Neuerscheinung
In Manik Sarkars Debütroman "Ochsenkopf" kämpft ein sturer Fleischhauer gegen die Welt
Der in Groningen geborene Übersetzer Manik Serdar verwebt in seinem gelungenen Debütroman eine Fleischhauergeschichte mit einer Liebesgeschichte – und mit ökonomischen Betrachtungen
Manfred Rebhandl
Wer noch einen Buchtipp für den späten Strandurlaub braucht oder danach für Weihnachten (und für alle kirchlichen und sonstigen Feste der nächsten fünf Jahre auch!), dem sei dieser absolut gelungene Debütroman Ochsenkopf von Manik Sarkar ans große Herz gelegt: Eine Fleischhauergeschichte, die der in Groningen geborene Übersetzer mit einer überaus berührenden Liebesgeschichte verwebt und um gesellschaftliche und ökonomische Betrachtungen von allgemeiner Gültigkeit ergänzt.
Metzgersohn Rensing ist ein "Naturtalent", was das Zerteilen und Zerlegen von Schlachtvieh angeht, intuitiv kann er ein gesundes von einem kranken Tier unterscheiden, einen guten Schnitt von einem schlechten. "Wenn man ihn auf ein Schlachttier losließ, entstand etwas." Der Vater unterstützt die Entwicklung des Zöglings, indem er ihm Das Handbuch für den Fleischer in die Wurstfinger drückt, 800 Seiten mit rotem Ledereinband. "Rensing geriet in einen Rausch, einen Taumel, wenn es um die Vielseitigkeit des Materials geht." Nachts stiehlt er sich in den Kühlraum und probiert einen einzigen Schnitt am Fleisch. Bei alldem ist er "insgesamt ruppig, schweigsam, sachlich. Sonntags wusste er grundsätzlich nichts mit sich anzufangen."
Rote Zahlen
In seiner ausschließlichen Fokussierung auf allerbestes Fleisch liegt auch das Problem für den zur Übergabe bereiten Vater, denn dieser hat auch eine "Tochter" – die Metzgerei selbst. Trotz aller Talente des Sohnes "am Tier" fürchtet er, dass der Laden den Bach runtergehen wird, sobald der Bub ihn übernimmt. Ein Gespür für die Kundschaft hat er nämlich nicht. Wenn er sich "hinten" in die Verarbeitung "einer besonders hübschen Schweinehaxe" vertieft, wartet diese "vorne" im Laden schon mal vergeblich auf Bedienung. First things first!
Die Lösung des Problems liegt für den Vater im Nachbarort, wo ein anderer alternder Metzger mit seiner Tochter wirtschaftet. Jacomine scheint ideal. "Eine echte Geschäftsfrau", lobt Rensings Vater die Grobknochige, die brav im Geschäft zu arbeiten beginnt. Die private Annäherung allerdings gestaltet sich schwierig: "Jetzt geh doch mal mit ihr aus!", muss der Filius mit der Nase auf sie gestoßen werden, er zieht halt lieber "in Gedanken Schnittlinien über Lenden, an Widerristen entlang." Beim Bahndamm, wo die Dorfjugend nachts "Güterzüge schaut", kommt es endlich zur ersten Berührung ihrer Brust. "Er knetet sie, prüft sie auf Festigkeit und Gesundheitszustand, und sie hört, wie er ein billigendes Brummen von sich gibt." Hier lässt uns der Autor noch hoffen, dass die Liebe wachsen und der kleine Fleischhauer in der globalisierten Wirtschaft bestehen kann. Aber denkste!
Während Rensing nicht abweicht von seiner Idee des besten Fleisches vom besten Metzer, eröffnet der erste Supermarkt im Ort, "und die untere Schicht des Marktes bricht weg." Die Zahlen in den Büchern sind nur noch rot, aber er weigert sich, "kranke Tiere zu kaufen, die nie Sonnenlicht sahen und keinen Grashalm je berührten." Bald nehmen die Jungverheirateten ihre Konflikte bis ins Bett mit, wo sie ihm mal nichts von der Decke abgeben will, "so sehr er auch daran zieht".
Als Rensing zur Bank geht, gerät er in eine weitere Mühle, aus der er nicht mehr herausfindet: Einen 13 Prozent Kredit zu bedienen, gelingt trotz zahlreicher guter und weniger guter Ideen nicht: Drive-In-Metzgerei, Vorbestellungssystem, Kühltruhen und Verbot des Satzes aller Sätze im Einzelhandel: "Darf's ein bisschen mehr sein?" Die Bank freut sich schon auf die Immobilie und das Grundstück.
Preisschlacht
Wenn uns der Autor anhand der kleinen Dorfmetzgerei die Zusammenhänge der globalisierten Wirtschaft auseinandersetzt, wird das Buch besonders lesenswert. Wir empfangen eine Watsche nach der anderen, wenn er detailliert schildert, was in Supermarktfaschiertes alles reinkommt, um damit immer neue Preisschlachten zu gewinnen, während wir selbst die großen Verlierer sind.
Rensing, der Sturkopf, der Ochsenkopf, will bei allem Gegenwind auf Kurs bleiben: "Er wusste nicht, wie er ihr klarmachen sollte, dass manche Dinge eben wichtiger waren als das reine Überleben, dass es ums Suchen ging, ums Streben, und dass alles umsonst war, wenn man das aufgab, dass dann am besten alles überhaupt nicht da wäre, er nicht, der Laden nicht."
Jacomine resigniert und erkennt in ihm, was er natürlich auch ist: Einen Trottel. "Er ist ein Zirkusaffe, der nur einen Trick beherrscht, und sein Publikum ist längst abgehauen." Sie verlässt ihn, und er blickt, als er den Laden endgültig zusperrt, auf "die Spuren seines lächerlichen Lebens." Mit Tierblut wird er noch auf die Straße schreiben: Es war mein Fleisch. Dann geht er zum Schlachthof und lässt sich selbst von einem Fleischerhaken erfassen. Überleben tut der Supermarkt, und ein zweiter wird bald eröffnen. So sieht sie aus, unsere dumme, verrückte, verlorene Welt. Und selten hat sie uns jemand so wunderschön und abstoßend gleichzeitig beschrieben wie Manik Sarkar in seinem großartigen Buch. (Manfred Rebhandl, 6.9.2026)
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