Stand: 15.09.2026, 14:00 Uhr
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Enne Lux führte den legendären Kasseler Modeladen Flux, der ein Paradies der schrägen Vögel war, brachte Kultur aufs Land und hatte viele Träume. Nun ist sie mit 87 Jahren gestorben.
Kassel – Im August 1999 sah ein Kleid, das Enne Lux in ihrem Kasseler Modeladen Flux präsentierte, nicht nur gut aus, es schmeckte auch gut. Der Hingucker auf der Modenschau in dem Geschäft in der Obersten Gasse war ein Kleid aus Lakritz. Unsere Reporterin war begeistert von dem „schrägen Laden“, wie sie schrieb. Es gab eine Interessentin, die das süße Kleidungsstück haben wollte, doch Enne Lux wollte nicht verkaufen.
So war Enne Lux. Ihre Tochter Franziska, die mit ihr das Flux von 1992 bis 2016 am Rand der Innenstadt betrieb, sagt: „Sie hatte immer eine interessante Geschichte zu erzählen, konnte Menschen von ihren Ideen begeistern und vernetzen.“ Das Flux war nicht nur Anlaufstelle für die Gothic-Szene. Hier fand man Second-Hand-Mode, lange bevor Nachhaltigkeit zum Trend wurde. Zudem flickte und bestickte Enne Lux so viele Levi’s 501, dass sie irgendwann eine große Modenschau mit ihren Jeans und deren Besitzern auf dem Königsplatz organisierte – mit anschließender Party. Ihre Tochter Christina Lux, die sich als Singer-Songwriterin einen Namen gemacht hat, charakterisiert ihre Mutter als „lebensfrohe, lebendige Frau, die sich auch politisch sehr engagierte“.
Am 30. August ist Enne Lux mit 87 Jahren gestorben. Ihre Töchter haben dazu bewegende Texte auf Facebook gepostet und einige Fotos dazu gestellt. Sie zeigen ihre Mutter als „wunderschöne Frau“ (Christina Lux) auf einer frühen documenta und bei einer Fotoaktion ihres Sohnes Fabian mit dem Himmelsstürmer, der heute vor dem Kulturbahnhof steht. Es sieht aus, als würde sie in den Himmel spazieren. Das passt auch deshalb, weil Enne Lux im Leben zahlreiche Träume hatte – viele wurden wahr.
Geboren wurde sie 1939 als Helga Branner in Kassel, alle nannten sie jedoch nur Enne. Ihr Vater, Bruder des späteren Kasseler Oberbürgermeisters Karl Branner, starb vier Jahre nach ihrer Geburt als Wehrmachtssoldat in der Sowjetunion. Nach dem Abitur an der Heinrich-Schütz-Schule lebte sie eine Zeit lang in Paris und kehrte für das Grafikstudium an der Werkkunstschule, der heutigen Kunsthochschule, in ihre Heimatstadt zurück. Dort lernte sie ihren Mann Hans Lux kennen, der Assistent von Professor Ernst Röttger war.
Nach einigen Jahren in Karlsruhe, wo fünf Kinder zur Welt kamen, zog die Familie 1975 in ein altes Fachwerkhaus in Balhorn. Der heutige Ortsteil von Bad Emstal zog damals viele junge Menschen an, die alternativ lebten. Christina Lux erinnert sich an ein „herrlich chaotisches Leben“ mit einem renovierungsbedürftigen Haus und dem Riesengarten. Immer wieder seien andere Freunde der Familie ein- und wieder ausgezogen.
Auch die legendäre Krautrockband Guru Guru probte hier eine Zeit, erinnert sich die Musikerin: „Es war immer etwas los. Meine Schulfreunde fanden es toll und abenteuerlich, während ich es immer toll fand, wenn das Essen bei Freunden daheim nach der Schule pünktlich auf dem Tisch stand.“ Enne und Hans Lux arbeiteten als selbstständige Grafiker und traten früh bei den Grünen ein. Sie träumten von einer besseren Welt.
Nach dem frühen Tod von Hans eröffnete Enne mit ihrer Tochter das Flux, „das Paradies der schrägen Vögel“, wie es Franziska nennt. Während der documenta-Ausstellungen stand Enne regelmäßig an ihrem Stand an der Gustav-Mahler-Treppe, wo sie ihre Mode Gästen aus der ganzen Welt zeigte.
In Naumburg engagierte sie sich im Verein Kulturzug, der einen doppelstöckigen Waggon zum Veranstaltungsort umbaute – bemalt vom Berliner Künstler Jim Avignon.
2007 zog Enne Lux in die Kasseler Nordstadt und häkelte mit viel Liebe Taschen, Kugeln und Schlüsselbänder. Ihre ganze Wohnung war voll, erinnert sich Christina Lux. Die 61-Jährige ist in diesen Tagen Oma geworden. Ihre Tochter hatte die Sängerin kurz nach dem Tod ihres Vaters geboren. „So wiederholt es sich. Einer kommt, einer geht. Tröstliches und Trauriges kommt wie so oft im Leben zusammen“, sagt Christina Lux. (Matthias Lohr)