IG Metall irritiert von Kretschmer-Vorschlag zu längerer Wochenarbeitszeit bei VW

Mitarbeiter in blauem T-Shirt und weißer Latzhose neben mehreren neuen Volkswagen hintereinander bei der Endkontrolle

AUDIO: Volkswagen: mehr Arbeit, gleiches Geld? (3 Min)

Nach Kretschmer-Aussage

Stand: 28.08.2026 09:07 Uhr

Niedrigere Produktionskosten könnten dazu beitragen, den VW-Konzern aus der akuten Krise zu führen. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer hat deshalb am Donnerstag die 35-Stunden-Woche wieder infrage gestellt, um die sächsischen Werke in Chemnitz und Zwickau zu erhalten. Die Gewerkschaft IG Metall hält das für den völlig falschen Ansatz.

von Christian Erll, MDR AKTUELL

  • Statt die Produktionskosten zu senken, müssen laut IG Metall VW und auch die Politik für steigende Absätze sorgen.
  • Der Branchenverband der ostdeutschen Autoindustrie hält zu hohe Produktionskosten durchaus für ein entscheidendes Problem.
  • Noch in diesem Jahr stehen neue Tarifrunden an.

4.000 Euro brutto oder mehr, plus Zuschläge und Sonderzahlungen. Das verdienen VW-Beschäftigte an den Bändern üblicherweise – und zwar in Ost wie West. Auch bei der Arbeitszeit sind die Unterschiede inzwischen überwunden: Seit Anfang 2026 stehen sie in Zwickau und Chemnitz nicht mehr länger am Band als die Kollegen in Wolfsburg, Emden oder Kassel, nämlich 35 Stunden.

Für diese Angleichung an West-Bedingungen hatte die IG Metall jahrelang gekämpft. Entsprechend irritiert ist daher Jan Otto, Bezirksleiter der IG Metall für Berlin, Brandenburg und Sachsen, dass Michael Kretschmer die Debatte über die Arbeitszeit wieder hervorholt. "Wenn die Lösung für alle Probleme der Welt wäre, dass wir alle 50 Stunden arbeiten, dann hätten wir bestimmt alle schon mal darüber diskutiert. Das ist es nicht."

Wenn die Lösung für alle Probleme der Welt wäre, dass wir alle 50 Stunden arbeiten, dann hätten wir bestimmt alle schon mal darüber diskutiert. Jan Otto, Bezirksleiter IG Metall

Denn für Otto geht der Vorschlag grundsätzlich am Problem vorbei. Die Produktionskosten seien weniger entscheidend als die Frage, wie der VW-Konzern die schwächelnden Absätze wieder steigern könnte. "Stand heute brauchen wir – und das ist ja auch die Diskussion der letzten Tage – erstmal eine klare Aussage darüber, wie es mit dem Werk ab 2030 weitergeht, wie wir eine Vollauslastung und weitere Produkte hinkriegen. Das treibt mich viel mehr um: Wie geht es eigentlich weiter und worüber reden wir also?"

Über attraktive Fahrzeuge, klar. Die aber bezahlbar sein müssen. Entsprechend wünscht sich Gewerkschafter Otto auch, dass die Politik in Deutschland und der EU mehr unternimmt, um wachsenden Druck durch E-Autos zu Dumpingpreisen aus China und unberechenbare Zölle aus den USA abzumildern.

Video: Krise bei VW: Was wird aus Zwickau? (6 Min)

Branchenverband: Produktionskosten müssen sinken

Sollte es tatsächlich zu Werksschließungen kommen, dürfte Zwickau eigentlich als letzter Standort an der Reihe sein, meint Jens Katzek, Geschäftsführer des Branchenverbands "Automotive Cluster Ostdeutschland", kurz: ACOD. Das Zwickauer Werk sei mit am besten ausgebaut, habe die ökonomischen Ziele klar erreicht und sei deshalb voll wettbewerbsfähig. "Zwickau ist nun wirklich der allerletzte Standort, wo ich sagen würde, eine Schließung oder eine deutliche Reduzierung macht Sinn."

Zur Frage der Wochenarbeitszeit will sich Katzek nicht positionieren, weil der ACOD kein Arbeitgeberverband sei. Für die Branche sieht er dennoch Handlungsbedarf, auch mit Blick auf die Lohnkosten. "Wir müssen mit den Kosten runter, sonst sind wir international einfach nicht wettbewerbsfähig. Und das bedeutet ganz konkret, die nächsten Tarifverhandlungen dürfen nur mit Augenmaß geführt werden und nicht mit 'Wir glauben, jetzt haben wir es irgendwie geschafft und jetzt können wir noch mal große Forderungen stellen'." Das wäre seiner Ansicht nach ein falsches Signal.

Wir müssen mit den Kosten runter, sonst sind wir international einfach nicht wettbewerbsfähig. Jens Katzek, Geschäftsführer "Automotive Cluster Ostdeutschland"

Neue Tarifrunden noch in diesem Jahr

Eine 40-Stunden-Woche für denselben Lohn würde jedoch eine effektive Lohnkürzung um gleich 12,5 Prozent bedeuten. Ob darüber tatsächlich verhandelt wird, könnte sich schon in den kommenden Wochen zeigen. Denn bei der Metall- und Elektroindustrie steht im Herbst eine neue Tarifrunde an. Deren Ergebnisse dürften für einige Zulieferer der Automobilbranche gelten. Der VW-eigene Tarifvertrag läuft noch bis Ende 2026. Zwei nahende Tarifrunden also mit der gleichen Frage: Müssen die Beschäftigten sich auf Verzicht einstellen – und wieviel Sicherheit bekommen sie dafür?