Hirn statt Moral - Die versteckten Vorurteile in unseren Gehirnen

Liya Yu forscht zur Neuropolitik. Sie will verstehen, wie das menschliche Gehirn, Politik und Gesellschaft zusammenhängen und welche Erkenntnisse aus der Hirnforschung die Demokratie schützen können. Brauchen wir mehr Verständnis von der Funktionsweise des Gehirns statt Moraldebatten?

16.09.2026, 06:55

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Kaum jemand würde von sich behaupten: «Ich bin Rassist.» Im Gegenteil. Die meisten Menschen weisen diesen Vorwurf von sich – und liegen damit häufig falsch, argumentiert die Politikwissenschaftlerin und Philosophin Liya Yu.

Das zeigen Experimente mit Hirnscannern: «Auch bei Menschen, die von sich sagen, dass sie liberal und tolerant sind, zeigen die Aufnahmen manchmal, dass die Amygdala aktiv ist, wenn sie Bilder von Menschen mit einer anderen Hautfarbe sehen. Ein Hirnareal, das an der Verarbeitung von Angst beteiligt ist.»

Das Hirn hinkt den eigenen Überzeugungen hinterher

Der Gehirnscan zeigt: Unser Gehirn teilt Menschen in «In-Group» und «Out-Group» ein. Menschen aus der In-Group begegnen wir wohlwollender. Menschen aus der Out-Group misstrauen wir eher, helfen ihnen weniger und schreiben ihnen häufiger negative Eigenschaften zu.

Person betrachtet Gehirnscans auf einem Monitor.
Legende:

Studien erforschen, wie das Gehirn zwischen Eigen- und Fremdgruppen unterscheidet und wie solche Muster unser soziales Verhalten beeinflussen können.

Getty Images/Monty Rakusen

«Evolutionär hat das Sinn gemacht. Wir mussten in kleinen Gruppen kooperieren und schnell zwischen Freund und Feind unterscheiden. Aber unsere Gehirne hinken den rapiden Entwicklungen moderner, liberaler Gesellschaften hinterher», so die These der neuropolitischen Philosophin Liya Yu.

Autoritäre Politik, etwa der Rechtspopulismus, versteht diesen alten Instinkt und bedient gezielt solche Ängste. Daher plädiert Yu dafür, zu verstehen, wie unser Gehirn tickt, um die liberale Gesellschaft zu schützen. Eine Gesellschaft, die auf der Überzeugung beruht, dass wir verschieden sind, aber die gleiche Menschenwürde und die gleichen Rechte haben.

Mentale Tricks statt moralische Appelle?

Um diese Überzeugung zu verteidigen, argumentieren wir, appellieren an den Verstand oder das Gewissen. Aber diese Methoden der Vernunft würden überschätzt, so Yu. Sie plädiert für mentale Strategien. Zum Beispiel, sich bei einem fremden Menschen vorzustellen, ob er wohl lieber Brokkoli oder Karotten mag. «Das klingt banal und hat nichts mit Moral zu tun. Aber im Gehirnscan zeigt sich: Allein diese Vorstellung kann das Gegenüber humanisieren.»

Humanisierung bedeutet, Menschen, die uns unvertraut sind, die gleiche Tiefe und Komplexität zuzuschreiben wie uns selbst. Das kann gelingen, wenn wir die Kategorien erweitern, in die wir Menschen einordnen: Hautfarbe, Geschlecht, Religion oder ökonomischer Status. Mit erweiterten Kategorien ist ein Obdachloser dann nicht mehr nur ein Obdachloser, sondern auch der Sohn von jemandem, ein gottesfürchtiger Mann oder ein ehemaliger Marathonläufer.

Demokratie ist mehr als ein Hirnscan

Dieser Trick zeigt im Gehirnscan gute Resultate. Wie tragfähig solche Kniffe tatsächlich sind, wenn es darum geht, die Demokratie zu schützen und ob diese reduktionistische Sichtweise auf den Menschen und die Gesellschaft wirklich über das Aufleuchten einzelner Hirnareale hinausgeht, bleibt jedoch offen.

Auch Philosophin Yu, die in neurowissenschaftlichen Erkenntnissen grosses Potenzial für die Politik sieht, weist auf Entscheidendes hin: «Die Gehirndaten sagen uns nicht, wer wir als Menschen sind, aber sie sagen uns, was unser Gehirn macht

Will heissen: Zwischen dem, was unser Gehirn signalisiert, und der Art, wie wir handeln, liegt eine ganze Welt – und vielleicht auch unser Charakter.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 15.9.2026, 17:10 Uhr