Island stimmt ab: Referendum über EU-Beitrittsgespräche – Trump-Drohungen als überraschender Auslöser

Historisches Referendum: Island entscheidet über EU-Beitritt – doch ein Thema bleibt heikel

Stand: 29.08.2026, 07:11 Uhr

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Island entscheidet am Samstag über die Wiederaufnahme von EU-Gesprächen. Was steckt hinter dem Referendum – und warum spielt Trump dabei eine Rolle?

Reykjavik – Am Samstag (29. August) entscheiden die rund 400.000 Einwohnerinnen und Einwohner Islands darüber, ob ihr Land Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union wiederaufnehmen soll. Es geht dabei nicht um ein direktes Ja oder Nein zur Mitgliedschaft, sondern zunächst nur um den Wiedereinstieg in Gespräche, die Island 2013 abgebrochen hatte.

Island steht der EU bereits nahe, doch schon bald könnte die Insel Teil der Union werden. (Symbolfoto)

Island steht der EU bereits nahe, doch schon bald könnte die Insel Teil der Union werden. (Symbolfoto) © Martin Bertrand/Imago

Brüssel beobachtet das Referendum aus respektvoller Distanz – und doch mit großer Hoffnung. Für die EU wäre ein möglicher Beitritt Islands die erste Erweiterung seit 13 Jahren und damit eine willkommene Erfolgsgeschichte.

Island nähert sich der EU an: Trumps Drohungen als Auslöser

Den entscheidenden Anstoß für das Referendum gab nicht Brüssel, sondern Washington. US-Präsident Donald Trump hatte wiederholt gefordert, das autonome dänische Territorium Grönland unter US-Kontrolle zu bringen – und dabei Island und Grönland häufig in einem Atemzug genannt oder schlicht verwechselt.

Der designierte US-Botschafter für Island, Billy Long, bezeichnete die Insel mehrfach scherzhaft als 52. Bundesstaat der USA. „Das hat in Island Verunsicherung ausgelöst und Debatten darüber befördert, wie sich die Sicherheitslage verbessern lässt“, sagte Michael Paul, Senior Fellow der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin, im Gespräch mit n-tv.de.

NATO-Überwachung rund um Grönland und Island stößt EU-Verhandlungen an

Die isländische Regierung griff diese Stimmung auf und brachte die EU-Mitgliedschaft erneut ins Gespräch. Ein Beitritt, so das Argument, würde im aktuellen geopolitischen Kontext mehr Sicherheit bieten. Bereits im März 2026 hatten EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas und Islands Außenministerin Þorgerður Katrín Gunnarsdóttir die EU-Island Security and Defence Partnership unterzeichnet, die eine verstärkte Zusammenarbeit in der Arktis und bei der maritimen Sicherheit vorsieht.

Hintergrund ist die strategische Bedeutung der sogenannten GIUK-Lücke zwischen Grönland, Island und Großbritannien, durch die russische U-Boote im Konfliktfall in den Nordatlantik vordringen könnten. Auch Deutschland hat dabei ein direktes Interesse: Berlin will sich stärker an der Überwachung des Luft- und Seeraums um Island beteiligen.

Island ist kein gewöhnlicher EU‑Beitrittskandidat – Umfrage zeichnet positives Bild

Was Island von anderen Beitrittskandidaten unterscheidet, ist seine bereits enge Einbindung in die EU. Das Land gehört sowohl zum Schengenraum als auch zum Europäischen Wirtschaftsraum und wendet damit bereits einen Großteil der EU-Rechtsvorschriften an.

EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos bringt es auf den Punkt: „Noch nie hatten wir ein Land, das schon so weit mit uns auf einer Linie ist“, wird sie von tagesschau.de zitiert. Deshalb könnte es im Falle eines positiven Referendumsergebnisses auch deutlich schneller gehen als bei anderen Kandidaten – Kos hält einen Abschluss der Verhandlungen innerhalb von „ein bis zwei Jahren“ für realistisch. Zum Vergleich: Andere Beitrittsprozesse, etwa mit den Westbalkan-Ländern, ziehen sich oft über Jahrzehnte hin, und Montenegro hofft frühestens auf einen Beitritt bis 2028.

Der letzte Neuzugang in der EU-Familie war Kroatien, das 2013 beitrat und die Union auf 28 Mitglieder anwachsen ließ. Mit dem Brexit 2020 schrumpfte die Zahl wieder auf 27. Island wäre damit das erste westeuropäische Land seit mehr als 30 Jahren, das der Gemeinschaft beiträte – ein Umstand, der in Brüssel als starkes politisches Signal gewertet wird.

Dass die Stimmung in Island zumindest leicht zugunsten eines Beitritts kippt, zeigt eine Ende Juli veröffentlichte Umfrage der isländischen Zeitung DV, die das „Ja“-Lager mit 53 Prozent vorn sah. „Ich denke, sie wollen eine Erfolgsgeschichte“, sagte ein nicht namentlich genannter Brüsseler Experte über die Hoffnungen in der EU-Kommission gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.

Streitpunkt Fischerei: In Island will man sich von der EU keine Fangquoten vorschreiben lassen

So günstig die Ausgangslage auch erscheint – ein Thema bleibt heikel: die Fischerei. Meeresfrüchte machen rund 40 Prozent der isländischen Exporte aus, und laut einer Gallup-Umfrage sind 90 Prozent der Unternehmen im isländischen Fischsektor gegen einen EU‑Beitritt. Die isländische Regierung besteht darauf, auch künftig eigene Fangquoten festzulegen und ausländische Investitionen im Fischereibereich zu begrenzen – beides widerspricht EU‑Regularien. Beim ersten Anlauf der Beitrittsverhandlungen wurde das Thema Fischerei deshalb bewusst ausgeklammert, eben weil es so brisant ist.

Vulkanausbruch Island

Die Insel mit ihren aktiven Vulkanen zieht jedes Jahr viele Touristen an. Hauptwirtschaftszweig ist aber die Fischerei. (Archivbild) © Marco di Marco/AP/dpa

Die Erinnerung an die sogenannten Kabeljaukriege wirkt dabei bis heute nach: In drei Fischereikonflikten zwischen 1958 und 1976 setzte Island schrittweise eine 200-Seemeilen-Fischereizone gegenüber Großbritannien durch und drohte zeitweise sogar mit einem NATO‑Austritt.

„Island ist stark von der Fischindustrie abhängig“, betont SWP-Experte Paul. Dennoch gibt es auf beiden Seiten Signale der Kompromissbereitschaft. Kos versicherte den Isländern: „Uns ist die Bedeutung der Fischerei für Island bewusst. Nicht nur für euren Wohlstand, sondern auch für euer Leben als Gemeinschaft, für eure Identität.“ Auch innerhalb des EU-Parlaments glaube man nicht, „dass irgendjemand einen Beitritt wegen einer Fischereifrage blockieren will“, zitiert die AFP aus Brüssel.

„Die Tür zur Europäischen Union steht offen“: Island prüft die Stimmung im Land

Aus Deutschland kommen ebenfalls positive Signale. Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW), erklärte: „Angesichts geopolitischer Spannungen, zunehmender globaler Konkurrenz und einer Weltwirtschaft im tiefen Umbruch müssen wir die EU weiter stärken.“ Von einer Vollmitgliedschaft Islands verspreche er sich „einen weiter steigenden Handel“.

Auch der deutsche Europaabgeordnete René Repasi (SPD) betont: „Die Tür zur Europäischen Union steht offen.“ Doch selbst wenn das Referendum positiv ausgeht und Verhandlungen erfolgreich abgeschlossen werden, ist ein Beitritt noch nicht garantiert: Die Isländer müssten in einem weiteren Referendum über das Ergebnis abstimmen. Ein wichtiger Schritt Richtung EU wäre jedoch gemacht. (Quellen: AFP, tagesschau.de, n-tv.de, DV, dpa) (nak)