THW Kiel unter Trainer Lund: Aufbruch mit neuer Identität

Börge Lund überlegt einmal kurz, als müsse er sich diesen Satz vom Norwegischen ins Deutsche zurechtlegen, und sagt dann: „Am besten bist du, wenn du du selbst bist.“ Beim neuen THW Kiel soll jeder er selbst sein. Jeder soll sich als Teil eines harmonischen Ganzen fühlen. „Jeder Mensch hat es verdient, gesehen zu werden“, sagt Börge Lund.

Es sind Sätze, die man in Kiel lange nicht gehört hat. Sie fallen an einem Augustvormittag in der Dunkelheit des Kinosaals am Hauptbahnhof; das Lichtspielhaus ist neuer Sponsor des THW Kiel. Drinnen sieht vieles nach Anfang aus. Und drinnen strahlt dieser Börge Lund Glaubwürdigkeit, Freude und Zuversicht aus.

Für ihn ist ein Traum wahr geworden: Drei Jahre spielte er als Profi für den THW, zog nach weiteren Stationen 2016 zurück in seine Heimat und wurde Trainer. Nun leitet er die teuerste Mannschaft an, die jemals in den schwarz-weißen Trikots auflief – doch wenn er spricht, klingt diese große Aufgabe wie purer Spaß.

Eine erste Kostprobe des Kieler Jahrgangs 2026/27 gab es am vergangenen Donnerstag beim 35:27 gegen den TBV Lemgo. Da tauchten mal vier Rückraumspieler im Zebra-Dress auf, da wechselte Lund zwischen dem etablierten Angriff und einer Formation aus Einkäufen.

Von Berlin und Magdeburg abgehängt

Zuletzt hatte es ja gewirkt, als warte das längst ungehaltene Publikum nur auf Fehler seiner Sieben, um dann Unmut zu äußern – kein Wunder bei einer Saison, in der Kiel seinen Ruf als heimstärkste Mannschaft der Liga endgültig einbüßte und sich in der Ostseehalle einige Male regelrecht blamierte. Das war nicht allein Filip Jichas Schuld. Doch seine sieben Jahre an der Förde gipfelten in einem THW, der hypersensibel wirkte, Nebenschauplätze aufmachte und Ausreden suchte, während Magdeburg und Berlin ihn abhängten.

DSGVO Platzhalter

Nach einem vollen Tag der Analyse waren Geschäftsführer Viktor Szilagyi und Chefkontrolleur Kai Kruse zwar „zu 80 Prozent“ davon überzeugt, mit Jicha, 44, weiterzumachen. Schließlich lief sein Vertrag noch bis einschließlich 30. Juni 2027.

Doch ihnen fehlten die verbleibenden 20 Prozent zur 100, um ihm tatsächlich zu vertrauen. Also entließen die beiden ihren Coach, was in Kiel so selten vorkommt wie Sommerregen auf Sizilien. In einem Verein der großen Linien kommt das unfreiwillige Ende eines Trainers einem Versagen auf allen Ebenen gleich.

„Turbulenter Sommer“ für Kiel

In dem Strudel um den geschassten Jicha musste sich auch Szilagyi unbequeme Fragen gefallen lassen. Doch die mächtigen Männer im Hintergrund scheuten den großen Austausch und sprachen Szilagyi ihr Vertrauen aus – verbunden mit einer Kapitalerhöhung der Gesellschafter in Höhe von 1,5 Millionen Euro, um das Loch zu füllen, das entsteht, weil der THW nicht im Europapokal spielt. Das war zuletzt vor 23 Jahren so.

Kommunikationstalent: Trainer Börge Lund soll mehr Freude, Leichtigkeit und Lebenslust in den Klub bringen.
Kommunikationstalent: Trainer Börge Lund soll mehr Freude, Leichtigkeit und Lebenslust in den Klub bringen.dpa

„Es war ein turbulenter Sommer“, sagt Szilagyi, 47, nun. Ihm ist anzumerken, dass er den Blick nicht mehr zu intensiv in die Vergangenheit richten will – denn die Fragen auch an ihn bleiben, ob all die Maladen, die den THW schwächten (die Langzeitverletzten Hendrik Pekeler, Emil Madsen, Nikola Bilyk, aber auch die über Wochen ausfallenden Eric Johansson, Veron Nacinovic und Elias Ellefsen á Skipagötu), auf strukturelle Probleme in Scouting und Training hinweisen und warum Nachverpflichtungen ausblieben oder nicht „saßen“.

Verbunden mit der Personalie Börge Lund ist auch ein grundsätzlich anderer Auftritt des THW. Der 47 Jahre alte Norweger soll Freude, Leichtigkeit und Lebenslust mitbringen. Der Musik- und Konzertliebhaber mit den vielen Tätowierungen hat Elverum mit seiner authentischen Art zu einem Spitzenteam von Champions-League-Format gebaut – mit vergleichsweise wenig Geld.

Führungsrolle für Julian Köster

Man muss nicht alles mit Jicha vergleichen, was er nun sagt und tut. Und doch liegt es nahe, einen anderen Zugang zu den Spielern zu spüren, wenn er ausführt: „Ich mag Menschen. Mir ist Kommunikation wichtig. Ohne gemeinsame Kommunikation schafft man sich seine eigene Wahrheit.“

Schon haben Spieler wie der erfahrene Rune Dahmke staunend berichtet, wie viel Input sie von Lund bekämen, und zwar nicht nur auf Spielzüge bezogen. Da steckt ein ausgeklügeltes Mindset dahinter. Jeder soll auf dem Weg zu mehr „wir“ und weniger „ich“ mitgenommen werden. Wer ausschert, erlebt Lunds weniger freundliche Seite. Wenn nicht alles täuscht, verabschiedet sich der THW gerade vom Heldenhandball.

Das lässt sich allerdings auch leicht behaupten, wenn man Domen Makuc und Julian Köster dazubekommen hat. In Köster, 26, hat sich der THW den komplettesten deutschen Handballspieler geholt. Sofort hat er hier seine Führungsrolle eingenommen und gehört zum Kapitänstrio – der frühere Gummersbacher soll neues THW-Gesicht werden.

Der gleichaltrige Makuc kommt als Champions-League-Sieger aus Barcelona. Mutig, clever, beweglich: eine Zierde für den Verein. Solche Transfers zeigen, dass Szilagyi und Jicha natürlich vieles richtig gemacht haben. Und auch wenn die Ostseehalle längst nicht mehr automatisch ausverkauft ist, reizt es internationale Stars, hier aufzulaufen. „Für mich ist es die beste Handballhalle der Welt“, sagt Börge Lund. Mit diesem Pfund und diesem Kader samt unzähligen Möglichkeiten will er wieder ein Spitzenteam bauen. Die Voraussetzungen sind außerordentlich.