Wind und Wirklichkeit
Hier erzählen Menschen, wie es wirklich ist, neben Windrädern zu leben
Neue Windräder haben es in Österreich schwer, auch wegen wilder Mythen über sie. DER STANDARD fragte im Mühlviertel nach, wie sich's neben den turmhohen Anlagen lebt
Reportage
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Lukas Kapeller Michael Schatt
Peter Schuster sitzt mit einer Tasse Kaffee auf seiner Terrasse und wirkt zufrieden. Ein Gemüsebeet mit Gurken und Tomaten, der Garten voller Blumen, dahinter ein Maisfeld – und zwei Windräder. Es ist ein spezielles Idyll hier, in Spörbichl, im Mühlviertel. Garten, Acker, Windpark. "Ich bin aufgewachsen mit den Windrädern", erzählt der 37-Jährige. "Andere Menschen leben neben einer Bundesstraße oder einem Bach. Die machen auch Lärm." Seine Frau Eveline, die gerade von der Arbeit heimkommt, gibt ihm recht: "Die Windräder im Sonnenuntergang, das hat schon etwas. Die sind ein schönes Fotomotiv."
Nicht alle sehen Windkraft so entspannt. Rund 60 Prozent der Menschen in Österreich befürworten zwar ein bestehendes Windkraftprojekt in ihrer Gemeinde, wie eine Deloitte-Umfrage im Vorjahr zeigte. Aber wenn es um künftige Projekte in der eigenen Nachbarschaft geht, enden Bürgerbefragungen oft negativ. Seit 2024 wurden 38 Windkraftanlagen mit einer Gesamterzeugung von jährlich 626 Millionen Kilowattstunden (kWh) verhindert, rechnete die Interessenvertretung IG Windkraft für das Magazin Profil aus.
Dabei braucht Österreich alle erneuerbaren Stromquellen, um die Energiewende zu schaffen. Weder ist es sinnvoll, das Land nur mit Photovoltaikanlagen zu überziehen, noch können wir uns allein auf die Wasserkraft verlassen. Die Donaukraftwerke erzeugten heuer wegen Hitze und Dürre um ein Drittel weniger als in einem gewöhnlichen Jahr. Auch deshalb will die Bundesregierung Windkraft ausbauen.
Nicht störend
Alfred Klepatsch war der Wegbereiter der zwei Windräder in Spörbichl, die 1999 errichtet worden sind. Der 65-jährige Ex-Bürgermeister der oberösterreichischen Gemeinde Windhaag, zu der das Bauerndorf Spörbichl gehört, sagt: "Man muss die Menschen mitnehmen." Das Gerät für die Probemessungen in den 1990er-Jahren sei zum Beispiel auf einem Maibaum montiert gewesen, und den habe die Feuerwehr aufgestellt. In den ersten Jahren gab es hundert Eigentümer, denen die Windräder gehörten. Klepatsch überzeugte die Bürger auch, indem er die Windräder rund 300 Meter von seinem eigenen Haus aufstellen ließ; Peter Schuster ist sein Sohn und Nachbar.
Als Klepatsch den STANDARD zum Spaziergang zu den Windrädern einlädt, fliegt ihm gleich einmal der Hut vom Kopf. "Bei uns geht halt immer ein Wind", sagt er. Das Geräusch der Anlagen störe ihn nicht, im Gegenteil. "Wenn ich viele Gedanken im Schädel habe, gehe ich in der Nacht an den Windrädern vorbei", sagt Klepatsch. "Das rhythmische Rauschen beruhigt mich."
In Oberösterreich sind neue Windräder so nahe an Wohnhäusern nicht mehr möglich. Die schwarz-blaue Landesregierung hat den Mindestabstand auf 1000 Meter erhöht. Das Land Oberösterreich will bis 2030 zwar jährlich eine Terawattstunde (TWh) Windstrom erzeugen – möglich wären laut IG Windkraft aber acht TWh. Oberösterreichs großräumige Ausschlusszonen machten viele Pläne von Windparkbetreibern zunichte, kritisiert die Interessenvertretung.
Hartnäckige Falschinfos
Allgemein stehen neue Windparks in Österreich vor der Hürde, dass vielerorts berechtigte Sorgen mit düsteren Fantasiegeschichten vermischt werden. Auch Windparkbetreiber bestreiten nicht, dass die Anlagen einen Eingriff ins Landschaftsbild bedeuten und zumindest in der Nähe zu hören sind. Wenn Windräder wirklich nahe an Häusern stehen, was in Österreich aber kaum wo so ist, können die Bewohner zudem von einem flackernden Schattenwurf genervt werden.
Neben solch verständlichen Sorgen wehen aber auch wilde Mythen durchs Land: Der unhörbare Infraschall der Windkraft löse Herzinfarkte aus – medizinische Studien haben dies mehrfach widerlegt. Die Windräder verursachten Dürren – Landwirte in Österreich wissen nichts davon. Hartnäckig hält sich auch das Gerücht, Windkraftanlagen erzeugten fast keinen Strom. Tatsache ist: Ein einziges Windrad mit sieben Megawatt (MW) Leistung versorgt rund 5000 Haushalte.
Hohe Identifikation
Gerhard Freller kann über die Mythen nur lachen. Der ehemalige Landwirt wohnt 800 Meter neben dem Windpark Sternwald in der Gemeinde Vorderweißenbach. Von seiner Terrasse sieht er, hinter den Wipfeln von Buchen, die Rotorblätter. Er nütze sie einfach als Windmesser. Drehen sich die Windräder nach Westen, werde es regnen, wenden sie sich nach Osten, bleibe das Wetter schön, sagt Freller. Die Botschaft des 70-jährigen Mühlviertlers an andere Gemeinden? "Ihr brauchts keine Angst haben!"
Kaum jemand in der Gegend scheint ein Problem mit den neun großen Windrädern im Sternwald zu haben. In einem Kaffeehaus in Vorderweißenbach trifft man etwa eine aufgeschlossene Frauenrunde. "Wir können nicht in der Früh alle Geräte aufdrehen und gleichzeitig jede Energieform boykottieren", sagt die Büroangestellte Martina Hofbauer. Ihre Freundin Heidi Reisinger sagt sogar, in der Nähe des Windparks "gehen meine Mundwinkel nach oben". Sie könne dort auch persönlich "Energie tanken".
"Symbole der Unabhängigkeit"
Benjamin Reichl ist Projektleiter im Windpark Sternwald, den sein Vater Andreas vor mehr als 20 Jahren angestoßen hat. Er freue sich über den Zuspruch vor Ort, von der oberösterreichischen Landesregierung bekomme die Windkraft hingegen zu wenig Unterstützung, sagt Reichl. "Ich glaube, Landeshauptmann Thomas Stelzer und andere Regierungspolitiker sehen die Windkraft persönlich sehr positiv", sagt der 35-Jährige. Sie hielten es aber für populärer, das nicht allzu laut zu sagen.
Wenn man sich überlege, dass Staaten wie Saudi-Arabien und Kasachstan "mit europäischem Geld für Öl und Gas glitzernde Skylines gebaut haben", dann sollte Österreich ganz anders auf seine Windkraftanlagen blicken. Sie seien "Leuchttürme der Energieunabhängigkeit", sagt Reichl.
Diese Leuchttürme sollen in Vorderweißenbach höher werden. Reichl plant für den Windpark Sternwald ein sogenanntes Repowering, ein UVP-Verfahren läuft. Sieben bestehende sollen durch neun neue, leistungsstärkere Windräder ersetzt werden, dem Stand der Technik entsprechend. Die neun Anlagen würden 250 Meter bis zur Flügelspitze messen – die zwei größten im Sternwald sind derzeit 200 Meter hoch. Freller, der Nachbar, würde die Windräder dann nicht mehr zwischen den Baumwipfeln sehen, sondern darüber. "Das wird dann interessant", sagt Freller diplomatisch.
Abbau geplant
In Spörbichl wird hingegen nicht mehr ausgebaut, sondern in absehbarer Zeit abgebaut. Der Betrieb der zwei Anlagen ist nur noch bis Mitte der 2030er-Jahre genehmigt. Ein Repowering der 660-kW-Anlagen so nahe an Wohnhäusern ist nicht möglich. Der dänische Hersteller Vestas baut kleine Windräder wie die in Spörbichl auch gar nicht mehr.
Peter Schuster sagt, er wohne "lieber neben zehn Windrädern als neben einem einzigen Atomkraftwerk". Von seiner Terrasse wird er nach dem Abbau der Windräder nur noch Blumen und ein Maisfeld sehen. "Das wird sich komisch anfühlen", sagt Schuster. "Die Windräder gehören in meinem Leben zum Landschaftsbild dazu." (Lukas Kapeller, Michael Schatt, 22.8.2026)
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