Grönland-Kreuzfahrt: Durchs spektakuläre Reich der Eisberge

Reisebericht

Grönland-Kreuzfahrt: Durchs spektakuläre Reich der Eisberge

Wilde Natur, einsame Siedlungen und ins Meer kalbende Gletscher prägen die Landschaft. Wir waren mit einem Hybrid-Kreuzfahrtschiff entlang der Westküste Grönlands unterwegs

Nina Schrott

Bis über dem Meer eine geschlossene Eisdecke liegt, geht die Expeditionskreuzfahrt. Das ist meist in der Baffin Bay der Fall.
Bis über dem Meer eine geschlossene Eisdecke liegt, geht die Expeditionskreuzfahrt. Das ist meist in der Baffin Bay der Fall.

Am Morgen nach der ersten Nacht auf See streife ich die schweren Vorhänge meiner Kabine zur Seite. Finster war es nie, wir befinden uns zu dieser Jahreszeit im Land der Mitternachtssonne. Ich trete auf den Balkon und staune nicht schlecht. Das Schiff liegt zwischen unzähligen Eisbergen, die majestätisch langsam vorbeiziehen. Hört man genau hin, knackt gelegentlich das Eis. Jedes Ausatmen kondensiert in der kalten Umgebungsluft.

So umwerfend fühlt es sich also an, auf einem Kreuzfahrtschiff beim Ilulissat-Eisfjord aufzuwachen. Vom darin kalbenden Gletscher brechen pro Tag gut 40 Meter Eis ab, was zu einem schier unendlichen Nachschub an Eisbergen sorgt. Jener Brocken, der der Titanic zum Verhängnis wurde, entstammt auch diesem Fjord. Beeindruckende Zahlen, noch beeindruckendere Fakten. Doch nicht nur hier schafft es Grönland, einem die Sprache zu verschlagen.

Jener Brocken, der der Titanic zum Verhängnis wurde, entstammt auch diesem Fjord.
Jener Brocken, der der Titanic zum Verhängnis wurde, entstammt auch diesem Fjord.

64 bis 79 Grad Nord

Eisberge treiben im Meer
Auf dieser Kreuzfahrt kann man sogar vom Abort aus Eisberge in der Größe eines Einfamilienhauses sehen.

Die Reise geht nämlich gerade erst los: Die Expeditionskreuzfahrt startet in der Hauptstadt Nuuk. In gut zwei Wochen geht es nordwärts – so weit, bis wir in der Baffin Bay das geschlossene Meereis erreichen. Angesteuert werden erschlossenere Orte wie Ilulissat und Qeqertarsuaq, aber auch Siedlungen fernab der Pfade wie Itilleq oder Savissivik. HX Expeditions, das Unternehmen hinter der Reise, war bis vor zwei Jahren Teil der Hurtigruten Group, einem großen Namen in der Kreuzfahrtbranche. Heute tritt das Unternehmen mit Sitz in London unter dem österreichischen CEO Gebhard Rainer eigenständig auf und bietet vor allem Kreuzfahrten in arktische und antarktische Gebiete an.

Was die Kreuzfahrt zur "Expedition" macht, ist zum einen, dass die Reiseroute je nach Eisverhältnissen und Wildtiersichtungen flexibel angepasst wird. Zum anderen wird Wissenschaft an Bord großgeschrieben: Experten ihrer Fachgebiete halten Vorträge, die thematisch von Ozonloch bis Ornithologie reichen. Außerdem sind Gastwissenschaftlerinnen an Bord, die im Polarmeer beispielsweise Wasserproben für Ihre Forschung sammeln.

Tradition und Moderne

Knapp 40.000 Moschusochsen soll es auf Grönland geben. Die Tiere wirken respekteinflößend.
Knapp 40.000 Moschusochsen soll es auf Grönland geben. Die Tiere wirken respekteinflößend.

Eine Anlandung ist in Savissivik geplant. Vom Schiff an Land geht es mit wendigen Zodiac-Schlauchbooten. Damit nicht alle der über 300 Passagiere gleichzeitig in die kleinen Boote drängen, werden sie in nach Tieren benannten Gruppen nacheinander aufgerufen. Zuerst war ich enttäuscht, zu den faden Wandersaiblingen zu gehören. Im Kontrast zur wenig schmeichelhaften Gruppe "Walross" hatte ich es aber doch nicht schlecht getroffen. Mit Savissivik erreichen wir die kleinste Siedlung der Reise. Nur 40 Menschen leben hier, Tendenz sinkend.

"Hauptversorgungsquelle für Nahrung ist das Meer", erzählt Jäger Olennguaq Kristensen.

Mit "westlichem" Blick glaubt man leicht, es gäbe dort "nichts". Keine Straßen, wenig Unterhaltung. Dabei hat Savissivik alles, was es braucht: eine Schule, einen Supermarkt, der zweimal im Jahr per Schiff beliefert wird, ein Gemeindezentrum. "Hauptversorgungsquelle ist aber nach wie vor die Jagd auf Robben und Wale", erzählt Jäger Olennguaq Kristensen. Er zeigt mir Videos seiner letzten Narwaljagd. Gejagt wird vom selbst gebauten Kajak aus mit einer von Hand geworfenen Harpune, gefilmt wird mit dem Smartphone. Tradition und Moderne treffen in Grönland so einschneidend wie kaum anderswo aufeinander.

Heuschrecken auf fragilem Plätzchen

Kristensens 19-jährige Tochter Judith, bei der sich die Moderne durch ein Septumpiercing zeigt, hat Stiefel aus Eisbärfell ins Gemeindezentrum mitgebracht, um sie uns Touristinnen zu zeigen. "Immer wieder kommt ein Bär in die Siedlung", erzählt sie, "Unsere Schlittenhunde verscheuchen ihn oft, aber man muss trotzdem aufpassen." Manchmal werden die Bären erlegt und verwertet. Für Grönland gilt eine Abschussquote von 200 Individuen pro Jahr. Abgeschossen werden, wie hinter vorgehaltener Hand verraten wird, aber bis zu dreimal so viele.

Bei den Landgängen sind Mitglieder der Expeditionscrew dabei, die den Passagieren Hinweise geben, was sie tun und lassen sollen, beispielsweise die Schlittenhunde nicht zu streicheln und Einheimische nicht ungefragt zu fotografieren. Trotz dieser Bemühungen irritiert die Menge an Touristen, die an diesem fragilen Plätzchen Erde wie ein Heuschreckenschwarm auf Savissivik losgelassen wird, doch etwas.

Gejagt wird auf Grönland vom selbstgebauten Kajak aus mit einer von Hand geworfenen Harpune (der Jäger selbst ist nicht im Bild).
Gejagt wird auf Grönland vom selbstgebauten Kajak aus mit einer von Hand geworfenen Harpune (der Jäger selbst ist nicht im Bild).

Gefragt danach, wie sichergestellt wird, dass Siedlungen wie diese von unserem Besuch profitieren, antwortet HX, man "nutze lokale Dienstleistungen", stehe "auch außerhalb der Saison mit Ansprechpartnern vor Ort in Kontakt" und leiste im Notfall Zahlungen aus einem firmeneigenen Spendenfonds, wenn es zum Beispiel zu Problemen bei der Nahrungsversorgung kommt. Weiters wird für jeden Landgang eine Gebühr von 50 dänischen Kronen pro Passagier fällig. Inwieweit diese Zahlungen, die an übergeordnete Kommunen geleistet werden, an die einzelnen Siedlungen zurückfließen, ist allerdings unklar.

Luxus als Kontrastprogramm

Voll mit Eindrücken und mit kalten Nasenspitzen geht es nach den Landgängen zurück aufs Mutterschiff, die 2018 erbaute MS Fridtjof Nansen, benannt nach dem norwegischen Entdecker und jüngstes Mitglied der Flotte von HX. Auf neun Decks wird – im harten Kontrast zum an Land gesehenen – jedem Bedürfnis nach Luxus und Zerstreuung nachgekommen. Den Passagieren stehen Pools, Bars, Saunen, ein Massageservice, ein Fitnessstudio, sowie drei Restaurants zur Verfügung. Gastkoch Innunguaq Hegelund hat das grönländische Menü erdacht.

Die Sauna der MS Fridtjof Nansen.
Die Sauna der MS Fridtjof Nansen mit Panoramablick aufs Meer.

Der 39-jährige Spitzenkoch aus Paamiut vereint dafür regionale Zutaten wie Schneekrabbe, Heilbutt und wilde Jakobsmuscheln mit Zutaten, die Grönland nur als Importwaren kennt, wie Getreide und Gemüse. Dazu wird – man glaubt es kaum – weit nördlich des Polarkreises südsteirischer Wein aus dem Hause Regele ausgeschenkt. Diese unerwartete Kooperation geht auf HX-Hotelmanager Stefan Engl zurück.

With a view

Unterbrochen wird das Schmausen und Schlürfen eines Mittags durch eine Durchsage. "Wir haben auf Backbord einen Eisbären gesichtet", hallt durchs ganze Schiff. Und tatsächlich spaziert auf dem geschlossenen Seeeis, dessen Rand wir gerade auf 79 Grad Nord erreicht haben, ein ausgewachsener Eisbär. Ein weiterer planscht gerade eine Runde im eisigen Polarmeer. Auch Moschusochsen kommen uns in der verlassenen Siedlung Etah unter, zum Glück aber nur in der Ferne. "Diese grimmigen Kollegen will man nicht von nah treffen", weiß Robert Vrabel, leitender Activity Guide.

Dann halt die Durchsage "Wir haben auf Backbord einen Eisbären gesichtet", über das Deck.

Immer wieder erscheint auch die Nebelfontäne von Walen an der Wasseroberfläche. Ganz allgemein kann man beeindruckenden Ausblicken am Schiff nicht entgehen. Man sieht einen Wal vom Frühstückstisch aus, eine ins Meer ragende Gletscherzunge vom Pool aus. Ja, auf dieser Kreuzfahrt kann man sogar vom Abort aus Eisberge in der Größe eines Einfamilienhauses sehen.

Rund um die Marie

Der Großteil der Passagiere und Passagierinnen am Schiff ist eher betagt, schätzungsweise Ü70, was mit der Preisgestaltung von HX zusammenhängen könnte. Angeboten wird die 17-tägige Reise, An- und Abreise aus Kopenhagen inklusive, online pro Person ab 11.000 Euro. Je nach Kabine oder Suite und zusätzlichen Annehmlichkeiten kann der Preis auch auf das Doppelte oder mehr anwachsen. Die Frage nach der Rechtfertigung der Kosten ist dementsprechend wahrscheinlich nicht von Durchschnittsverdienern zu beantworten. Fakt ist aber, dass man durch diese Kreuzfahrt Orte erreicht, die einem sonst verwehrt bleiben. Und das auf sehr komfortablem Wege.

Das Pool Deck der MS Fridtjof Nansen.
Das Pool Deck der MS Fridtjof Nansen.

Rund ums Geld interessiert auf so einer Kreuzfahrt natürlich, ob die 170-köpfige, größtenteils philippinische Crew anständig bezahlt wird. Auf Nachfrage erklärt HX, dass die Gehälter "Teil des Tarifvertrags der norwegischen Seeleutegewerkschaft und auf dem Markt wettbewerbsfähig" seien. Ein Hotel-Crewmitglied berichtet, es verdiene pro Monat 2.000 US-Dollar brutto, in etwa das Dreifache davon, was derselbe Job in seiner Heimat einbringen würde. Lange Arbeitstage mit zehn Stunden sind dabei absolut normal, eine Sieben-Tage-Woche auch. Allerdings biete HX mit Zweierkabinen angenehmere Logis als andere Kreuzfahrtunternehmen.

Hybrid unterwegs

Am Weg zum letzten Stopp lenkt Kapitän Raymond Martinsen das Schiff durch die malerische Diskobucht südwärts. Die MS Fridtjof Nansen, gemeinsam mit dem Schwesterschiff MS Roald Amundsen, ist eines von wenigen hybridbetriebenen Kreuzfahrtschiffen. Neben einem konventionellen Dieselmotor besitzt sie Batterien, die entweder im laufenden Betrieb oder beim Manövrieren zum Spritsparen zugeschaltet werden. Auch wenn Wale in der Nähe auftauchen, soll laut eigenen Aussagen auf Batteriebetrieb gewechselt werden, um sie nicht zu stören.

Die 100-Seelen-Insel Itilleq.
Die 100-Seelen-Insel Itilleq.

Stille zum Mitnehmen

Der letzte Landgang bringt uns auf die 100-Seelen-Insel Itilleq. Schon von weitem erkennt man die einzeln auf dem felsigen Untergrund dastehenden bunten Häuschen. Beim Durchspazieren ist es vor allem eines: so erholsam leise. Da sich die Passagiere hier besser verteilen, flüstert nur die Natur. Zuhause angekommen sind es deshalb vor allem die Geräusche, die von Grönland in Erinnerung bleiben: Die gelegentlich heulenden Schlittenhunde, das knackende Eis, die kichernden Krabbentaucher, der Wind über der Tundra. Dahin kommt man gedanklich gern zurück, wenn das Gewusel im Alltag wieder einmal zu laut wird. (Nina Schrott, 17.9.2026)

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