Katastrophe in der Eifel: Der Wald brennt, Munition explodiert

Die Eifelgemeinde Großhau hat Glück gehabt. Bisher. Nur wenige Hundert Meter entfernt verdeckt schmutzig-grauer Rauch den Himmel, es stinkt verbrannt, Rotoren und Sirenen lärmen. Ständig fliegen Hubschrauber über den Ort. Unter ihnen hängen Wassertanks, die sie neben Großhau über den schlimmsten Waldbrand in der Geschichte Nordrhein-Westfalens auskippen. Die Polizei hat die Bundesstraße B399 gesperrt, die von der Siedlung in Richtung Flammeninferno führt. Doch regelmäßig rumpeln Traktoren mit Tankanhängern an der Sperre vorbei; Bauern bringen den Feuerwehrleuten mehr Wasser. Auf den Straßen in der Umgebung rollen Kolonnen von Einsatzfahrzeugen: Feuerwehr, Rotes Kreuz, Technisches Hilfswerk, Polizei.

Einsatzkräfte an der B399: Munition im Waldboden erschwert das Löschen.
Einsatzkräfte an der B399: Munition im Waldboden erschwert das Löschen. Harald Tittel/dpa

Glück hat Großhau gehabt, weil das Feuer, das am Donnerstag ausbrach, sich in die andere Richtung, zur Nachbarsiedlung Gey, voran gefressen hat. Deshalb musste Großhau nicht evakuiert werden, anders als Gey. Da haben Polizei und Feuerwehr die mehr als 2000 Bewohnerinnen und Bewohner in der Nacht zum Freitag aus dem Bett geklingelt. Sicherheitshalber. Auch ein Pflegeheim und ein Pferdegestüt wurden geräumt. Um vier Uhr morgens fiel die Entscheidung, bis acht Uhr war die Rettung abgeschlossen. Das Feuer ist inzwischen nur noch 150 bis 200 Meter entfernt von dem Dorf, das genau wie Großhau zu Hürtgenwald gehört, einer Gemeinde mit 9000 Einwohnern nahe der belgischen Grenze. Der brennende Wald heißt genauso.

Die Rauchsäulen über dem Wald sind von weitem zu sehen.
Die Rauchsäulen über dem Wald sind von weitem zu sehen. Tilman Blasshofer/REUTERS

Die in Sicherheit gebrachten Menschen kamen erst in einer Grundschule und einem Schützenheim in der Nähe unter. Viele fanden dann schnell Unterschlupf bei Freunden oder Verwandten, andere wurden in weiter entfernte Unterkünfte gebracht, weil die Belastung durch den Rauch zu viel wurde. Wolken zogen sogar bis ins 50 Kilometer östlich gelegene Bonn. Silke Gorißen, Landwirtschaftsministerin des Bundeslandes, nennt bei ihrem Besuch in Hürtgenwald die weithin sichtbaren Rauchsäulen „so ein bisschen apokalyptisch“.

Hürtgenwalds Bürgermeister Stephan Cranen ist als Krisenmanager im Dauereinsatz. Der parteilose 55-Jährige ist daher nur auf seinem Handy zu erreichen. „Es gab am Donnerstag schon zwei andere Brände, die aber nicht so schlimm waren“, sagt er. Als er am Nachmittag auf dem Weg zum zweiten war, habe er von dem dritten, größeren erfahren. „Und gerade, als ich ins Bett gehen wollte, hat sich der Wind gedreht. Wir haben dann entschieden zu evakuieren.“ Zeit zum Schlafen habe er immer noch nicht gehabt.

Hürtgenwald gehört zum Landkreis Düren. Dessen Landrat Ralf Nolten sagt, gegen die Evakuierung habe es keinen Widerstand gegeben: „Wenn Sie die Feuerwand gesehen haben – die Bäume haben ja schon ihre Höhe und dann brennt es noch mal ein paar Meter über der Krone – wenn Sie das gesehen haben, dann gehen Sie schon und fangen nicht an zu diskutieren.“

Auch die Ortschaft Birgel mit der Pfarrkirche Sankt Martinus liegt nahe am Feuer.
Auch die Ortschaft Birgel mit der Pfarrkirche Sankt Martinus liegt nahe am Feuer. IMAGO/Manngold

Der Auslöser des Brands in der Nordeifel, einer beliebten Ausflugsregion und Teil eines Nationalparks, ist unklar. Die Kölner Polizei ermittelt. Der Brand hat sich in dem knochentrockenen Wald inzwischen zu einem gefürchteten Wipfelfeuer entwickelt. Dies bedeutet, dass sich das Feuer in den Kronen verselbständigt, von Wipfel zu Wipfel springt und daher dem Brand am Boden vorauseilen kann. Die Hitze und starke Winde aus wechselnden Richtungen erschweren das Löschen. Ein Feuerwehrsprecher sagt, die Bedingungen seien „denkbar schlecht“. Nach seinen Schätzungen brennen 300 Hektar, was der Größe von 420 Fußballfeldern entspricht. Zum Vergleich: In ganz Nordrhein-Westfalen brannten im vergangenen Jahr nur 52 Hektar Wald ab. Damit ist das Feuer in Hürtgenwald nach allem, was der Regierung bekannt ist, das schlimmste in der Geschichte des bevölkerungsreichsten Bundeslandes.

Die Löscharbeiten werden noch zusätzlich erschwert, weil im Waldboden Munition und Minen aus dem Zweiten Weltkrieg verborgen sind. Der alte Wald war Ende 1944 und Anfang 1945 Schauplatz einer der längsten und blutigsten Schlachten an der Westfront. Die US Army wollte durch die Eifel vorstoßen, doch die Wehrmacht hatte sich verschanzt. US-Soldaten nannten den Wald Death Factory, Todesfabrik. Einsatzkräfte hörten bereits Explosionen. CDU-Landrat Nolten sagt, wegen dieser Gefahr könnten keine einzelnen Feuerwehrleute mit Löschrucksäcken in den Forst geschickt werden. In der Nacht hätten sich auch einzelne Einheiten zurückziehen müssen, damit sie nicht vom Feuer eingekesselt würden.

Insgesamt sind 400 Menschen im Einsatz, darunter Soldaten der Bundeswehr. Als Antwort auf das Risiko von Explosionen setzen die Brandbekämpfer stärker auf schweres Gerät und löschen aus größerer Distanz. Zwei Räumpanzer der Bundeswehr haben Schneisen in den Wald geschlagen, die Polizei besprüht die Bäume mit Wasserwerfern. Zudem ist ein gerade erst von der Landesregierung angeschafftes Spezialfahrzeug namens Fire Fighter im Einsatz. Das ist geländegängig, kann steile Hänge überwinden und 10 000 Liter Löschwasser aus einem Tank verspritzen. Aus der Luft bekämpfen fünf Hubschrauber von Polizei und Bundeswehr mit riesigen Wasserbehältern das Feuer. Bürgermeister Cranen sagt am Telefon, dass ein Löschflugzeug angefordert sei, das noch mehr Wasser transportieren kann. Die Feuerwehrleute nutzen inzwischen auch Gegenfeuer als Strategie: An bestimmten Stellen werden Feuer entzündet, die dem größeren Brand Nahrung entziehen, wie ein Feuerwehrsprecher sagt.

Zwei Räumpanzer der Bundeswehr unterstützen die Feuerwehr.
Zwei Räumpanzer der Bundeswehr unterstützen die Feuerwehr. Thomas Banneyer/dpa

Die Feuerwehr geht davon aus, dass der Einsatz mehrere Tage dauern wird. Selbst wenn der Brand bald unter Kontrolle sein sollte, müssen Feuerwehrleute danach sämtliche Glutnester auf 300 Hektar sorgfältig löschen, damit kein neues Feuer entsteht. Unklar ist auch, wie schnell die evakuierten Bewohner in ihr Dorf zurückkehren dürfen. An diesem Samstag wird Ministerpräsident Hendrik Wüst Hürtgenwald besuchen; er hat seinen Urlaub früher beendet. Bürgermeister Cranen hatte für dieses Wochenende eigentlich eine Radtour geplant. „Aber ich habe meiner Frau schon gesagt, sie soll die absagen“, berichtet er. „Wir werden hier sicher noch einige Tage gebraucht.“