Harte Kindheit, weiches Herz: Niddataler mit großem Einsatz

Stand: 24.07.2026, 06:00 Uhr

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Daniel Buschbeck hat viele schwere Jahre hinter sich. Mittlerweile engagiert er sich für Kinder. Was auch mit seinem Sohn Emil zu tun hat. Neben den beiden stehen Vilina Belyalova (l.) und Nicoleta Adascalitei vom Café und Restaurant „Kiki's“, eine der derzeit 50 Kinderschutzinseln.

Daniel Buschbeck hat viele schwere Jahre hinter sich. Mittlerweile engagiert er sich für Kinder. Was auch mit seinem Sohn Emil zu tun hat. Neben den beiden stehen Vilina Belyalova (l.) und Nicoleta Adascalitei vom Café und Restaurant „Kiki’s“, eine der derzeit 50 Kinderschutzinseln. © Christoph Agel

Daniel Buschbeck ist auf den Straßen von Berlin-Kreuzberg groß geworden. Die Mutter war abgehauen, der Vater hat gesoffen, der Opa geprügelt. Gewalt, Drogen, Knast prägten ihn. Der Niddataler hat den Absprung geschafft. Und er zeigt ein Herz für Kinder. Mit „Inseln“, die im Notfall Rettungsanker sind.

Friedberg/Niddatal – Nach der Schlägerei ist Schluss gewesen mit den groben Seiten. Er habe sich fünfmal die Hand gebrochen, sein Kontrahent habe einen fünffachen Bruch im Gesicht gehabt, sagt Daniel Buschbeck. „Ich bin fest der Meinung: Wenn ich noch einmal zugeschlagen hätte, dann hätte ich ihn totgeschlagen.“

Die App

Die Kinderschutzinsel-App zeigt die in der Nähe liegenden Inseln, also bestimmte Geschäfte, Cafés, Restaurants und so weiter, samt Öffnungszeiten, Entfernung und Weg dorthin an. Außerdem beinhaltet sie Tipps für Kinder, wie sie sich in unterschiedlichen Situationen verhalten sollten, und ein Quiz. Zudem gibt es einen Hinweis für Eltern.

Rein von der Statur her kann man sich vorstellen, dass seine Schläge schlimme Folgen haben können, ansonsten sitzt der 55-Jährige aber friedlich im Café und Restaurant „Kiki’s“ am Friedberger Elvis-Platz. Neben ihm sein Sohn Emil, der einer der Gründe dafür ist, dass der Niddataler sein Leben umgekrempelt hat und sich mit den „Kinderschutzinseln“ für das Gute in der Gesellschaft engagiert.

Dass ich noch lebe, ist ein Wunder. 

Die Inseln sind Cafés, Restaurants, Geschäfte und andere Anlaufstellen, an die sich Kinder wenden können, wenn sie unterwegs sind und Angst haben, unsicher sind, ihre Eltern suchen oder sich verlaufen haben. „Kiki’s“ ist auch eine Insel, ein Aufkleber auf der Eingangstür macht das deutlich. Buschbeck hat zudem eine App entwickelt, auch damit man die nächste Insel schnell findet (siehe Info).

Die Schlägerei ist fünf Jahre her. Es war nicht seine einzige. Buschbeck wuchs in Berlin-Kreuzberg auf. Seine Mutter verließ die Familie, als der Kleine zwei Jahre alt war. Der Vater hat getrunken, die Großeltern hatten kaum Zeit beziehungsweise der Opa hat ihn verprügelt. Aus dieser Kindheit heraus habe sich eine posttraumatische Belastungsstörung und daraus Borderline entwickelt, sagt Buschbeck. Das erschwere ihm teilweise das Zwischenmenschliche. „Was man mir so nicht anmerkt, weil ich so ein lustiger Kerl bin, ich überspiele das halt.“

Bandidos als „Familienersatz“

Schon als Vierjähriger sei er in Kreuzberg mit dem Roller unterwegs gewesen, sagt der Niddataler. Es habe niemanden interessiert. „Dass ich noch lebe, ist ein Wunder. Ich weiß nicht, auf wie vielen Dächern ich als Fünfjähriger herumgekraxelt bin und Steine runtergeschmissen habe. Ich bin sechsmal angefahren worden, das war auch nie wichtig.“

Buschbeck schloss sich der Rockergruppe Bandidos an. „Als Familienersatz sozusagen.“ 2009 wurde er während eines SEK-Einsatzes verhaftet. Vorwurf: Drogen- und Waffenhandel. Drei Jahre und neun Monate Gefängnis, sechs Monate davon in Moabit, hartes Pflaster. Weiterstadt, dann Schwalmstadt. Dort saß damals der wegen Mordes am elfjährigen Jakob von Metzler verurteilte Magnus Gäfgen. Er habe mit ihm keinen Kontakt gehabt, sagt Buschbeck. Mit Kindermördern rede man nicht.

Buschbeck ging nach der Haft in den Entzug, wurde in der Salusklinik in Friedberg erfolgreich behandelt. Dort wurde unter anderem seine Kokainsucht aufgearbeitet. Danach lief es im Job als Vertriebler gut, die Feierabende jedoch waren von Alkohol und Gewalt geprägt.

Mittlerweile schreibt er an seiner Autobiografie und lässt das Trinken sein. Alkohol habe ihn aggressiv gemacht, sagt er. Im Grunde habe er mit Gewalt nur seine Angst überdecken wollen. „In meinem Herzen bin ich immer ein Kind geblieben.“ Das Herz des 55-Jährigen für Kinder ist groß. Er hat selbst drei Söhne aus zwei Ehen. Emil habe auf dem Schulweg Angst gehabt. Das habe ihn dazu veranlasst, die Kinderschutzinseln ins Leben zu rufen. Die erste ist „Karate Fullcontact“ in Nieder-Mörlen gewesen. Die Kampfsportschule ist noch heute dabei. 49 weitere Inseln sind bisher dazugekommen, die allermeisten in der Wetterau. Der Inhaber des Autohauses Nidda habe die ersten Aufkleber finanziert, anhand derer Kinder in Notlagen eine Schutzinsel erkennen, sagt Buschbeck.

Nicht jeder darf „Insel“ sein

„Kinder reagieren in unsicheren Situationen anders als Erwachsene. Anstatt aktiv Hilfe zu suchen, verstecken sie sich, laufen weg oder erstarren. Angst, Scham oder Unsicherheit verhindern oft, dass sie gezielt jemanden ansprechen“, heißt es auf der Internetseite der Kinderschutzinseln. Aus diesem Gedanken heraus hat Buschbeck das Netzwerk entwickelt. Neben den Inseln selbst gibt es eine App, bisher ausschließlich für Apple-Geräte, für die Android-Version braucht Buschbeck noch Testpersonen. Nicht jedes Geschäft und jedes Restaurant darf Insel werden. Er habe den Status auch schon verweigert oder entzogen. Wichtig seien ihm folgende Punkte: zentrale Lage, gut einsehbare Lokalität, sprich große Fenster, und es müssten immer mindestens zwei Mitarbeiter vor Ort sein. Schließlich könne man auch ihnen nicht hinter die Stirn schauen.

Das Netzwerk soll wachsen, eine Vereinsgründung ist angepeilt. Daniel Buschbeck legt sich ins Zeug. Er sagt: „Ein gerettetes Kind ist den ganzen Quatsch wert.“