„Greta war ein Geschenk“: Tochter stirbt mit 9 Jahren – Was ihre Eltern anderen mitgeben wollen

Stand: 24.10.2026, 18:00 Uhr

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Krankenhausbett wird einen Flur entlang geschoben.

Symbolfoto: Greta kam mit einem offenen Rücken zur Welt. © Foto: Marijan Murat/dpa/dpa

Greta aus Melsungen kam mit offenem Rücken zur Welt – Ärzte rieten zur Abtreibung. Neun Jahre später sprechen die Eltern über ihre Geschichte.

Melsungen – Im Wohnzimmer von Karen und Daniel Grunewald aus Melsungen (Schwalm-Eder-Kreis) ist es seit dem Tod ihrer Tochter ruhig. Greta starb am 26. Juni im Alter von neun Jahren. Ein Energiebündel sei Greta gewesen, lebensbejahend und ein toller Mensch mit großem Herzen, sagt Karen Grunewald.

Ihre Tochter Greta war mit einem offenen Rücken (medizinisch Spina bifida) zur Welt gekommen – ihr Zwillingsbruder hingegen gesund. Geistig war Greta topfit. Anlässlich des Tages der pflegenden Eltern, der jedes Jahr am 24. Oktober stattfindet, berichten Daniel und Karen Grunewald von der wunderbaren Zeit, die sie mit ihren Kindern gemeinsam verbringen durften. „Greta war ein Geschenk. Ich möchte keinen einzigen Tag missen“, sagt Karen Grunewald.

„Lasst Hilfe zu“: Melsunger Mutter richtet Appell an pflegende Familien

Gretas Leben war ein kleines Wunder, denn während der Schwangerschaft, nach der Diagnose, habe man der Familie eine Abtreibung empfohlen. „Unsere einzige Frage lautete damals, ob es eine Wahrscheinlichkeit gebe, dass unser Kind einmal eigene Entscheidungen werde treffen können“, erinnert sich Daniel Grunewald. Die Antwort lautete Ja. „Da war für uns sofort klar, dass Greta leben soll und leben wird.“ Das Krankheitsbild ist während der Schwangerschaft im Ultraschall gut erkennbar und wird teilweise auch noch im Mutterleib operiert. Die Varianz der Symptome bei einem offenen Rücken sei enorm, sagt Vater Daniel Grunewald.

Auch wenn die Liste von Gretas Diagnosen nicht auf eine DIN‑A‑4-Seite passte, habe man ihr das nie angemerkt – „sie hat auch nie einen Behindertenbonus von uns bekommen“, sagt Karen Grunewald. Greta war einfach bei allem dabei – wenn möglich auch bei den sportlichen Aktivitäten der Familie. „Dass ihr immer alles ermöglicht habt, ist eine fantastische Leistung und wunderschön“, sagt Christine Wagner-Behrendt, die beim Gespräch mit den Eltern dabei ist. Wagner-Behrendt ist unter anderem Vorsitzende des Kasseler Vereins Intensivleben.

Spendenaktion für Kranke und Angehörige

Karen und Daniel Grunewald hatten zugunsten von Spenden auf Beileidsbekundungen verzichtet. 10.000 Euro sind so zusammengekommen. Das Geld fließt an verschiedene Vereine – zum Teil auch in Form von Sachspenden. Begünstigt werden die Vereine Intensivleben, Freunde Kassel von Mitarbeitern des Klinikums Kassel, der Verein und Elternintiative Fortschritt Nordhessen, das Elternhaus Kassel, die Initiative Petö sowie Kindertagesstätten und Schulen.

Ohne ein unfassbar gutes und engagiertes Team wäre das alles nie möglich gewesen, sagt Karen Grunewald. Sie sei so dankbar, dass sie all die Jahre darauf habe zurückgreifen können. Vom ersten Tag an habe es Menschen gegeben, die Anteil genommen und Dinge möglich gemacht hätten. „Alleine kann man das nicht schaffen. Das möchte ich pflegenden Familien sagen. Lasst Hilfe zu.“ Sie habe sich anfangs schwergetan, Arbeit abzugeben, zu pausieren, auch mal Zeit für sich zu benötigen. „Das geht aber nicht.“

Das Setting ist so wichtig, die familiäre Unterstützung – in ihrem Fall sei es natürlich auch darum gegangen, dass das Geschwisterkind nicht zu kurz komme. Zum Alltag gehörte regelmäßig, dass Plan A und B nicht funktionierten: „Wir hatten eigentlich immer einen Plan C“, sagt Karen Grunewald. Sie hätten nicht das typische Familienleben gehabt – zum Beispiel sei an 20 Stunden täglich jemand aus dem Pflegeteam in der Familie gewesen.

Bei der intensiven und intimen Arbeit komme es auf Verständnis und gutes Teamwork an, sagt Wagner-Behrendt. Helfer müssten verstehen, dass sowohl Eltern als auch Kind Experten in eigener Sache seien. Es bedürfe fester Pläne, vieler Absprachen und vor allem auch einer sehr offenen und ehrlichen Kommunikation aller Beteiligten. „Ohne über die eigenen Bedürfnisse zu sprechen, geht es nicht“, sagt Karen Grunewald.

Statt Beileid: 10.000 Euro Spenden für Vereine nach dem Tod der neunjährigen Greta

Sie möchte Eltern, die in einer ähnlichen Situation sind, wie sie es damals waren, Mut machen, sich beraten zu lassen und unvoreingenommen auf die Diagnose ihres Kindes zu schauen.

Außerdem möchte sie an die Politik appellieren, die Inklusion voranzutreiben und zu professionalisieren. „Greta hat im katholischen Kindergarten der Stadt eine fantastische Zeit erlebt. Die Erzieherinnen haben die tollsten Sachen unternommen, damit Greta immer bei allem mitmachen konnte. Sie hat es dort geliebt.“ Auch später in der Schule habe sie toll mitmachen können. Aber es müssten noch immer Vorbehalte abgebaut und Strukturen geschaffen werden. Das sei keine Selbstverständlichkeit, sagt Wagner-Behrendt. Angesichts einiger politischer Entwicklungen im Land, sei ihr deswegen zunehmend bange.

Dass Greta gestorben ist, lag letztlich nicht ursächlich an der Diagnose Spina bifida. Es war eine Verkettung von tragischen Ereignissen. Sie starb während der Einleitung der Narkose im Krankenhaus. Wohl weil eine Sepsis ins Gehirn gelangt war. Hunderte Melsunger, Freunde, Bekannte, Helfer, Pfleger und Ärzte nahmen an der Trauerfeier in der Stadtkirche teil.