Heimlich überführt: Wer Bewerbungen oder Hausarbeiten mit ChatGPT schreibt, hinterlässt ab sofort Spuren
Stand: 06.10.2026, 13:56 Uhr
OpenAI will ChatGPT-Texte in der EU unsichtbar markieren. Das betrifft auch Bewerbungen und Hausarbeiten. Doch die Erkennung hat klare Grenzen.
Frankfurt – Ein Anschreiben soll überzeugen, eine Hausarbeit die eigene Leistung zeigen. Mit ChatGPT lassen sich dafür in kurzer Zeit fertige Formulierungen erzeugen und anschließend in ein Dokument übernehmen. Auf dem Bildschirm stehen dann gewöhnliche Sätze, ohne sichtbaren Hinweis auf ihre Herkunft. Doch künftig könnte beim Kopieren etwas mitwandern, das beim Lesen verborgen bleibt: ein Muster in der Wortwahl, so TechCrunch.

OpenAI will geeignete Textausgaben von ChatGPT und seinem Programmierwerkzeug Codex in der Europäischen Union (EU) mit einem unsichtbaren Wasserzeichen versehen. Die Einführung soll in den kommenden Wochen erfolgen, berichtet TechCrunch unter Berufung auf die Ankündigung vom 5. Oktober. Das könnte auch Texte betreffen, die später als Bewerbung oder Hausarbeit eingereicht werden. Eine automatische Überführung ihrer Verfasser bedeutet die Neuerung allerdings nicht.
ChatGPT-Wasserzeichen steckt in der Wortwahl – nicht in versteckten Zeichen
Die Technik heißt „textGrain“. Sie fügt dem Text weder ein sichtbares Symbol noch einen Warnhinweis hinzu. Stattdessen beeinflusst sie die Auswahl der Wörter so, dass ein statistisches Muster entsteht. Eine dafür entwickelte Erkennungssoftware kann nach diesem Muster suchen. Für Menschen soll die Markierung beim Lesen nicht auffallen, erläutert heise online.
Entscheidend für den Alltag: Weil das Signal in den Wörtern selbst steckt, bleibt es laut TechCrunch beim Kopieren und Einfügen erhalten. Einen markierten ChatGPT-Text in ein anderes Dokument zu übertragen, beseitigt das Wasserzeichen also nicht.
OpenAI begründet die Einführung mit den Transparenzanforderungen der europäischen KI-Verordnung, des AI Act. Für ChatGPT und Codex ist der angekündigte Einsatz zunächst auf die EU begrenzt. Entwickler, die OpenAI-Modelle über eine Programmierschnittstelle nutzen, können die Kennzeichnung für ausgewählte Modelle weltweit einschalten. Dort ist sie standardmäßig deaktiviert.
Bewerbungen und Hausarbeiten: Kein Prüfwerkzeug für jedermann
Für Personalabteilungen oder Hochschulen entsteht damit nicht sofort eine frei verfügbare Möglichkeit, eingereichte Texte zu kontrollieren. Zugang zum passenden Detektor erhalten zunächst nur ausgewählte Forschende und Fachorganisationen auf Antrag. OpenAI entscheidet im Einzelfall über die Freigabe, berichtet The Decoder.
Das Unternehmen begründet die Einschränkung mit möglichen Fehlerkennungen und übersehenen Wasserzeichen. Wann der Zugang erweitert wird, bleibt dem Bericht zufolge offen. Die neue Kennzeichnung ist deshalb nicht mit einem öffentlich zugänglichen KI-Textprüfer gleichzusetzen.
Auch ein erkannter Treffer verrät nicht, welcher Nutzer den Text erzeugt hat. Nach den Angaben von The Decoder legt das Werkzeug weder die eingegebenen Anweisungen noch die zugehörigen Gespräche offen. Es soll lediglich anzeigen, ob ein OpenAI-Wasserzeichen erkannt wurde.
Wie zuverlässig lassen sich ChatGPT-Texte erkennen?
Die bisherigen Zahlen stammen aus Tests des Unternehmens. Sie zeigen deutliche Unterschiede je nach Länge und Inhalt. Wie heise online berichtet, erkannte das System das Wasserzeichen bei psychologischen Texten mit einer Länge von 400 sogenannten Token in rund 94 Prozent der Fälle. Token sind Texteinheiten, mit denen Sprachmodelle arbeiten.
Bei mathematischen Texten gleicher Länge lag die Erkennungsrate dagegen nur bei rund 61 Prozent. Hier gibt es weniger Spielraum, Wörter auszuwählen und dadurch ein Muster einzubauen. Die genannten Tests gingen außerdem von einer Fehlalarmrate von einem Prozent aus: Auch nicht markierte Texte konnten somit fälschlich als markiert eingestuft werden.
Überarbeitungen schwächen das Signal zusätzlich. The Decoder berichtet von einem Test, in dem der Austausch von zehn Prozent der Wörter durch bedeutungsgleiche Ausdrücke die Erkennungsrate von etwa 92 auf 66 Prozent senkte. Auch Übersetzungen oder die Vermischung mit anderen Texten können die Erkennung erschweren.
Ein Wasserzeichen beweist weder Täuschung noch fehlende Eigenleistung
Für den Umgang mit Bewerbungen und Hausarbeiten ist deshalb eine Unterscheidung wichtig: Ein Hinweis auf die Herkunft eines Textes beantwortet noch nicht, wie er entstanden ist. Das Wasserzeichen zeigt laut heise online nicht, welcher Anteil von einem Menschen stammt, wer die Verantwortung trägt oder ob die Aussagen stimmen.
Ein Treffer allein kann somit nicht klären, ob jemand einen vollständigen Text ungeprüft übernommen oder eigene Inhalte mithilfe von ChatGPT bearbeitet hat. Ebenso wenig lässt sich daraus allein ein Regelverstoß ableiten.
Umgekehrt ist ein fehlendes Wasserzeichen kein Beleg für menschliche Urheberschaft. Der Text könnte verändert worden sein, die Erkennung könnte scheitern oder ein anderes KI-Modell könnte verwendet worden sein. Die angekündigte Technik schafft einen zusätzlichen Hinweis auf KI-generierte Inhalte – keinen lückenlosen Beweis gegen Bewerber oder Studierende. Auch Claude versteckt Wasserzeichen. (Quellen: TechCrunch, Heise.de, eigene Recherche) (str)