Nichts ist wichtiger als Kontrolle in dieser Sportart aus Grazie und Präzision. Und Darja Varfolomeev stand immer noch kerzengerade, als die Anspannung längst verflogen war. Sie gab reihenweise Interviews, nur wenn die Kameras kurz zur Seite schwenkten, lockerte sie kaum merklich die Knie. Drei Tage Konzentration und Kraftanstrengung lagen am Freitagabend hinter ihr, in denen sie Ball, Band, Reifen und Keulen unter ihren Willen zwang. Nicht einmal nach der Schlusspose, als sie zum dritten Mal Mehrkampf-Weltmeisterin geworden war, gönnte sie sich einen klitzekleinen Moment des unbeherrschten Jubels, ganz die kühle Königin der Rhythmischen Sportgymnastik.
Kühle Königin? „Zwischendurch habe ich auch mal geweint oder Witze erzählt mit Julia“, berichtete Darja Varfolomeev. Es sei wichtig, mit Julia Raskina-Rizzo, der Bundestrainerin, zu reden, ein Ventil zu finden für die wachsende Anspannung, „es rauszulassen zu können“. Nur bleibt das verborgen hinter den Kulissen.

Rhythmische Sportgymnastik
:Varfolomeev schließt die Lücke in der VitaOlympiasiegerin Darja Varfolomeev ist nun auch Mehrkampf-Europameisterin. Ein gutes Omen für die Weltmeisterschaft im August in Frankfurt.
Die Olympiasiegerin Darja Varfolomeev, 19 Jahre alt, ist ein Phänomen nicht nur in der Welt der Rhythmischen Sportgymnastik, in der sie am Freitag in Frankfurt den zwölften WM-Titel ihrer Karriere erobert hat. Sondern auch weit über die Begrenzung des Wettkampfquadrats hinaus, weil sie über eine äußert seltene Gabe verfügt. Die Teamchefin der deutschen RSG-Auswahl, Isabell Sawade, umschreibt es so: „Sie hat das Talent, im Wettkampf zu wachsen.“
Was das bedeutet, bekamen am Freitag die 4250 Zuschauerinnen, größtenteils weiblich und jung, in der Frankfurter Festhalle zu sehen, die sämtliche Athletinnen anfeuerten, wenn die Keulen in steilen Kurven fast zu den Scheinwerfern in elf Metern Höhe flogen. In der Gymnastik gibt es kein „Quiet please!“, im Gegensatz zum Tennis herrscht Tumult in der Manege. Auch das hat jede Gymnastin auszublenden, wenn sie außerhalb des Gesichtsfelds beim Pirouettendrehen mit dem Ball jongliert.
Varfolomeev patzt beim Auftakt mit dem Reifen: „Platz zehn, na vielen Dank!“
Darja Varfolomeev musste nach zwei Tagen Qualifikation im Mehrkampffinale als Erste der Spitzengruppe auf die Matte – mit dem Reifen. Sie war Beste im Vorkampf gewesen, aber jetzt unterlief ihr ein gravierendes, für Laien kaum erkennbares Missgeschick. Die Juroren machten Abstriche bei der Schwierigkeit der Übung. Und als nach diesem Durchgang die Reihenfolge verlesen wurde, „da wusste ich, wo ich stehe“, sagte Darja Varfolomeev: „Platz zehn, na vielen Dank!“
Sie war die Favoritin dieser WM, das Poster-Girl, ihr Foto plakatierte die Stadt. Viele Zuschauer, auch das war ihr klar, waren nur ihretwegen gekommen, und die Athletin wollte das Publikum nicht enttäuschen: „Du möchtest um den Sieg kämpfen, du willst, dass die ganze Halle mitsingt bei der Hymne, du möchtest die Atmosphäre fühlen“, sagte sie. „Und es ist nicht mit Worten zu beschreiben, wie hart und schwer es ist, den Fokus zu behalten.“ Auch deshalb sei diese WM im eigenen Land für sie „mit keinem anderen Wettkampf zu vergleichen“ gewesen, nicht einmal mit Olympia.
Platz zehn also. Noch drei Mehrkampfübungen standen an, und Sicherheit auf der Matte als oberstes Gebot konnte nicht mehr das Ziel der weltbesten Gymnastin sein. Jetzt ging es um maximales Risiko, um Höchstschwierigkeiten, um noch eine letzte Drehung mehr. Darum „alles zu geben, weil es sonst nicht reichen würde“.
Es folgte ihr Tanz mit dem goldenen Ball, der ihr gehorchte, als wäre er dressiert. Die Wertung war die beste mit diesem Gerät – obwohl Varfolomeev den Ball einmal mit beiden Händen fing, wie sie selbstkritisch befand. Im Ranking kletterte sie auf Platz drei.

Dann, in der Keulenübung, war das zu sehen, was Expertinnen wie Magdalena Brzeska, die frühere 26-malige deutsche Meisterin, als die größte Qualität der Olympiasiegerin ansehen: ihre mentale Stärke. Technische Hausforderungen meistern alle, sagte Brzeska kürzlich, Darja Varfolomeev aber habe „Nerven aus Stahl“. Am Tag zuvor war ihr noch eine Keule versprungen, weshalb sie „sehr, sehr ärgerlich“ war und das Einzelfinale mit diesem Gerät verpasste. Nun erhielt sie die WM-Bestnote für ihre phänomenale Keulenkür im Tiger-Look, sie schob sich auf Platz eins und zeigte in der Schlusspose die Kralle – was zum Programm gehört. Als auch die vierte Übung, das Band, beendet war, stand Darja Varfolomeev dann tatsächlich ganz oben auf dem Podium neben der zweitplatzierten Bulgarin Stiliana Nikolova und Sofia Raffaeli aus Italien und schmetterte, Tränen in den Augen, die Hymne.
Wille und Wettkampfstärke, das zeichne diese Ausnahmeathletin aus, sagt Isabell Sawade, die Teamchefin der Gymnastinnen im Deutschen Turner-Bund. Manchmal, so erzählte sie im Vorfeld der WM, sagen die Trainer am Stützpunkt in Fellbach-Schmiden nach einer Übungseinheit: Es reicht! Und Darja Varfolomeev trainiert einfach weiter. Dazu, sagt die Teamchefin, komme „ihr Talent, den Wettkampf zu genießen“. Viele hätten Angst vor Wettkämpfen, Varfolomeev hingegen freue sich regelrecht darauf. „Sie war schon immer so, im Wettkampf wollte sie sich beweisen, und das ist auch heute noch so“, sagt Isabell Sawade: „Ich glaube, das ist gottgegeben.“
Darja Varfolomeev hat übrigens durchaus ein Nervenflattern gespürt am Freitag. Aber sie wusste auch, dass sie Schwierigkeiten beherrscht, deren exakte Ausführung ihr viele Punkte bescherte, die sie für ihre Aufholjagd benötigte. Dennoch, sagt sie, von allen ihren Titel sei dieser, unter der Kuppel der Frankfurter Festhalle errungen, am härtesten erkämpft: Zum einen, weil sie die enormen Erwartungen der Zuschauer spürte, zum anderen, weil sie jetzt, da sie älter ist, das große Bild erkenne und besser begreife, worum es geht. „Mit jedem Titel habe ich immer gedacht, es wird leichter und leichter. Aber nein, es wird schwieriger und schwieriger.“ Sie lachte, als sie das sagte, aufrecht, kerzengerade. Und immer noch erst 19 Jahre alt.