Nicola Abt
Samuel Giger (28) beisst genüsslich in sein Thon-Canapé. Er kaut, nickt zufrieden und legt das Brötchen für einen Moment zurück auf den Teller. «So etwas liegt während der Saison selten drin. Deshalb geniesse ich es jetzt umso mehr. Es schmeckt hervorragend.» Der Kilchberger-Sieger sitzt an diesem Dienstagmorgen in der Bäckerei in Weinfelden TG. Ein paar Tage sind seit seinem Triumph vergangen. «Ich habe wieder Luft zum Atmen», sagt der Thurgauer. Zehn, elf Monate im Jahr ist sein Leben durchstrukturiert. Jetzt darf der Kalender wieder Lücken haben. «Ich freue mich auf alles, was noch kommt. Auch auf spontane Sachen, von denen ich jetzt noch nichts weiss.»
Wie sehr sich seine Heimat mit ihm über den Kilchberger-Sieg freut, zeigt sich wenige Minuten später. «Wir haben am Samstag geschaut», rufen ihm Schulkinder strahlend entgegen. Eben haben sie auf der Wiese noch die Tore für den Sportunterricht aufgestellt. Jetzt ruhen die Bälle. Ihr Lehrer kommt herüber und bittet um ein gemeinsames Foto. Die Kinder rücken zusammen, Giger überragt sie deutlich. «Das wird im Klassenzimmer aufgehängt», sagt der Lehrer.
Er haderte nach der Verletzung
Kaum ist das Bild gemacht, wird es hektisch auf dem Schulgelände. «Es hat sich herumgesprochen, dass du hier bist», ruft ein weiterer Lehrer. Hinter ihm eilen mehr als 25 Schülerinnen und Schüler heran. Einige kichern, andere bleiben zunächst schüchtern stehen. Ihre Blicke wandern nach oben. «Sie wollen wissen, wie gross du bist», ruft der Lehrer. Giger antwortet: «1 Meter 94». Ein Mädchen nickt triumphierend den anderen zu. Offenbar wurde gerätselt, ob Giger sogar die Zwei-Meter-Marke knackt. Während Giger durch Weinfelden marschiert, blickt ein Mann von seiner Zeitung auf. «Gratuliere dir!» Zwei Frauen kommen aus einem kleinen Restaurant und bitten um ein Foto.
Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»
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Auch während des Gesprächs im Café wird Giger immer wieder unterbrochen. Ein Selfie hier, ein Glückwunsch dort. Er steht auf, lächelt, bedankt sich und setzt sich wieder. Die Bäckerei serviert ihm ein Zitronen-Amaretti. Ein kleines Geschenk zu seinem historischen Sieg. Giger ist erst der zweite Schwinger, dem es gelang, den nur alle sechs Jahre stattfindenden Kilchberger zweimal zu gewinnen. «Das ist sehr lieb. Danke vielmals», sagt er lächelnd.
Vor etwas mehr als drei Monaten war sein Gemütszustand ein ganz anderer. Im Training hatte er sich eine Schulterverletzung zugezogen. «Im ersten Moment habe ich gehadert. Warum passiert es mir schon wieder?», fragte er sich. Er musste im Winter bereits seinen Rücken operieren. Aber er hatte Glück, die Genesung verlief gut. Also genoss er die freien Sonntage und ging baden, spazieren oder verbrachte Zeit mit seinen Geschwistern. «Ich versuchte, jeden Moment so zu nehmen, wie er ist, konzentrierte mich auf das Positive.» Eine wichtige Rolle nahm in diesen Monaten seine Frau Michelle ein. «Sie war immer für mich da. Es tut gut, einige Stunden am Tag nicht am Sport herumzustudieren. Sie bringt mich auf andere Gedanken. Da kann ich wieder sehr viel Kraft tanken.»
Frau Michelle als wichtige Stütze
Seinen Athletiktrainer Goran Cvetkovic hebt Giger ebenfalls hervor. «Mit ihm kann ich über alles sprechen. Das geht weit über den Sport hinaus. Er ist eine sehr wichtige Bezugsperson.» Die freigewordene Zeit nutzte Giger auch für den einen oder anderen Spielnachmittag. «Da kann ich besser verlieren als im Sägemehl», sagt er lachend. Beim «Brändi Dog» jedoch drückt sein Ehrgeiz durch. Verliert er, müssen die anderen einen dummen Spruch hören: «Jetzt habe ich euch gewinnen lassen, damit es euch nicht verleidet.» Schwieriger war es, anderen beim Schwingen zuzusehen. Das Berner Kantonale im Wankdorf hätte Giger ohne Verletzung gerne bestritten. «Am Nachmittag hat es mich dann schon sehr gewurmt. Ich will auch, ich will auch, habe ich mir gedacht.»
Am Kilchberger durfte er endlich wieder ran. Giger gewann fünf seiner sechs Kämpfe. Wenige Minuten nach dem Schlussgang wartete ausgerechnet jene Person, die ihn durch die schwierigen Monate begleitet hatte. Giger schloss Michelle in die Arme. Sie gab ihm einen Siegeskuss. «Das war wunderschön.» Schon während des Wettkampfs hatte Giger immer wieder zur Tribüne geschaut. Er wusste genau, wo Michelle sass. «Ich habe gesehen, wie sie mitgefiebert hat. Sie ist viel nervöser als ich. Michelle kann ja nicht mehr tun, als mir die Daumen zu drücken. Dafür bin ich ihr aber sehr dankbar.»
Auch sein Schwingklub sass in der Nähe. Menschen, die ihn nicht nur an diesem Samstag begleitet haben. «Zu wissen, dass man einen solch tollen Rückhalt hat, gibt einem sehr viel Kraft und Sicherheit.» Den ersten Moment, in dem Giger seinen Triumph ganz bewusst geniessen konnte, erlebte er danach in der Garderobe. Neben Teamkollegen und Betreuern waren auch Schwinger aus den anderen Teilverbänden anwesend. Abgeschirmt vom Trubel draussen fiel die Anspannung einer schwierigen Saison von ihm ab. «Die Stimmung war locker. Am liebsten würde ich jeweils noch ein wenig länger dort hinten bleiben.» Später sass Giger mit Michelle, Familie und Freunden im Festzelt. Musik lief, Bier und Wein wurden getrunken. Sie feierten bis nach Mitternacht. «Es war ein toller Abend.»
Entspannen im Tessin
In der nächsten Zeit möchte Giger seine Familie häufiger sehen. Mit Kollegen ist ein verlängertes Wochenende geplant. Eine Woche nach seinem Triumph in Kilchberg verreist er mit Michelle in eine Ferienwohnung ins Tessin. In die Ferne will er gar nicht. Giger mag den Schweizer Herbst, die verfärbten Blätter und das italienische Flair südlich des Gotthards. «Es ist nah. Aber man hat trotzdem das Gefühl, dass man weit weg ist.» Sie wollen spontan entscheiden, was sie unternehmen und wo sie essen. «Ich freue mich besonders auf ein gutes Glas Wein.» Welcher ins Glas kommt, überlässt er anderen. «Ich bin kein Weinkenner», sagt er lachend.
Irgendwann wird es ihn wieder ins Fitnessstudio ziehen. Nach eineinhalb bis zwei Wochen beginnt es jeweils zu kribbeln. An diesem Dienstagmorgen geniesst Giger erst einmal ein Thon-Canapé. Daneben liegt das geschenkte Zitronen-Amaretti. Um die Ecke warten vermutlich schon die nächsten Gratulanten. Der Kilchberger-Sieger hat Zeit. Und wieder Luft zum Atmen.
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