Die deutsche Wirtschaft zeigt nach einer langen Phase der Flaute erste Anzeichen einer Erholung. Die größte Volkswirtschaft Europas ist auf bestem Wege zum stärksten BIP-Wachstum seit 2022. In der Wirtschaft tendiert die Stimmung nach langer Durststrecke wieder nach oben.
Wie die Statistikbehörde des Landes vergangene Woche berichtete, wuchs die Wirtschaft im zweiten Quartal 2026 um 0,3 Prozent. Das Wachstum lag damit über den Prognosen und knüpfte an die robusten Zahlen der beiden vorangegangenen Quartale an.
Auch andere Stellen korrigierten ihre Prognosen nach oben. Das ifo Institut, das Kiel Institut für Weltwirtschaft und das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung gehen nun von einem Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent oder höher für das Jahr 2026 aus.
Der ifo-Geschäftsindex wiederum, ein wichtiger Barometer für die Stimmung unter den Unternehmen des Landes, erreichte im August den höchsten Stand seit einem Jahr.
"Das ist mehr als nur ein Strohfeuer", sagt Clemens Fuest, Präsident des ifo Instituts der DW. "Es könnte ein Aufschwung sein."
"Die Entwicklung ist positiv und die Wirtschaft hat sich als resilienter als befürchtet erwiesen", sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING. Er warnt jedoch auch vor zu viel Zuversicht, denn einige der grundlegenden Probleme der Wirtschaft bestünden weiterhin. "Um diese Entwicklung wirklich in einen langfristigen Aufschwung zu verwandeln, brauchen wir mehr", betont er.
Wer ist für die guten Nachrichten verantwortlich?
Trotz der positiven Nachrichten häufen sich die negativen Schlagzeilen über die deutsche Wirtschaft weiter.
Volkswagen, eine der Kultmarken des Landes, ist dabei, drastisch Personal abzubauen - nur eines der Zeichen für die angesichts der Konkurrenz aus China und anderer globaler Herausforderungen landesweit stattfindende Umstrukturierung.
In diesem Sommer sorgten historische Niedrigstände der deutschen Wasserstraßen wie dem Rhein und der Donau für erhebliche Störungen des Handels und der Wirtschaftstätigkeit. Gleichzeitig trieb der Krieg im Iran die Energiepreise nach oben.
Deutschlands wichtigster Fluss trocknet aus
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Ein Grund für den Aufschwung ist der Umgang der deutschen Wirtschaft mit diesen Herausforderungen, insbesondere der Blockade der Straße von Hormus wegen des Iran-Kriegs.
Angekurbelt haben das BIP-Wachstum Deutschlands Exporte und seine industrielle Basis. Die Zahl neuer Aufträge stieg für den dritten Monat in Folge und führte zum stärksten Produktionswachstum seit Anfang 2022. Der VDMA, der die Unternehmen des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus vertritt, meldete für Juli einen Anstieg der Auslandsaufträge um 2 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat.
Der DW sagte Brzeski, deutsche Fertigungsunternehmen, insbesondere in energieintensiven Branchen wie der Chemieindustrie, hätten von der Schließung der Straße von Hormus profitiert. Ihre Auftragszahlen stiegen und es gelang ihnen, asiatischen Anbietern, die stärker von Öl aus Nahost abhängig sind, Marktanteile abzunehmen. "Industrieaufträge wurden zum Teil von Asien nach Europa und Asien umgelenkt", erläutert er.
Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie verwies in einer Erklärung vom August ebenfalls auf diesen Faktor und stellte fest, dass sich die Preissteigerungen und Lieferengpässe stärker auf die Konkurrenz aus Asien ausgewirkt hätten.
Kahlschlag bei Volkswagen?
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Die zahlreichen Schocks der vergangenen Jahre hätten dazu geführt, dass deutsche Unternehmen ihre Lieferketten diversifizierten. Viele Unternehmen haben "in den letzten Jahren ihre Transportlogistik umgestellt, halten größere Lagerbestände vor und nutzen verschiedene Transportwege, um ihre Lieferketten resilienter zu machen", so das Bundesministerium.
Welchen Anteil hat die Regierung?
Beobachtern zufolge ist diese Entwicklung auch der Regierung von Bundeskanzler Friedrich Merz zu verdanken, trotz ihrer historisch niedrigen Zustimmungswerte im Jahr 2026. "Die Entwicklung wird angetrieben durch die Nachfrage der Regierung und die durch Schulden finanzierten Ausgaben, insbesondere im Verteidigungsbereich", sagt Fuest.
Die Wirtschaftspläne der Regierung bauen auf einem Sondervermögen in Höhe von 500 Milliarden Euro (580 Milliarden US-Dollar) für Investitionen in Infrastruktur, einer massiven Aufstockung der Verteidigungsausgaben und umfassenden Reformvorschlägen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit auf.
Außerdem hat die Regierung verschiedene Entlastungsmaßnahmen bei Energiepreisen sowie ein Steuerentlastungsprogramm in Höhe von 10 Milliarden Euro für einkommensschwache Haushalte eingeführt. "Die Unternehmen sind optimistischer. Eine große Rolle spielt das Konjunkturprogramm", sagt Brzeski. "Es erreicht langsam die Wirtschaft."
Strukturelle Probleme bleiben
Viele der Probleme, die die deutsche Wirtschaft in den letzten Jahren geplagt haben, bestehen trotz der positiven Zahlen weiterhin.
Der jüngste Aufschwung ist auf die Exportnachfrage zurückzuführen, die Inlandsnachfrage ist dagegen praktisch nicht gestiegen. Angaben des Statistischen Bundesamtes zufolge blieben die Konsumausgaben des öffentlichen und privaten Sektors unverändert, die Investitionen gingen zurück.
"Auch wenn alle glücklich sind, dass es positive Nachrichten zu vermelden gibt, müssen wir wachsam sein und nicht in die Falle tappen, zu glauben, jetzt sei alles in Ordnung", meint Brzeski mit Verweis auf die Faktoren, die weiterhin die deutsche Wettbewerbsfähigkeit gefährden.
"Die chinesische Konkurrenz ist noch immer da", sagt er. "Der langfristige Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit in der Automobil- und anderen Branchen besteht noch immer", fügt er hinzu und betont, dass es schwer fallen dürfte, diese strukturellen Herausforderungen zu verändern oder umzukehren.
Deutsche Unternehmen sind zaghaft optimistisch
Dennoch bleibt die Stimmung positiv. Für das dritte Quartal 2026 deuten die Indikatoren auf einen ausgeprägten Optimismus bei Unternehmenschefs hinsichtlich der Zukunft hin. Das deutsche Gesamtwachstum für 2026 ist nun auf Kurs für einen Anstieg um 1,2 Prozent. Damit liegt Deutschland vor anderen europäischen Ländern wie Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden.
Mit dem Beginn des Ukraine-Kriegs geriet die deutsche Wirtschaft in eine anhaltende Krise, aus der sie seit 2022 versucht, sich herauszukämpfen. Während andere Volkswirtschaften Anzeichen einer Erholung zeigten, blieb Deutschland in der Krise stecken.
Einige Beobachter sehen die jüngsten positiven Zahlen als Zeichen dafür, dass die Entwicklung einen natürlichen Tiefpunkt erreicht habe und eine Rückkehr zum Wachstum unvermeidlich sei.

"Es hätte kaum schlimmer kommen können", sagt Brzeski. "Wir rappeln uns nach einem Tiefstand wieder auf. Es handelt sich hier nicht um Wirtschaftswunder 3.0, das dürfen wir nicht vergessen."
Brzeski glaubt auch, dass der Optimismus zum Teil dem Umstand zu verdanken ist, dass deutsche Unternehmen sich endlich einigen bitteren Wahrheiten darüber stellen, warum Deutschland in Schlüsselbereichen wie Innovation und Digitalisierung zurückgefallen ist, und sich nun mit Verspätung um Verbesserungen bemühen.
"Sie haben begriffen, dass sie die technologische Veränderung - KI und so weiter - willkommen heißen und investieren müssen", sagt er. "Sie warten nicht mehr darauf, was in Berlin in puncto Reformpaketen passiert. Es geht ums Überleben."
Für Fuest legen die Zahlen nahe, dass das "industrielle Herz" Deutschlands noch immer intakt ist. Drei Viertel der deutschen Fertigungsunternehmen expandierten noch immer, so Fuest. Doch er warnt auch davor, dass der Aufschwung von kurzer Dauer sein könnte, wenn keine größeren Veränderungen erfolgen.
"Strukturelle Veränderungen müssen dringend möglich gemacht und neue Bereiche erschlossen werden, in denen deutsche Unternehmen Wettbewerbsvorteile haben", sagt er.
Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.