Haben wir alle den Bezug zur Realität verloren? Ein Kommentar von Raffael Vötter
Unser Raff denkt mit seinen 41 Lenzen tatsächlich, er sei alt – und erinnert sich daher wieder lautstark an die Vorkriegszeiten. Thema diesmal: Wann sind Anspruch, Kompromissfähigkeit und Investitionswille derart auseinandergedriftet?
Neulich im Internet: Ein neues Spiel erscheint und alle rasten aus. Nicht, weil sie sich total freuen oder die limitierte Collector’s Edition ausverkauft ist, sondern weil die Performance nicht zu dem Konstrukt passt, das im eigenen Hirn herumspukt. Halo: Campaign Evolved, Assassin's Creed Black Flag Resynced, Gothic Remake, Doom: The Dark Ages, Forza Horizon 6: Die Liste der Spiele, welche allein 2026 eine Welle der Erzürnung losgetreten haben, ist lang. Die Spieler sind unzufrieden mit der Bildrate und Grafik, das Verhältnis passe nicht. Und ich stehe immer da und frage mich: Bin ich es, der die Dinge falsch einschätzt, oder sind es die Leute? Selbstverständlich gibt es auf diese Frage keine einfache, binäre Antwort. Allerdings fürchte ich, dass quasi jeder im Gaming-Kosmos die Bodenhaftung, den Bezug zur Realität, verloren hat.
Dies ist eine Kolumne. Die in diesem Beitrag geäußerten Meinungen und Einschätzungen geben ausschließlich die Ansichten des jeweiligen Redakteurs wieder. Sie spiegeln nicht zwangsläufig die Haltung des Verlags wider.
Als ich noch klein war™, war die Kurve bei der Hard- und Softwareentwicklung derart steil, dass man kaum mithalten konnte. Immer hübschere Spiele erschienen und Hardware veraltete über Nacht. Es war völlig normal, dass neue Spiele mit 15, 20, vielleicht auch mal mehr als 30 Fps liefen. Heute ist das anders. Unzählige Leute (verzeihen Sie die Verallgemeinerung) sehen 60 Fps als das absolute Minimum an, Bildraten darunter sind unspielbar, 120+ Fps sollten’s schon sein.
Damit nicht genug, es wird außerdem jeder Fortschritt bei der Qualität kleingeredet oder aktiv übersehen. Ja, Spiele auf Basis der Unreal Engine 5 benötigen reichlich Hardware-Power und ich habe auch das Gefühl, dass das effizienter ginge. Die neue Spiele-Generation sieht trotzdem sehr geil aus und wischt im Hinblick auf Details den Boden mit früheren Generationen. Die komplexe Geometrie und dynamische Beleuchtung zu ignorieren und zu sagen, dass The Witcher 3 ja genauso aussehe, lässt mich die Wand hochrennen. Von nichts kommt nichts! Wir haben nun einmal ein Niveau erreicht, bei dem jeder Zugewinn an Qualität mit einem wesentlich größeren Aufwand verbunden ist. Zu allem Überfluss kommt hinzu, dass Upsampling und Frame Generation als Teufelszeug gelten, das in der Hölle schmoren soll. Und neue Hardware kommt nicht in die Tüte bzw. in den Rechner, weil die ist ja teuer.
Ehrlich, mich macht das alles unendlich traurig. Wann sind Anspruch, Kompromissfähigkeit und Investitionswille derart auseinandergedriftet? Sterben wir Enthusiasten, die für neue Sphären aufrüsten oder bei den Fps zurückstecken, aus? Sollte einem das Hobby nicht ein paar Hundert Euro alle paar Jahre wert sein? Ich rede natürlich nicht davon, dass wir alle eine Geforce RTX 5090 für mehr als 4.000 Euro kaufen sollten, das wäre Wahnsinn. Aber es gibt so viele attraktive Graustufen zwischen den Farben Schwarz und Weiß. "Raff Rage" over and out.
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