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Glaubt Putin wirklich noch an den Sieg über die Ukraine?
Der Kremlchef reagiert auf die Rückschläge im Drohnenkrieg mit immer brutaleren Angriffen, die strategisch keinen Sinn ergeben. Es könnte noch schlimmer werden
Kolumne
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Eric Frey
In wenigen Tagen wollte der russische Präsident Wladimir Putin im Februar 2022 die Ukraine besiegen. Viereinhalb Jahre später ist er diesem Ziel kaum nähergekommen. Und der Preis für den Krieg, den Russland und die Russen zu zahlen haben, ist in den vergangenen Wochen deutlich gestiegen.
Die ukrainischen Drohnenangriffe auf die Energieinfrastruktur haben massiv in den Alltag der Russinnen und Russen eingegriffen und den lange so fernen Krieg in die Heimat getragen. Mit ihren Drohnenangriffen auf Ölanlagen tief im Kernland hat die Ukraine zu einer Treibstoffkrise im rohstoffreichen Russland gesorgt. Und an der Front bewegt sich seit Monaten kaum etwas, obwohl die Zahl der Todesopfer und Verletzten auf russischer Seite anhaltend hoch bleibt oder sogar steigt.
Wenn sich nicht durch eine neue Waffentechnologie, eine Massenmobilisierung in Russland oder eine politisch-militärische Krise in der Ukraine etwas dreht, dann steckt Russland in diesem Krieg fest. Es kann die besetzten Gebiete zwar weitgehend verteidigen, aber die Ukraine nicht in die Knie zwingen.
Aber statt diese Realität anzuerkennen, verstärkt die russische Armee die Angriffe auf zivile Ziele mit immer mehr ballistischen Raketen und Drohnen und richtet fast täglich in ukrainischen Städten ein Blutbad an. Was ist der Zweck dieser Barbarei? Glaubt Putin, auf diese Weise den Krieg noch gewinnen zu können?
Hitlers vergebliche Hoffnung
Dass sich Kriege nicht aus der Luft gewinnen lassen und schon gar nicht durch das Bombardement von Wohnhäusern und Schulen, haben bereits viele Kriegsherren lernen müssen, derzeit auch US-Präsident Donald Trump. Auch zum alliierten Sieg im Zweiten Weltkrieg haben die Bombenangriffe auf deutsche Städte wenig beigetragen. Ebenso illusorisch war Adolf Hitlers Hoffnung bis ins Frühjahr 1945 hinein, durch den Beschuss mit seiner Wunderwaffe V2 Großbritannien zum Friedensschluss zwingen zu können. Auch die Ukraine wird nicht kapitulieren, egal, wie viele Menschen täglich sterben.
Wahrscheinlich will Putin das nicht sehen, weil die Einverleibung der Ukraine in ein Großrussland zu einer persönlichen Obsession für ihn geworden ist. Interessanterweise aber hat er sich spätestens beim Alaska-Gipfel mit Trump im August 2025 bereit erklärt, den Krieg für einen viel geringeren Preis zu beenden. Alles, was er seither fordert, ist der Verzicht auf einen Nato-Beitritt, der ohnehin nicht zur Diskussion steht, und die kampflose Übergabe der Reste des Donbass, den die Ukraine noch kontrolliert. Das sind 6600 Quadratkilometer im Oblast Donezk. Nicht einmal die von der Ukraine beherrschten Teile der Oblaste Saporischschja und Cherson, die 2022 ebenfalls von Russland annektiert wurden, stehen noch auf seiner Forderungsliste. Für ein Territorium, das etwas kleiner ist als das Land Salzburg, wird dieser Krieg nun weitergeführt?
Ukrainischer Festungsgürtel
Aber dieses Gebiet hat es in sich, denn die ukrainische Armee hat dort einen Festungsgürtel errichtet, der für einen Aggressor nur schwer einzunehmen ist. Ohne ihn aber ist die Hauptstadt Kyjiw nur noch schwer zu verteidigen – vor allem, wenn auch nach den Wünschen Moskaus die ukrainische Armee verkleinert wird. Putins Forderung ist daher ein zynisches Spiel, das ihm den Weg für den weiteren Vormarsch öffnen würde. Deshalb wird die Ukraine dieser Bedingung nie zustimmen, aber deshalb lässt sich das Ziel auch militärisch nur mit riesigen Opfern erreichen. Wie gesagt: Russland steckt fest, militärisch und politisch.
Vielleicht glaubt Putin, dass es in Europa zu einem Stimmungsumschwung kommt und die Ukraine aufgegeben wird. Aber je aggressiver er gegen das Baltikum und Polen vorgeht, vor allem in Form einer hybriden Kriegsführung, desto entschlossener werden EU und Großbritannien sich hinter die Ukraine stellen.
Auch die jüngsten Turbulenzen in der ukrainischen Regierung und Armeeführung sollten dem Kreml wenig Hoffnung geben. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die Krise nach einem anfänglichen Patzer, der Entlassung von Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow, recht geschickt beigelegt. Die jungen Tech-Nerds rund um Federow sollten mit der neuen jüngeren Armeeführung sogar noch besser zusammenarbeiten als mit der alten.
Atomwaffen, eine Option
Was in Putins Hirn vorgeht, weiß niemand. Wahrscheinlich nimmt er die massiven Versorgungsengpässe im eigenen Land, am schlimmsten auf der Krim, nicht ernst und klammert sich an all jene Analysen, die Russland wegen seiner Größe und vielen Ressourcen längerfristig als überlegen sehen. Ob hinter den mörderischen Raketenangriffen Strategie steht oder bloß Rache für die so wirkungsvollen ukrainischen Drohnenattacken, ist unklar. Aber das letztere ist wahrscheinlicher und könnte zu noch schlimmeren Optionen führen. Wird Putin eskalieren, wenn sich die militärische Lage weiter verschlechtert, sei es durch eine Generalmobilmachung oder gar den Einsatz von Atomwaffen? Selbst das kann nicht ganz ausgeschlossen werden.
Das beste Szenario wäre, wenn durch die wirtschaftlichen Folgen des Krieges in Russland der Druck auf den Kremlchef so stark wird, dass er einem Waffenstillstand entlang der bestehenden Frontlinie zustimmt. Vielleicht könnte das Putin mithilfe seiner Propagandamaschine sogar als Sieg verkaufen. Aber derzeit schaut es eher danach aus, dass Putin immer noch an einen anderen Sieg glaubt – an einen, in dem es die Ukraine nicht mehr als unabhängigen Staat gibt. (Eric Frey, 24.7.2026)
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