Granaten aus Konservenbüchsen: Wie deutsche Partisanen in den Cevennen kämpften

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Schlangengleich windet sich die D 984 durch die grünen Hügel in die Höhe, immer dichter wird das Gestrüpp. Bald schließt sich das Dach der Kastanienbäume vollständig über der nur noch einspurigen Straße. Hinter Saint-Germain-de-Calberte hat sie nicht einmal mehr eine Nummer. Die Fahrt ans Ende der Welt geht durch menschenleeres, unzugängliches Gebiet, bis ein kleines, handgemaltes Schild eine steile Abzweigung nach links anzeigt: La Fare, Zufluchtsort des französischen Widerstandes im Zweiten Weltkrieg.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Heute sind in La Fare nicht einmal mehr Ruinen seiner kriegerischen Vergangenheit zu sehen. Selbst die seither gebauten Häuser heben sich mit ihren Schieferwänden kaum mehr von der Umgebung ab, zumal sie oft von wilden Reben überwuchert sind. Am Ende der Straße rosten acht Briefkästen, ein Hund streunt. Das ist alles.

Partisanen Frankreich

Zum Dank für ihren Einsatz durften vier deutsche Partisanenkämpfer an der Siegesfeier in Nîmes im August 1944 teilnehmen. Sie führten die Parade an der Spitze an.© Musée de la Résistance nationale à Champigny-sur-Marne | Privat

Widerstand in den Cevennen: Bauern und Pastoren schützen Partisanen

So muss es 1942 gewesen sein, als hier ein Maquis entstand. Das Wort bedeutet „Gestrüpp“ – aber in Frankreich bezeichnet man so auch einen Partisanenhort. Verschwiegen von den Bauern und Hirten, verheimlicht durch Gendarmen und die protestantischen Pastoren.

Diese Haltung gegen die Obrigkeit hatte und hat in den Cevennen Tradition: Die calvinistischen Kamisarden leisteten schon im frühen 18. Jahrhundert Widerstand gegen den katholischen Zentralstaat. Bis heute hat das wilde, zerklüftete Berggebiet unweit des Mittelmeers den höchsten Anteil an Protestanten Frankreichs.

Partisanen Frankreich

Farbbild des Cevennen-Ortes Chanac.© Privat | Stefan Brändle

Französische Résistance: 2300 Deutsche kämpfen gegen die Nazis

La Fare war allerdings im Zweiten Weltkrieg nicht irgendeine Maquis-Gruppe. Die 70 Partisanen waren Ausländer, darunter Spanier, Tschechen, ein Jugoslawe. Die Mehrheit, 40 an der Zahl, waren Deutsche. Das beschreibt Annelie Buntenbach in einer im August erschienenen Untersuchung. „Dieser Maquis bildete die größte Gruppe von Deutschen, die in und mit der französischen Résistance gekämpft haben“, schreibt die Historikerin und Gewerkschafterin aus Bielefeld („Leben und Kämpfen in den Cevennen 1940–1944, Eine deutsch-französische Widerstandsgeschichte“, Wallstein-Verlag, Göttingen).

Viele Mitglieder nennt Buntenbach mit Namen, etwa Otto Kühne, Martin Kalb oder Ernst Fränkel. Und sie legt dar, wie es zu diesem gut dokumentierbaren, aber bis heute wenig geläufigen Umstand kam. Viele Deutsche hatten vor 1939 im spanischen Bürgerkrieg gekämpft und waren aus Internierungslagern wie Les Milles bei Aix-en-Provence der Besatzungsmacht aus Nazis und Vichy-Anhängern entwichen. Die Mehrheit waren Juden, Kommunisten, Antifaschisten oder Deserteure. Buntenbach beziffert die Zahl dieser deutschen Partisanen in der französischen Résistance auf „mindestens“ 2303. Sie stützt sich dabei auf eine neue Dissertation der Historikerin Sophie Schifferdecker, die 2025 alle zugänglichen Quellen auswertete. Zwölf Prozent der gut 600.000 französischen Maquisards waren Ausländer.

Früher Widerstand: Deutsche Partisanen kämpfen ums Überleben in La Fare

Diese Deutschen waren zudem nicht wie die meisten Franzosen erst ab 1943 in den Widerstand gegangen, sondern meist schon im Sommer 1942, also noch vor der Nazi-Niederlage in Stalingrad. Die Spanienkämpfer brachten kaum Waffen mit, dafür eine beträchtliche militärische Erfahrung. Ironie der Geschichte: Ältere Cevennen-Bauern um La Fare versorgten die Deutschen mit deutschen Gewehren aus dem Ersten Weltkrieg. In der Zwischenkriegszeit waren sie damit auf Wildschweinjagd gegangen. Die ausländischen Partisanen in La Fare verfertigten dagegen Handgranaten aus Konservenbüchsen, Pulver und Eisenstücken.

Mit einem romantisierenden Partisanen-Bild hatte ihr Leben allerdings nichts zu tun. Es ging um die nackte Existenz gegen einen übermächtigen Feind. Buntenbach schildert, wie das Refugium La Fare im Februar 1944 von gut ausgerüsteten Vichy-Einheiten ausfindig und dem Erdboden gleichgemacht wurde. Die Partisanen hatten sich gerade noch absetzen können.

Partisanen Frankreich

Vier deutsche und ein französisches Mitglied der Maquis-Gruppe Bonnecombe. Rechts im Bild ihr Anführer Otto Kühne.© Archives départementales de la Lozère | Fonds Marcel Pierrel

Partisanen täuschen SS-Truppen mit deutschen Befehlen

Zwei Monate später starteten 2000 Nazis vor allem der SS-Panzerdivision „Hohenstaufen“ den größten Wehrmachtangriff auf einen Maquis in den Cevennen. Sie hatten Maschinengewehre und Gebirgskanonen dabei. Ihnen traten 120 schlecht ausgerüstete Partisanen teils nur mit Pistolen entgegen. Bei den mehrtägigen Kämpfen wendeten sie allerdings eine schlaue Taktik an: Sie verwirrten die SS-Männer, die nicht wussten, dass im Dickicht Landsleute warteten, mit auf Deutsch gerufenen Befehlen. „Feuer von rechts“, schrien sie etwa durch das Laubwerk, die Gegner auf eine falsche Fährte lockend. Oder: „Achtung! Nicht schießen, hier sind Deutsche!“

Die Wehrmacht hatte in dem zweitägigen Kampf mehr Opfer zu beklagen als die Résistance und zog schließlich ab. An diesen Erfolg der deutschen Maquisards erinnert heute in Saint-Roman de Tousque eine Gedenktafel. Neben den Namen von 31 Deutschen und 18 Franzosen steht zu lesen: „Hier in den Cevennen, Land der Kamisarden und der Zuflucht, haben Deutsche und Franzosen Schulter an Schulter gegen die Nazibesatzer und ihre Vichy-Kollaborateure gekämpft. Ihr habt weder Ruhm noch Tränen verlangt, aber wir schulden euch die Erinnerung.“

Vier Deutsche bei Résistance-Parade mit Orden geehrt

Als die Alliierten unter US-Führung im August 1944 in der Provence landeten, zogen die Nazis aus der Region ab. Deren Hauptstadt Nîmes feierte die Résistance-Kämpfer mit einer großen Parade. Auffälligstes Merkmal: An der Spitze des Umzugs marschierten ehrenvoll vier Deutsche, Martin Kalb, Ernst Bützow, Andreas Volz und Norbert Beisäcker. So dankte ihnen Frankreich für ihren mutigen Einsatz. Andere wie Otto Kühne, Max Dankner oder Herrmann Meyer erhielten einen Orden.

Nach Kriegsende kehrten die meisten Deutschen in ihre Heimat zurück. Andere blieben: Der Österreicher Ernst Fränkel – seine Nationalität wurde auch in der Résistance den Deutschen angeschlossen – heiratete in den Cevennen und führte dort eine Bäckerei.

Partisanen Frankreich

Farbbild einer Cevennenlandschaft: Auf dem Weg nach La Fare in den Cevennen scheint jedes Haus ein Versteck zu sein.© Privat | Stefan Brändle

Zwischen Misstrauen und Willkür: Deutscher gerät zweimal in Haft

Ein bezeichnendes Schicksal erlitt Martin Kalb. Der aus Pommern stammende Kommunist, der sich in der Résistance die blonden Haare dunkel gefärbt hatte, um weniger aufzufallen, wurde nach Kriegsende von den Franzosen als potenzieller Gestapo-Agent festgenommen. Es dauerte, bis die Kommunistische Partei die Dinge richtigstellen konnte.

Kalb kehrte ins sächsische Zwickau zurück, wurde aber auch dort verhaftet – jetzt von der Stasi, die in den Rückkehrern aus der Résistance Westagenten vermutete. Der Ex-Maquisard blieb 1951 über ein Jahr bei unmenschlichen Bedingungen und ohne jede Anklage in DDR-Haft, bevor er plötzlich freikam. Als Grund vermutet Annelie Buntenbach, dass die SED langsam versuchte, die Heldentaten der einstigen Cevennen-Kämpfer propagandistisch auszuschlachten.

Deutsche Résistance-Kämpfer: In Westdeutschland bis heute ignoriert

In der Bundesrepublik erging es den deutschen Rückkehrern aus den Cevennen nicht viel besser. Sie wurden nicht drangsaliert, dafür ignoriert. Ihre Sache sei im „Volk der Täter schwer zu vermitteln“ gewesen, sagt Buntenbach. Die 71-jährige Autorin saß viele Jahre für die Grünen im Bundestag und war später Mitglied im DGB-Bundesvorstand. Inzwischen ist sie im Ruhestand und leitet Bildungsurlaube in den Cevennen. Buntenbach betont: Keiner dieser tatkräftigen Nazi-Gegner erhielt in Westdeutschland oder nach der Wiedervereinigung jemals eine Auszeichnung – ganz anders als in Frankreich.

Eine wissenschaftliche Aufarbeitung ihres Wirkens musste bis zu Schifferdeckers Dissertation von 2025 warten. Dabei handle es sich um die „erste umfassende Darstellung der Deutschen in der französischen Résistance“, schreibt Buntenbach in ihrem leicht verständlichen und engagierten Buch. Zur besseren Einordnung: Die rund 2300 Deutschen, deren Zahl bisher nicht bekannt war, stellten nur einen kleinen Teil der 73.000 ausländischen Résistance-Kämpfer. Aber diese Deutschen lebten gefährlicher als andere, weil sie sich unter ständiger Bedrohung durch die Gestapo befanden. Selbst in den entlegenen Cevennen verstellten sie ihre Türen jede Nacht mit Tischen und Schränken.