Medienglosse "Blattsalat"
Geschichtsvergessen in Graz, heiße Luft mit Sebastian Kurz
Auf seinem unaufhaltsamen Weg vom Selbstmade-Geilomobilisten zum Multimillionär sucht der Ex-Kanzler mediale Aufmerksamkeit
Glosse
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Günter Traxler
Das Polit-Beben der Woche, das "Österreich" angemessen auf Seite 1 groß versprach und dann mit 46 schmalen Zeilen auf Seite 8 abtat, hat sich rasch wieder ausgebebt, begleitet von einer leisen Ironie des ÖVP-Chefs Christian Stocker, der seinem Generalsekretär Nico Marchetti persönlich und im Namen der Volkspartei für seine umsichtige Tätigkeit als Generalsekretär dankte. Es spricht für die Aufrichtigkeit des parteiamtlichen Danks, dass Marchetti seine umsichtige Tätigkeit fern vom ORF, aber bald mit einem zweiten Standbein als Mandatar fortsetzen kann. Ab sofort gilt nun Markus Gstöttner als absoluter Wunschkandidat und enger Vertrauter von Bundeskanzler Stocker. Jedenfalls bis auf weiteres und hoffentlich umsichtig.
Nachzutragen gilt eine Reaktion auf das Polit-Beben der Vorwoche in der "Presse". Dort diagnostizierte ein Finanzexperte, er war u. a. Vorstand der Wiener Börse, also nicht irgendein Spinner, im Ausgang der Grazer Gemeinderatswahl ein Alarmzeichen für die Demokratie, verbunden mit einer schweren Rüge für das dortige Wahlvolk. Es ist unbegreiflich, dass nach vielen Jahrzehnten des hart verdienten Aufbaus von Wohlstand und Sicherheit, aber vor allem von persönlicher Freiheit, Bürgerinnen und Bürger wie in Graz kommunistisch wählen.
Von der Kernideologie abgewichen?
Deren verantwortungslose Ausübung von Demokratie erschien dem Finanzexperten umso verwerflicher, als sie ihrer schändlichen Betätigung an der Wahlurne weder einen Exorzismus noch eine Gewissensprüfung an den KPÖ-Spitzenvertretern vorausgehen ließen. Haben diese je von der Kernideologie Abstand genommen? Nein! Als Sohn eines tschechischen Vaters, der 1948 aus der kommunistischen Tschechoslowakei nach Wien entkommen konnte, weiß ich sehr gut, was die Ziele dieser totalitären Ideologie bedeuten. Haben die Grazer den Freiheitskampf unserer osteuropäischen Nachbarstaaten vergessen? Hoffentlich nicht.
Es können nicht alle Grazer einen tschechischen Vater haben, von dem man korrekte Ideologiekritik gewissermaßen mit der Muttermilch einsaugt. Insofern sollte man die Bewohner der steirischen Landeshauptstadt nicht allzu streng beurteilen. Aber trotzdem: Wo bleibt heute der Aufschrei führender Journalistinnen und Journalisten? Oder auch gelehrter Meinungsforscher, die kommunistische Stadtparteien zwar als aktuelles Protestphänomen gegen die schwächer werdenden, einst staatstragenden Parteien sehen, aber nur milde, verharmlosende Kommentare abgeben?
Alarmierende Zeichen
Die sollten sich schämen, und der verlangte Aufschrei sei hiermit als Ausdruck persönlicher Freiheit pflichtgemäß nachgetragen, denn es ist ein alarmierendes Zeichen für den Zustand unserer Gesellschaft, kommunistische Parteien zu wählen, auch wenn sie sich unter dem Mäntelchen vermeintlicher Bürgernähe und "wohltätiger" Wohnungsaktionen verbergen. Kein alarmierendes Zeichen für den Zustand unserer Gesellschaft ist es hingegen, wenn sich Bürger Wohnungen nicht mehr leisten können und sich von Leuten helfen lassen, die nie Abstand von der wahren Doktrin des Marxismus und Kommunismus europäischer und sowjetischer Prägung genommen haben. Um Österreichs Freiheit zu retten, sollten sie gefälligst unter der Brücke schlafen, und sei es nur, um das Weltbild eines Börsenvorstands und Finanzexperten nicht ins Wanken zu bringen.
Die Langeweile, die Sebastian Kurz mit seinen Versuchen erzeugt, im politischen Gespräch zu bleiben, wird allmählich penetrant. Auf seinem unaufhaltsamen Weg vom Selbstmade-Geilomobilisten zum Multimillionär sucht er mediale Aufmerksamkeit, indem er den Kronzeugen seiner Kanzlerschaft mit Klagen eindeckt und Plauderstündchen mit Herbert Kickl in die Medien sickern lässt. Es ist fast schon eine journalistische Dauerbeschäftigung geworden, sich Spekulationen über eine Rückkehr in die Politik aus den Fingern zu saugen, die Kurz den journalistisch Dauerbeschäftigten darreicht. So klagt diese Woche in "News" der Analytiker der Woche. Spekulationen über ein Comeback des ehemaligen Kanzlers reißen nicht ab, könnte sein, weil aus der Luft gegriffen sind die Spekulationen nicht. Wie aber kamen sie in die heiße Luft? 2025 gab es unter Führung der niederösterreichischen Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner Bemühungen in der Volkspartei, ihn zurückzuholen.
Dagegen sprechen jedoch fehlende Aussichten auf große Erfolge, und es ist schon lange her. Aber Langeweile darf journalistische Dauerbeschäftigung nicht gefährden.
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