Homberger Gemeinschaftsbrauerei produzierte 42.000 Hektoliter im Jahr

Stand: 24.08.2026, 08:30 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Homberger Gesellschaftsbrauerei, Brauerei, Gemeinschaftsbrauerei, Bild von 1960, für Serie Erinnerungsorte

Lange ein Wahrzeichen der Stadt: die Homberger Gesellschaftsbrauerei im Jahr 1960. © Repro: Thomas Schattner

Die Homberger Gemeinschaftsbrauerei stellte 1972 nach fast 600 Jahren die Produktion ein. Zuvor hatten 125 Gastwirte die Brauerei 1907 mit 250.000 Mark Stammeinlage gegründet.

Homberg – Auch wenn die Brauerei schon seit vielen Jahrzehnten kein Bier mehr produziert, dürfte sie in vielen Küchenschränken, Vitrinen und Kellerbars noch immer in Form von Gläsern, Bierdeckeln, Emaille-Schildern präsent sein: Die Homberger Gemeinschaftsbrauerei war lange Aushängeschild der Region. Viele verbinden mit dem Homberger Pils und dem Export-Bier, mit dem Süßbier der Brauerei, und dem „Drei-Löwen-Bräu“ Erinnerungen.

Homberger Gesellschaftsbrauerei, Brauerei, Gemeinschaftsbrauerei, Baubeginn 1907, für Serie Erinnerungsorte

Beginn einer langen Geschichte: Die Homberger Gesellschaftsbrauerei wurde 1907 gebaut, ein Jahr später fand die Eröffnung statt. © Repro: Thomas Schattner

Die Homberger Gesellschaftsbrauerei stand am Ende einer sehr langen Bierbrautradition in der Kreisstadt, die bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht. Ursprünglich existierten drei Brauhäuser, deren Einkünfte der Stadt jährlich zwischen sieben und 22 Prozent ihrer Gesamteinnahmen im 18. Jahrhundert sicherten. Waren diese Brauereien zunächst noch in städtischer Hand, so veränderte sich dies mit der 1869 durch die Preußen eingeführten Gewerbefreiheit des Brauwesens.

HNA-Serie Erinnerungsorte

Geschichte begegnet uns oft dort, wo wir täglich vorbeigehen – an Gebäuden, Plätzen, Denkmälern oder unscheinbaren Orten. In der Serie „Erinnerungsorte“ begibt sich die HNA auf Spurensuche in der Region. Jede Folge stellt einen besonderen Ort vor, erzählt seine Geschichte und zeigt, warum er bis heute von Bedeutung ist. Dabei geht es auch um Orte, die im Alltag leicht übersehen werden und gerade deshalb spannende Einblicke in die Vergangenheit bieten. Sie, liebe Leserinnen und Leser, sind eingeladen, Vorschläge einzubringen: Kennen Sie einen Ort, dessen Geschichte mehr Aufmerksamkeit verdient? Schreiben Sie uns – vielleicht stellt unser Autor Thomas Schattner diesen Erinnerungsort vor.
Kontakt: [email protected]

Fortan lag die Bierherstellung in Homberg in privater Hand. Und die führte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Gründung einer größeren Brauerei in Homberg. Das Gründungsdatum der Homberger Gesellschaftsbrauerei lag auf einem Mittwoch: Am 3. Juli 1907 fanden sich um 16 Uhr rund 125 Personen, mehrheitlich Gastwirte aus der Stadt und ihrer Umgebung, im Gartensaal der Gastwirtschaft Gude(heute Restaurant „La Cantina“) in der Homberger Bahnhofstraße ein - heute Ziegenhainer Straße - um einen Gesellschaftsvertrag zu unterzeichnen und eine Stammeinlage zu bilden.

Mindestens 250 Mark mussten pro Person einbezahlt werden. Am Ende standen 250.000 Mark, von denen allerdings fast die Hälfte der Summe vom einladenden Johann Emil Rechberg aus Bad Hersfeld und dessen persönlichen Umfeld finanziert wurde. Rechberg war gelernter Bierbrauer und wohnte später in Homberg „Am Katterbach“.

Schon kurz nach der Gründungsversammlung wurde der Grundstein zur neuen Brauerei gelegt. Nach sehr kurzer Bauzeit wurde das Architekturensemble am 22. Juni 1908 eröffnet. Nun konnte sich Rechberg so richtig ausleben, er war anfangs kaufmännischer und technischer Leiter in Personalunion, zugleich Braumeister, Biersieder und Kellermeister.

Und er war erfolgreich: Rechberg konnte das Homberger Bier gegen die starke Kasseler Konkurrenz etablieren. Anfangs beförderten sechs Pferde das Getränk aus der Kreisstadt zur Kundschaft, noch vor dem Ersten Weltkrieg übernahm dies ein Lastwagen. Es gelang, die Brauerei durch den Krieg und alle Schwierigkeiten der frühen Republik von Weimar zu führen und diese weiterzuentwickeln. 1937 war die Brauerei die einzige, die im Kreis Fritzlar-Homberg noch Bier herstellte.

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg wurden in Homberg 10.000 Hektoliter Bier produziert, die Zahlen stiegen stetig. Daran änderte auch der Tod Rechbergs 1943 nichts. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Brauerei ausgebaut und modernisiert, aber auch rationalisiert, sodass 1971 etwa 42.000 Hektoliter Bier in der Kreisstadt produziert wurden.

Homberger Gesellschaftsbrauerei, Brauerei, Gemeinschaftsbrauerei, Abfüllanlage für Flaschenbiere, für Serie Erinnerungsorte

Automatisiert: Das Bild zeigt eine Abfüllanlage in der Gesellschaftsbrauerei. © Repro: Thomas Schattner

Dennoch war der Brauereimarkt hart umkämpft. Deshalb kamen Ende der 1960er-Jahre erstmals Gedanken einer Fusion auf, obwohl die Homberger Produktion noch rentabel erschien. 1970 verzeichnete im Vergleich zum Vorjahr ein Umsatzplus von 2,8 Prozent. Sowohl der Bierabsatz als auch der Umsatz bei alkoholfreien Getränken wurden gesteigert. Doch Kosten für Personal und Werbung waren enorm gestiegen.

Am 29. Mai 1972 endete eine nahezu 600-jährige Tradition des Bierbrauens in Homberg. An diesem Tag genehmigte die Gesellschafterversammlung einen Fusionsvertrag mit der Frankfurter Binding-Brauerei. Fortan bestand auf dem Gelände der Brauerei nur noch eine Binding-Niederlassung. Die aber wurde nach nur vier Jahren endgültig geschlossen.

Wer hat Fotos und Sammelstücke?

Lange Zeit war es sehr still um die Brauerei, die heute zwei Gewerbebetriebe und seit vielen Jahren eine Gemeinschaftsunterkunft beherbergt. Jetzt soll eine kleine Ausstellung zur Homberger Brautradition erstellt werden: Wer immer alte Fotos vom imposanten Gebäude im Bahnhofsgebiet hat, wer Gläser, Bierdeckel, Flaschenöffner aus vergangenen Jahren zur Verfügung stellen kann und möchte, der sollte sich unter folgender E-Mail-Adresse melden: [email protected]