Stand: 15.09.2026, 19:03 Uhr
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Das Stadtmuseum Bad Tölz zeigt Fotos von Expeditionen der 1930er-Jahre nach Gran Canaria und Spitzbergen. Die Tagebücher der Abenteurer verraten, was in den Büchern geschönt wurde.
Bad Tölz – Die Isar gilt als Wiege des Faltbootsports. Einst waren die Regatten ein Großereignis in Bad Tölz. Die Tölzer Pionier-Faltbootwerft war von 1925 bis in die 1970er-Jahre ein renommierter Hersteller von Faltbooten und Zelten. Zu den bekanntesten Faltbootsportlern zählten in den 1930er-Jahren Hermann Rauschert und Georg Wolfschmitt. Den beiden Abenteurern ist eine Fotoausstellung im Stadtmuseum gewidmet. Im Mittelpunkt stehen dabei ihre Expeditionen nach Gran Canaria und Spitzbergen. „Eines der Bilder – ‚Boot auf dem Kamel‘ – ist zu einem ikonischen Motiv der damaligen Faltbootszene geworden“, sagte Stadtmuseums-Leiterin Elisabeth Hinterstocker in ihrer Eröffnungsrede vor rund 50 Zuhörern. „Ich hoffe, wir können durch die Ausstellung ein bisschen zur Faltbootgeschichte beitragen.“
Tölz ist Wiege des Faltbootsports
Das Stadtmuseum kam zufällig in den Besitz von Glasplattendias aus dem Nachlass des aus Schweinfurt stammenden Rauschert. Zum Isarwinkel hatten er und Wolfschmitt wenig Bezug – abgesehen von einem Norwegen-Vortrag, den Rauschert 1934 auf Einladung des Skiclubs in Bad Tölz hielt. Das Sportlerteam war auch nicht in Booten aus der Tölzer Werft unterwegs: „Die Boote wären wohl zu teuer gewesen“, vermutet Hinterstocker. Man müsse den geschichtlichen Hintergrund sehen: „Es gab damals diese wahnsinnige Wirtschaftsdepression.“
Deshalb gingen die beiden auf Wanderschaft und suchten nach Arbeit: „Aber die Firmen haben gesagt: ‚Nein, wir haben keine Aufträge.‘“ So kam es zu vier großen gemeinsamen Reisen: Von 1930 bis 1932 paddelten sie vom Genfer See nach Gran Canaria, 1933 waren sie in Norwegen unterwegs, 1934 folgte Island und 1935 die Tour nach Spitzbergen.
Herrrlich zu lesende Bücher
Ihre Touren machten die Abenteurer auch für die Industrie interessant. So sei die Tour nach Spitzbergen als Werbetour für den Seitenbordmotoren-Hersteller Fichtel und Sachs konzipiert worden. Auf diese Weise konnten die Abenteuerreisen mitfinanziert werden. Darüber hinaus bekamen sie die notwendigen Motoren. Als Gegenleistung sollten sie Fotos für Werbemagazine schießen und Filme drehen. Zudem hätten sie „herrlich zu lesende“ Bücher geschrieben – in denen sie bisweilen etwas dick auftrugen, wie Hinterstocker anhand von Tagebuchaufzeichnungen herausfand: „Nachdem der Proviant fast zu Ende war, ernährten wir uns schon eine Woche von Möweneiern“, heißt es in einem Buch.
In den Tagebuchaufzeichnungen konnte Hinterstocker aber nachlesen, dass die Versorgung bestens war. Sonntags gab es Nachspeisen, Obst, Kaiserschmarrn und als Hauptgang Fleisch. Auch die Filme entstanden nicht so spontan, wie sie wirken. Gefilmt wurde nach Drehbuch: „Es hieß: Jetzt benötigen wir einen Stunt, jetzt eine rasante Fahrt.“ Die Expeditionen seien auch viel besser abgesichert gewesen, als in den Büchern beschrieben.
Von den Nationalsozialisten zensiert
Die Filme mussten auch zur Bildsprache der 1930er-Jahre passen, so Hinterstocker: „Man musste männlich, urwüchsig und deutsch sein – und das haben sie versucht umzusetzen.“ Gleichwohl sei der Spitzbergen-Film, an dem auch Helmut Teichmann beteiligt war, an einigen Stellen von den Nationalsozialisten zensiert worden. Auch die Frauen, die die Tour wohl zeitweise begleiteten, werden nicht erwähnt..
Die Fotos, die im Stadtmuseum hängen, wurden von Uwe Sempner digitalisiert und aufbereitet. Wolfschmidts Tochter überreichte Hinterstocker kurz vor der Ausstellungsbeginn eine weitere große Kiste mit bislang nicht ausgewertetem Filmmaterial ihres Vaters. Hinterstockers Hoffnung: „Vielleicht finden wir den Urfilm zu ‚Faltboote in Spitzbergen‘ und die rausgeschnittenen, zensierten Stücke.“