Schredder
Heimliches KI-Training: Amazon zerstört massenhaft alte Bücher
Die Werke werden durch den Scanvorgang zerstört. Bücher werden palettenweise gekauft – auch in Österreich
Peter Zellinger Shiva Swist-Standl
Amazon kauft im großen Stil gewaltige Mengen an Büchern. Diese werden gescannt und mit ihren Inhalten KI-Modelle trainiert. Anschließend werden die Werke vernichtet. Journalisten konnten nun erstmals nachweisen, wie das große Bücherschreddern funktioniert.
Schon seit geraumer Zeit kursiert in der Buchbranche der Verdacht, dass KI-Firmen den Markt systematisch leerkaufen, um ihre künstliche Intelligenz mit neuen Trainingsdaten zu füttern. Händlern fielen in den vergangenen Monaten immer wieder ungewöhnliche Großbestellungen auf – mit einer oft scheinbar zufälligen Auswahl seltener Titel.
Der Bücherverschlinger
Um das Geheimnis hinter diesen massenhaften Käufen zu lüften, griffen Redakteure des US-Tech-Portals 404 Media zu einem simplen Trick: Als ein Verkäufer auf dem Marktplatz Biblio eine riesige Bestellung von rund 1000 Büchern erhielt, versteckten die Journalisten in einem seltenen Buch einen Apple AirTag.
Die Spur des Senders führte quer durch die USA und endete schließlich in Las Vegas, Nevada. Zielort war ein Lagerhaus, das zu Amazon gehört. Mitarbeiter der Anlage berichten, dass dort massenhaft gedruckte Bücher angeliefert werden. Um diese in rasantem Tempo einscannen zu können, werden den Büchern kurzerhand die Buchrücken und Einbände abgeschnitten.
Das Logo der zuständigen Amazon-Abteilung mit dem Codenamen "VGT3" zeigt einen Tyrannosaurus Rex, der seine Zähne fletscht und kurz davor ist, ein Buch zu verschlingen. Dass ausgerechnet der E-Commerce-Pionier Amazon jenes Produkt systematisch schreddert, das ihn einst zum Weltkonzern gemacht hat, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. In der Konzernzentrale gibt man sich diesbezüglich wortkarg. "Amazon kauft Bücher über kommerzielle Kanäle, um die Produkte und Dienstleistungen, die unsere Kunden nutzen, weiterzuentwickeln und zu verbessern", hieß es trocken.
Alte Bücher sind KI-frei
Doch warum dieser enorme Aufwand? KI-Unternehmen investieren weltweit gigantische Ressourcen, um neues Material für ihre Modelle zu finden. Das offene Internet haben die Datensammler bereits weitgehend abgegrast. Gedruckte Bücher bieten hier einen enormen Mehrwert: Ihre Texte sind nicht ohne Weiteres online verfügbar.
Ein weiterer Vorteil: Ältere Bücher sind eher frei von KI-generierten Inhalten. Das ist wichtig, um den sogenannten "Modellkollaps" zu verhindern – ein Phänomen, bei dem KI-Modelle immer schlechter werden, wenn sie unbemerkt mit Texten trainiert werden, die zuvor von einer anderen KI geschrieben wurden. Dabei werden laut Ars Technica einfach Bücher anhand von Checklisten von ISBN-Nummern abgearbeitet.
Die Jagd auf alte Bücher erreicht Österreich
Die systematischen Aufkäufe beschränken sich längst nicht mehr auf die USA. Wie der Schweizer Rundfunk berichtet, gibt es auch im deutschsprachigen Raum eine regelrechte "Jagd auf alte Bücher". Ein deutscher Online-Händler schilderte automatisierte, nächtliche Großbestellungen in seinem Shop, und in Branchenforen tauschen sich zahlreiche Kolleginnen und Kollegen über identische Erfahrungen aus. Die Rede ist von palettenweise Bestellungen.
Auch in Österreich ist das Phänomen spürbar. Michael Truppe vom Antiquariat Matthäus Truppe in Graz meldete zuletzt rund 50 Exemplare, die vom selben Käufer erworben wurden. Gekauft wurde laut Truppe ausschließlich Literatur mit ISBN-Nummern, vorwiegend wissenschaftliche Werke, die in deutschsprachigen Bibliotheken zwar häufig, in Übersee jedoch eher selten zu finden sind. Die Abwicklung erfolgte über ein deutsches Zwischenlager, von wo aus die Fracht mutmaßlich weiter nach Übersee verschifft wurde, wie es im Anzeiger, dem Medium des Hauptverbandes des österreichischen Buchhandels heißt.
Neben Amazon geraten auch andere Akteure ins Visier der Spekulationen. Händler aus Deutschland berichten, dass das kanadische Unternehmen Zoom Books in großem Umfang vergriffene Sachbücher, Kochbücher und Biografien aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufkauft. Zoom Books wehrt sich jedoch gegen den Vorwurf, als Beschaffer für KI-Trainingsdaten zu agieren, und bezeichnet das eigene Vorgehen als regulären Handel mit gebrauchten Büchern und deren Verwertung. (Peter Zellinger, Shiva Swist-Standl, 18.8.2026)
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