In Polen häufen sich Beleidigungen und gewaltsame Übergriffe gegen Ukrainer

Im Internet werden Ressentiments gegen angeblich undankbare ukrainische Kriegsflüchtlinge geschürt. Auch der Streit um die Massaker im Zweiten Weltkrieg vergiftet die Atmosphäre. Aber weiterhin gibt es Polen, die sich schützend vor die Ukrainer stellen.

Paul Flückiger, Poznan

09.08.2026, 12.00 Uhr

4 Leseminuten


Polnische Rechtsradikale bei einem «Wolhynien-Marsch» im Juli in Warschau. Die Massaker ukrainischer Partisanen an Polen im Zweiten Weltkrieg belasten das Verhältnis der beiden Nachbarländer bis heute.

Polnische Rechtsradikale bei einem «Wolhynien-Marsch» im Juli in Warschau. Die Massaker ukrainischer Partisanen an Polen im Zweiten Weltkrieg belasten das Verhältnis der beiden Nachbarländer bis heute.

Anita Walczewska / Imago

Seit Wochen nehmen Übergriffe auf Ukrainer in Polen zu. Nach der grossen Flüchtlingswelle wegen der russischen Invasion vor viereinhalb Jahren leben heute zusammen mit früher eingewanderten Gastarbeitern schätzungsweise 1,5 Millionen Ukrainer in Polen. Die meisten von ihnen sind Frauen und Kinder. Ende Juli wurde ein junges ukrainisches Paar in der Breslauer (Wroclawer) Gagarin-Siedlung, einer Ansammlung von Wohnblöcken, von drei Schlägertypen aus der lokalen Kampfsportszene attackiert. Es begann mit Beleidigungen beim Anstehen an einer Ladenkasse, später kam es zu einem Handgemenge. Am Ende musste sich die zwanzigjährige Ukrainerin im Spital eine Wunde am Ohr nähen lassen.

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Der Fall hatte ein trauriges Nachspiel, denn ein paar Tage später stach ein achtzehnjähriger Ukrainer in einer anderen Breslauer Siedlung aus bisher ungeklärten Gründen spätabends im Treppenhaus eine dreissigjährige Polin nieder. Anfang August ging eine Polin mit einem Messer vor dem gleichen Wohnblock zuerst auf Ukrainer, später auch auf polnische Passanten los. Sie wurde von der Polizei in eine Ausnüchterungszelle gebracht. Beiden Angreifern drohen hohe Haftstrafen, dem Ukrainer dazu die Ausweisung.

Hitzige Diskussionen im Internet

Solche Polizeimeldungen sind ein gefundenes Fressen für antiukrainische Scharfmacher in den sozialen Netzwerken. Nachrichten, die den Hass zwischen Polen und Ukrainern anfeuern, werden gerne geteilt, gerade auch von Sympathisanten rechtsradikaler und antiukrainischer Parteien, die zusammen laut Umfragen bis zu 25 Prozent der Stimmen bei den Parlamentswahlen von 2027 erhalten könnten. Die Netzwerke sind voll von hitzigen Diskussionen über angeblich undankbare Ukrainer in Polen, die sich sprachlich nicht integrieren wollten und laute Grillpartys feierten.

Noch halten sich negative und positive Kommentare die Waage. Mahnende Stimmen verweisen auf die hohe Erwerbsquote unter den Ukrainern in Polen und auf ihren Beitrag zum Wirtschaftswachstum. Ende Juli gab es Solidaritätsdemonstrationen für die Ukrainer. Zudem haben sich einige Polen in öffentlichen Verkehrsmitteln schützend vor verbal angegriffene Kinder aus der Ukraine gestellt. Ein älterer Mann in Poznan bezahlte dies mit Schlägen eines jüngeren Mitbürgers.

Bei einer proukrainischen Solidaritätsdemonstration in Warschau Anfang August sprechen sich Teilnehmer für gutnachbarschaftliche Beziehungen aus.

Bei einer proukrainischen Solidaritätsdemonstration in Warschau Anfang August sprechen sich Teilnehmer für gutnachbarschaftliche Beziehungen aus.

Images / Imago

Kürzlich warnte der Kulturphilosoph Andrzej Lederer vor einer zunehmenden antiukrainischen «Pogrom-Atmosphäre». Er erinnerte dabei an die gewaltsamen Ausschreitungen gegen die Roma-Minderheit in der Stadt Mlawa von 1991. Dieser Einschätzung widersprach am Donnerstag der scheidende ukrainische Botschafter in Polen, Wasil Bodnar. «Es gibt keine Anzeichen von massenhaften Anfeindungen gegen Ukrainer», sagte er in einem Zeitungsinterview. Die Pogrom-Warnungen heizten die öffentliche Meinung nur unnötig auf, kritisierte Kiews Botschafter.

Tatsache ist indes, dass die Anzahl von Strafanzeigen von ukrainischen Kriegsflüchtlingen und Gastarbeitern in Polen wegen Hassverbrechen im ersten Halbjahr um 30 Prozent angestiegen ist. Die Übergriffe werden auch mit den tragischen Ereignissen in der ehemals polnischen Region Wolhynien im Zweiten Weltkrieg in Verbindung gebracht. Vor gut zwei Monaten war dieser lange schwärende Streit zwischen den beiden Nachbarländern explodiert. Es geht dabei um die Bewertung der nationalistischen ukrainischen Untergrundarmee UPA, die 1942 bis 1944 rund hunderttausend polnische Zivilisten und auch Tausende von Juden ermordet hatte. Nach der Vertreibung der deutschen Besetzer durch die Rote Armee kämpfte die UPA bis Mitte der fünfziger Jahre gegen die Sowjetunion. Vor allem dafür wird sie in der Ukraine verehrt.

Präsident Wolodimir Selenski hatte deshalb Ende Mai einem Armee-Bataillon den Beinamen «Helden der UPA» erlaubt. Selenski wollte sich damit nicht zuletzt die Unterstützung einflussreicher Hardliner in der Armee und unter den Kriegsveteranen sichern. Polen und Israel protestierten dagegen; schliesslich aberkannte Polens nationalkonservativer Präsident Karol Nawrocki Selenski den 2023 für seinen Einsatz für die polnisch-ukrainische Aussöhnung verliehenen «Orden des Weissen Adlers».

Gezielt geschürter Sozialneid

Die tätlichen Übergriffe gegen Ukrainer in Polen haben seitdem klar zugenommen. Doch der Streit um die UPA ist beileibe nicht der einzige Grund. Vielmehr scheint sich eine bereits im Jahr der russischen Invasion begonnene Internetkampagne mit prorussischer Propaganda erst jetzt richtig auszuzahlen. Sie setzte auf die Schürung von Sozialneid gegenüber den angeblich von den Behörden verhätschelten Flüchtlingen aus der Ukraine.

Diese Darstellung verfing, nachdem erste Fälle von Sozialhilfemissbrauch durch wieder ausgereiste Ukrainer bekannt geworden waren. Die spontane Welle der Solidarität für Flüchtlinge, die in den ersten Tagen nach der Invasion allesamt in polnischen Familien untergebracht werden konnten, wich mit fortschreitender Dauer des Krieges der Enttäuschung. Heute findet etwas mehr als die Hälfte der Polen, die staatliche Unterstützung für Ukrainer gehe zu weit.

Diese oft durch russische Trollfabriken unterstützten Desinformationskampagnen müssen als Mittel der hybriden Kriegsführung des Kremls verstanden werden. Die Regierung unter Donald Tusk setzt vor allem auf harte Strafen wegen Hassverbrechen. So wurden in den letzten Tagen mehrere Schläger festgenommen; ihnen drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis. Was hingegen noch fehlt, sind wirksame Mittel gegen Propaganda, die Moskau in die Hände spielt. Mit dem näher rückenden Wahlkampf dürften die Ukrainer in Polen wohl noch verstärkt als Sündenböcke herhalten.

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