KI in der Wetterauer Verwaltung: „Irgendwann ist auch mal die ein oder andere Stelle betroffen"

Stand: 17.09.2026, 20:00 Uhr

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Symbolbild Künstliche Intelligenz KI

Schwere Akten schleppen war gestern. Ordner durchlesen, den Inhalt analysieren, Widersprüche aufdecken und Antwort-E-Mails schreiben: Bei all dem kann KI einiges leisten. © Imago/Anna Huber/imago/Westend61

Immer mehr Städte im Wetteraukreis setzen Künstliche Intelligenz ein – von der Schlagloch-Meldung bis zum WhatsApp-Kanal. Während Bad Nauheim schon Besprechungen protokollieren lässt, fehlt Reichelsheim schlicht das Geld für die Software.

Wetteraukreis – Künstliche Intelligenz (KI) hat längst Einzug in unseren Alltag gehalten, ob wir eine Google-Suche losschicken oder eine Mail an unsere Stadtverwaltung schreiben. Auch in der Wetterau setzen immer mehr Städte und Gemeinden auf KI, um Arbeitsabläufe zu automatisieren.

„Ziel ist, den Service für Bürger zu verbessern und Mitarbeitende zu entlasten“, schreibt Matthias Wieliki, Fachbereichsleiter Zentrale Steuerung, über den KI-Einsatz in der Bad Nauheimer Stadtverwaltung. Als Beispiel nennt er den Mängelmelder auf der städtischen Homepage. Gemeldete Schäden werden automatisch der zuständigen Stelle zugeordnet, auch die Korrespondenz mit den Meldenden wird KI-gestützt vorbereitet.

KI-Plattform für Mitarbeiter in Bad Nauheim

Für Verwaltungsmitarbeiter stehe bereits seit 2023 „eine zentral bereitgestellte, datenschutzgerecht ausgestaltete KI-Plattform“ zur Verfügung, schreibt Wieliki. Im Rahmen eines „Transformationsprozesses“ vermittle man den Mitarbeitern einen „sicheren, verantwortungsvollen und ethisch reflektierten Einsatz“ der KI. Die werde etwa genutzt, um Protokolle von Besprechungen anzufertigen. Künftig soll sie auch Gremiensitzungen protokollieren können. „Wir identifizieren gemeinsam mit allen Bereichen geeignete KI-Lösungen und integrieren sie in konkrete Arbeitsabläufe, insbesondere vor dem Hintergrund der Haushaltskonsolidierung.“

Butzbach träumt vom KI-Chatbot

In der Butzbacher Stadtverwaltung komme KI „an vereinzelten Stellen“ zum Einsatz, etwa zur Unterstützung bei der Sachbearbeitung, heißt es aus dem Rathaus. Von einem vollumfänglichen Einsatz könne jedoch keine Rede sein. „Die Stadtverwaltung beobachtet die Entwicklung der KI weiterhin aufmerksam.“ Denkbar wäre ein KI-Chatbot, also ein Programm, das mit Besuchern der Homepage wie in einem echten Gespräch kommuniziert.

Im Florstädter Rathaus habe „die KI sehr wohl Einzug gehalten“, sagt Bürgermeister Daniel Imbescheid, „aber eher für die einfachen Bürgeranliegen oder zur Erkennung von Widersprüchen“. Man lasse sich Textbausteine für generelle Schreiben erstellen oder helfen, „Ableitungen treffen zu können, wo es Optimierungs- oder gar neues Potenzial zur Entwicklung gibt“.

Mit KI die Homepage durchsuchen

Einen Mängelmelder wie in Bad Nauheim, der etwa gemeldete Schlaglöcher selbstständig mit aktuellem Kartenmaterial abgleicht und direkt einen Auftrag an den Bauhof vergibt, kann sich Imbescheid auch vorstellen. Im nächsten Schritt könne man die Wagen der Müllabfuhr mit Kameras ausstatten, damit diese während des Müllabholens den Zustand der Straßen überprüfen können. „Man müsste sich mal eine Stunde hinsetzen, da käme man auf Ideen“, sagt Imbescheid. „Leider ist dafür oftmals im Tagesgeschäft zu wenig Zeit.“

Seit einigen Monaten können Bürger auch auf der Homepage der Stadt Florstadt eine KI-gestützte Suchfunktion benutzen. Statt „Personalausweis“ kann man nun eine konkrete Frage eingeben: „Was benötige ich, um einen Personalausweis zu beantragen?“ Daraufhin öffnet sich ein Chatfenster, in dem die nötigen Unterlagen und Gebühren aufgelistet sind, und was für Kinder unter 16 Jahren zu beachten ist. Den notwendigen Termin kann man direkt per Knopfdruck vereinbaren.

Screenshot Homepage Florstadt

Einige Kommunen wie Florstadt bieten eine KI-gestützte Suchfunktion auf ihrer Homepage an. © wjs

Einen „Projekthut KI“ habe in Florstadt bisher niemand auf. „Jeder Mitarbeiter ist für sich unterwegs“, sagt Imbescheid, der aber weiß: „Wir müssen damit umgehen lernen.“ Zumal verschiedene Verwaltungssoftwares KI-gestützte Funktionen implementieren, „mit mehr oder weniger Erfolg“.

Vierte industrielle Revolution bedroht Stellen

Von Übersetzern über Kundendienst bis zur Behörde: In vielen Branchen machen sich Menschen Gedanken über die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes. Werden irgendwann auch in Florstadt Stellen in der Verwaltung wegfallen? „Die Frage kann sich jeder selbst beantworten“, sagt Imbescheid und verweist auf die vierte industrielle Revolution, bei der Maschinen, Prozesse und Produkte durch digitale Technologien intelligent vernetzt werden. „Irgendwann ist auch mal die ein oder andere Stelle betroffen.“

In Reichelsheim wartet man auf Fördermöglichkeiten. „Aktuell fehlen die Finanzmittel, um eine entsprechende Software zu installieren“, heißt es aus dem Rathaus. Bürgermeisterin Lena Herget nutzt ChatGPT für den Informationskanal der Stadt auf WhatsApp, dem 1500 Bürger folgen. Bei Waldbrandgefahr oder Wasserrohrbruch etwa erstellt sie Symbolbilder mit entsprechenden Texten. Oder wenn Vereine einen Veranstaltungshinweis im Rathaus melden. „Die Leute denken immer, ich gebe das meiner Marketing-Abteilung, die das dann online stellt“, sagt Herget. „Aber die Abteilung bin ich.“

Jeder ist ein Pionier

Nicht alle Rathäuser haben auf die Anfrage dieser Zeitung, inwieweit sie in der Verwaltung KI einsetzen, reagiert. Manche Antworten lesen sich verhalten. Das mag an zwei Aspekten liegen. Zum einen stehen viele Menschen der Technologie noch abwartend oder gar ablehnend gegenüber, egal ob Rathauschef oder Sachbearbeiter. Zum anderen fehlt eine landesweite Strategie. Jede Kommune, so scheint es, ist ihr eigener Pionier, auch wenn man sich untereinander austauscht. Ein heißes Eisen lautet Datenschutz. So dürfen Behörden personenbezogene Daten nicht ohne Weiteres in öffentliche KI-Systeme wie ChatGPT eingeben. Grundlage dafür sind die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) und die europäische KI-Verordnung (AI Act). Städte und Kommunen nutzen daher geschlossene Systeme innerhalb ihrer eigenen IT-Infrastruktur.