauen in das bestehende Parteiensystem schwindet. Sie haben im Gegensatz zum Westen Deutschlands die Erfahrung gemacht, dass politische Systeme nichts in Beton Gegossenes sind. Naiv, weil sie überzeugt sind, durch öffentlichen Protest ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen zu können. Auch das ein Erbe von 1989. Demokratisch, weil es eigentlich nichts Urdemokratisches gibt, als seinem Anliegen gemeinsam im öffentlichen Raum Ausdruck zu verleihen.
Widerstandsrezeptoren werden aktiviert
Zumindest an der Oberfläche der Bundesrepublik wurde den Ostdeutschen in der Nachbetrachtung zur Wende für ihre Losung „Wir sind das Volk“, die den ungezähmten Volkswillen in vier kraftvolle Worte ballt, Anerkennung gezollt. Mit einem Schuss Zynismus möchte man sagen: Klar, seinerzeit ging es um die Befreiung vom kommunistischen Joch. Angekommen in der besten aller Welten, möge sich der Ostdeutsche nun doch lieber von rüden, ungehobelten Straßenprotesten fernhalten – oder ist er fast 37 Jahre nach dem Mauerfall gar noch immer diktaturgeschädigt?
Doch so einfach ist die Welt nicht.
Bestimmte Erfahrungen sind theoretisch nicht erfassbar. So wie der Griff des Kindes auf die heiße Herdplatte eine Lektion fürs Leben ist, so ist auch die Erfahrung des politischen Systemwechsels in die Erfahrungswelt der Ostdeutschen eingebrannt. Und da wir soziale Wesen sind, werden diese Erfahrungen an die jüngere Generation bewusst und unbewusst weitergegeben. Erinnerte Selbstwirksamkeit ist ein Faktor bei der Beantwortung der Frage nach der größeren Asphaltlust im Osten. Ein anderer hat ebenfalls mit der Fähigkeit zur Erinnerung zu tun.
Wenn die Politik heute am helllichten Tage und nicht im Stasi-Hinterzimmer Meldestellen einrichtet, wenn die Zeitungen über unliebsame Dinge nicht mehr berichten, wenn Spitzenpolitiker hohle Phrasen in neuen wandlitzartigen Refugien dreschen, wenn ideologische Themen die real existierenden Lebensverhältnisse überblenden, wenn die Agitatoren hinter der Mattscheibe zur Wahl der demokratischen Kandidaten („der Einheitsfront“ denkt man sich) aufrufen, ja dann werden unweigerlich (r)evolutionär erworbene Widerstandsrezeptoren aktiviert.
Atomkriegsuhr steht auf 85 Sekunden vor Mitternacht
Nur bei einer Frage weht der Wind heute anders. Das Totschlagargument bei Systemkritik seinerzeit war: „Du bist doch auch für den Frieden?“ So fragt heute keiner mehr. Dass die Atomkriegsuhr, ein Indikator für die reale Gefahr eines Atomkriegs, auf 85 Sekunden vor Mitternacht steht – ein Tiefstwert, der nicht einmal in den dunkelsten Zeiten des Kalten Krieges erreicht wurde – ist kein Thema in Medien und Politik. Wer schließlich auf Friedensinitiativen der Friedensnobelpreisträgerin „Europäische Union“ oder unseres Landes wartet, harrt seit Jahren vergebens.
Dass die Trennlinie zwischen Ost- und Westblock durch Deutschland ging, merkt man heute insbesondere, wenn es um das Verhältnis zu Russland geht. Die meisten Ostdeutschen pflegten keinen reinen Hass und auch keine reine Liebe zur Sowjetunion. Die Beziehung war wohl in den meisten Fällen ambivalent. Vor allem aber lernten sie zwischen dem politischen System des Großen Bruders und den Menschen in den Sowjetstaaten zu unterscheiden. Dass vor diesem Hintergrund das heute von der Politik propagierte undifferenzierte Schwarz-Weiß-Bild eines Russlands, „das immer unser Feind bleiben wird“, auf Unverständnis stößt, liegt auf der Hand.
Zusammengefasst: Ein eingeschärfter Sinn für Haarrisse in nur scheinbar stabilen politischen Systemen, das Erkennen von Parallelen und die Möglichkeit, unterschiedliche Gesellschaftsentwürfe miteinander zu vergleichen, sind weitere Faktoren für die Bereitschaft, ins Freie zu treten.
Die Ostdeutschen treibt es schneller aufs Straßenpflaster als ihre westdeutschen Landsleute, schreibt der Autor und liefert Erklärungsansätze.
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Drastische Vermögensunterschiede zwischen Ost und West
Und vergessen wir nicht handfeste Dinge wie die Vermögenslage und das Arbeitseinkommen. Das „Institut für Angewandte Wirtschaftsordnung“ der Universität Tübingen hielt Ende 2025 ein offenes Geheimnis in Zahlen fest: Auch 35 Jahre nach der Wiedervereinigung sind die Vermögensunterschiede zwischen Ost und West drastisch. Ostdeutsche Haushalte besitzen im Durchschnitt nicht einmal halb so viel Vermögen wie im Westen. Selbstgenutztes Wohneigentum ist mit 40 Prozent im Westen verbreiteter als im Osten mit 30 Prozent. Auch das Arbeitseinkommen ist im Westen noch gut ein Fünftel höher als im Osten. Der materielle Puffer, welcher harte Zeiten abfedert, ist im Osten deutlich schwächer als im Westen und folgerichtig sind die Menschen hier eher alarmiert.
Diese Faktoren gemeinsam bewirken, dass einerseits die Protestbereitschaft im Osten höher ist als im Westen, zum anderen erklären sie aber auch, warum vor allem die Generationen jenseits der 50 das Gros der Protestbewegung stellen.
„Aber warum die Straße? Was soll das? Wir haben doch unsere repräsentative Demokratie mit einem ausgeklügelten Parteiensystem, in das sich jeder politisch engagierte Bürger einbringen kann?“, höre ich den Advocatus Diaboli fragen. Das Gegenplädoyer des Straßenprotestlers lautet: „Zum einen: Was ist denn unziemlich daran, seine Interessen auf der Straße kundzutun? Nach dem Grundgesetz sollen die Parteien bei der politischen Willensbildung des Volkes lediglich mitwirken, diese aber nicht kapern. Der Straßenprotest ist eine sehr unverfälschte Form der Willensbildung des Volkes! Zum anderen: Es muss erlaubt sein, über grundlegende Reformen unserer Gesellschaftsform nachzudenken. Dies umso mehr, als das bestehende System seit Jahrzehnten nicht mehr durch seine Leistung überzeugt. Hat sich die Bildung unserer Kinder und Jugend verbessert? Ist das Rentensystem verlässlicher und stabiler geworden? Ist unser Gesundheits- und Pflegesystem besser als vor 30 oder 40 Jahren? Ist unser Land in den letzten Jahrzehnten sicherer für seine Bürger geworden?“
Bevor wir den Advocatus Diaboli erneut zu Wort kommen lassen, kehren wir noch einmal zurück zur Betrachtung der Bedingungen, unter denen eine Protestkultur entsteht. Erst einmal ist die Bereitschaft nicht mit der Teilnahme am aktiven Straßenprotest zu verwechseln. Da ist zum einen die natürliche Trägheit, die in uns allen steckt. Nicht jeder, der weiß, dass seiner Gesundheit mehr Bewegung guttun würde, wird deshalb anfangen, Sport zu treiben. Im Fall des Straßenprotests kommt noch ein anderer Punkt hinzu. Um in der Öffentlichkeit Gesicht zu zeigen, vielleicht noch mit einem Plakat, bedarf es Zivilcourage. Gerade dann, wenn die eigene Meinung der medial öffentlich dominierenden entgegensteht.
Ohne Zweifel hat sich im Land eine bedenkliche Stimmung hinsichtlich der Meinungsfreiheit breitgemacht. Nach einer aktuellen Umfrage macht sich mehr als die Hälfte der Deutschen große Sorgen um die Meinungsfreiheit. Wer heute an regierungskritischen Protesten teilnimmt, stellt sich diesem die Demokratie lähmenden Trend offen entgegen, zahlt dafür jedoch womöglich einen Preis.
Die Gefahr der Kontaktschuld
Auf die Frage an Bekannte, die den Straßenprotesten unter vier Augen durchaus positiv gegenüberstehen, warum sie sich nicht anschließen, bekommt man nicht selten als Antwort: „Ich würde ja, aber meine Frau arbeitet im Öffentlichen Dienst.“ Oder: „Ich würde ja, aber wenn das bei mir auf der Arbeit rauskommt, tue ich mir keinen Gefallen.“
Diese Bedenken kommen nicht von ungefähr, zeigen die realen Erfahrungen. So sei an dieser Stelle das Beispiel „Dresdner Friedenspodium“ genannt, einer Initiative, die eine Veranstaltungsreihe mit kritischen Denkern unserer Zeit organisiert. Die letzten prominenten Gäste waren Daniela Dahn, Jonas Tögel sowie Ulrike Guérot. Es ist keineswegs mehr einfach für die Vorträge solch kritischer Zeitgeister noch Veranstaltungsorte zu finden. Zu groß die Gefahr einer Kontaktschuld.
Da meldet sich des Teufels Advokat: „Straßenproteste gehören natürlich zu unserer Demokratie. Wir sollten dankbar sein, dass sie möglich sind. Aber es genügt nicht, dagegen zu sein. Konstruktiv nach vorn können nur die gewählten Abgeordneten arbeiten.“ Der Straßenprotestler kontert: „Manchmal bedarf es nicht mehr als eines deutlichen ‚Nein‘, um der Demokratie Genüge zu tun. Genau dann, wenn in grundlegenden Fragen Volkes Wille von der Politik ignoriert wird. Andererseits sehe ich es auch so, dass es idealerweise einen Austausch zwischen den Protestierenden als dem Souverän und den Abgeordneten geben sollte.“
Wie das in der Praxis aussieht, zeigt ein konkretes Beispiel aus der sächsischen Landeshauptstadt. Der Dresdner Straßenprotest findet sich seit Jahren jeden Montag um 19 Uhr vor dem Kulturpalast zusammen. Hier trifft man den Fitnesstrainer und den Handwerker neben dem Physikprofessor, den Altlinken neben dem sächsischen Patrioten. Was eint, ist die Position zu existenziellen Themen wie Krieg und Frieden. Hier artikuliert man klar das gemeinsame Nein zur aktuellen Politik. Der Selbstanspruch reicht aber weiter. Die wöchentlichen Proteste werden begleitet durch Redebeiträge von Stadt- und Landtagsabgeordneten, aufgeschlossenen Vertretern aus der Kunstszene, Kirchenvertretern und nicht zuletzt dem mündigen Bürger.
Wie der Dresdner Erich Kästner argumentiert
Allen Beteiligten ist klar, dass Protest nur dann etwas bewirkt, wenn er anschlussfähig ist. Dazu bedarf es einer vorurteilsfreien Debatte im besten demokratischen Sinne. Genau in diesem Geist verfolgt der Dresdner Montagsprotest eine Politik der ausgestreckten Hand. Nicht immer wird diese ergriffen, wie im Fall der Resolution der Montagsspaziergänger zur EKD-Denkschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ an die Pfarrer der Frauenkirche. Das ist kein Grund zur Resignation, denn was wäre die Alternative zum Dialog?
Der Dresdner Erich Kästner hielt 1952 eine Rede an die Jugend zur Jahreswende. Die Trümmer des Zweiten Weltkrieges, die materiellen und die geistigen, waren noch allgegenwärtig. Der von den Nazis abschätzig als Asphaltliterat titulierte Kästner appellierte: „Wir müssen unseren Teil Verantwortung für das, was geschieht, und für das, was unterbleibt, aus der öffentlichen Hand in die eigenen Hände zurücknehmen.“ Eine Aufforderung, der sich die heutigen Dresdner Asphaltprotestler von 2026 sicher weitgehend anschließen können.
Thomas Porschberg zirkuliert meist zwischen Bits und Bytes, Honigwaben, Schachbrettern und Ackerkrume. Er ist Sachse und zwischen Elbflorenz und Osterzgebirge zu Hause.
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