Stand: 09.08.2026, 14:12 Uhr
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Beim Bundeslager in Immenhausen sind fast 6000 junge Menschen aus 20 Nationen zusammengekommen. Die HNA hat mit Lagerleiter Lukas Schmuck vom Bund der Pfadfinder*innen (BdP) gesprochen.
Immenhausen – Man begegnet ihnen derzeit vielerorts in der Region, als Gruppe auf Wanderung am Wegesrand, oft bepackt mit großen Rucksäcken: Die Pfadfinder sind los. Beim Bundeslager in Immenhausen sind fast 6000 junge Menschen aus 20 Nationen zusammengekommen. Entstanden ist eine kleine Stadt aus schwarzen Zelten. Die „Pfadis“ kämpfen mit Hitze, Platzregen und dem Wind – schon am ersten Tag fegten Böen durch das Lager, die zahlreiche der schwarzen Zelte beschädigt haben. Seitdem wird dort fleißig genäht. Sie schaffen aber vor allem gemeinsame Erinnerungen, sagt Lagerleiter Lukas Schmuck vom Bund der Pfadfinder*innen (BdP). Wir haben mit ihm gesprochen.
Herr Schmuck, bevor wir in ein Fettnäpfchen treten: Wie begrüßt man einen Pfadfinder standesgemäß?
Es gibt den offiziellen Pfadfindergruß, der weltweit gleich ist. Dazu hebt man mit der rechten Hand drei Finger und reicht die linke Hand. Ansonsten komme ich aus der Lüneburger Heide – da bin ich mit einem herzlichen „Moin“ immer glücklich. „Gut Pfad“ und „Allzeit bereit“ sagen wir als Abschiedsgruß.
Welche gute Tat haben Sie heute schon vollbracht?
Vielleicht etwas Kleines: Ich hatte ein Sturmfeuerzeug übrig. Also habe ich es der ersten Person geschenkt, von der ich dachte, dass sie sich darüber freuen würde.
Der BdP ist einer der größten Verbände in Deutschland. Welcher Pfad hat ihn denn eigentlich zu seinem Sitz in Immenhausen geführt?
Der BdP ist vor 50 Jahren aus der Fusion zweier Verbände entstanden. Der weibliche Pfadfinderverband brachte dieses Gelände bereits mit. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die damalige Bundesvorsitzende den Auftrag, ein geeignetes Gelände zu finden. Damals gab es natürlich kein Internet. Sie ist also tatsächlich mehrere Wochen durch die Bundesrepublik gereist und hat schließlich Immenhausen ausgewählt – vor allem wegen der zentralen Lage. Wir haben hier, die großen Zeltlager mitgerechnet, in normalen Jahren bis zu 60.000 Übernachtungen. Außerdem sitzen hier insgesamt etwa 21 Hauptamtliche.
Dem gegenüber stehen wie viele Ehrenamtliche?
Schwer zu sagen. Wir erreichen etwa 250 Ortsgruppen. Jede Ortsgruppe lebt von ehrenamtlichem Engagement, die Frage ist aber immer: Ab wann fängt man an zu zählen? Wir versuchen, schon früh altersgerecht Verantwortung zu übertragen. Zählt die 14-Jährige, die für die kleine Gruppenkasse zuständig ist, schon als Ehrenamtliche? Oder erst jemand, der in ein Amt gewählt wurde? Insgesamt sprechen wir aber sicherlich von mehreren Tausend Ehrenamtlichen.
Schirmherr des Bundeslagers und des Jubiläums ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Sie haben ihn eingeladen. Warum hat er abgelehnt?
Das hatte vor allem terminliche Gründe. Natürlich hätten wir uns sehr gefreut. Ich muss aber auch sagen: Die Sicherheitsplanung bei fast 6000 Pfadfinderinnen und Pfadfindern, von denen viele ganz selbstverständlich ein Schnitzmesser am Gürtel tragen, wäre eine enorme Herausforderung gewesen.
Das hat Bundestagsvizepräsident (und Pfadfinder) Bodo Ramelow auch nicht gestört, der ganz ohne Begleitschutz aufgetaucht ist.
Letztlich ist die Absage völlig in Ordnung. Wir sind in diesem Jahr zum Sommerfest des Bundespräsidenten eingeladen und werden dort mit einem Stand vertreten sein. Insofern holen wir das Treffen dort einfach nach.
Was hätte Frank-Walter Steinmeier in Immenhausen lernen können?
Vieles hätte er sicher schon gewusst. Gerade in einer Zeit, in der jungen Menschen oft mangelnde Verantwortungsbereitschaft vorgeworfen wird, hätte er sehen können, dass hier Kinder, Jugendliche und Erwachsene zusammenkommen und Verantwortung übernehmen. Das zeigt, dass es in unserer Generation und auch bei den Jüngeren viele Menschen gibt, die Lust haben, Gesellschaft mitzugestalten.
Was sind die Tugenden, die jeder Pfadfinder mitbringen muss?
Mitbringen braucht man erstmal gar nichts, ich glaube aber, man kann hier viel Gemeinschaft lernen. Wenn ich 14 Tage auf Wanderung bin mit Menschen, die ich sonst einmal die Woche sehe, dann lernt man den anderen kennen, lernt ihn zu achten und zu schätzen. Letztlich verstehen wir uns auch als Werkstatt der Demokratie. Das Ganze machen wir draußen, in relativ einfachen Verhältnissen und ohne große Digitalisierung.
Früher waren die Pfadfinder Tick, Trick und Track gute Werbefiguren und haben fleißig die Buschtrommel gerührt. Heute heißt das Lustige Taschenbuch eher TikTok. Wie behaupten sich die Pfadfinder gegen die Online-Konkurrenz beim Vernetzen?
Jugendliche, die noch nicht als Kinder zu den Pfadis gekommen sind, sind ganz klar eine Herausforderung. Und das Handyalter fängt immer früher an. Unterm Strich haben wir steigende Mitgliederzahlen, weil wir Handys eben nicht als Teufelsgeräte verbieten, sondern einen Ort schaffen, der so spannend und vielfältig ist, dass die Idee zur Suche nach Alternativen in Social Media gar nicht aufkommt. Gerade in den Altersstufen von sechs bis zehn Jahren sind wir in ganz vielen Orten überlaufen und führen teilweise Wartelisten. Die meisten Abgänge haben wir mit dem Schulabschluss, also in einer Phase des Umbruchs im Leben.
95 Prozent der deutschen Pfadfindergruppen kommen aus den alten Bundesländern. Warum bekommen Sie in Ostdeutschland keinen Fuß in die Tür?
Das ist etwas, mit dem wir uns auseinandersetzen. Es gibt Programme, die zum Beispiel in Sachsen extrem erfolgreich angelaufen sind. Dort haben wir es geschafft, einen Landesverband zu gründen, der durch die Weltstiftung mitfinanziert wurde. Wir haben aber einfach einen Zeitnachteil. In der BRD konnten wir schon ab 1945 wieder anfangen mit der Arbeit. In der DDR war das aufgrund des Regimes nicht möglich und es gab die Jungpioniere als Alternative. Es gibt also keine gewachsenen Strukturen, aber einen intensiven Austausch mit unseren Gruppen dort, auch mit Blick auf den politischen Rechtsdruck, der zur Sorge vor Anfeindungen führt.
Muss man um die Ostdeutschen anders werben?
Ich könnte jetzt nicht hier durch die Zelte gehen und feststellen, wer ostdeutscher oder westdeutscher Pfadfinder ist. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich Ostdeutsche an vielen Stellen irgendwie abgehängt oder nicht ganz so beachtet fühlen. Ein Beispiel: Wenn in den alten Bundesländern zwei Gruppen zusammenarbeiten wollen, fährt man vielleicht 25 Minuten mit dem Auto. In Ostdeutschland ist die nächste Pfadfindergruppe deutlich weiter entfernt. Das ist schwierig für das Gefühl, Teil einer internationalen Jugendbewegung und einer großen Idee zu sein.
Bei Pfadfindern haben viele gleich Lagerfeuer, Gitarrenmusik und eine spontane Übernachtung in der Scheune eines freundlichen Landwirts im Kopf. Gibt’s das nur in echt mit blau-gelbem Halstuch?
Ich glaube, dass man das an sich auch woanders haben könnte. Wir genießen aber ein hohes Vertrauen in der Bevölkerung. Wenn bei mir jemand klingelt und will in meiner Scheune schlafen, wäre ich eher skeptisch. Bei Pfadfindern ist das anders: Dieses Halstuch öffnet Türen. Es ist auch ein Zeichen für eine gewisse Qualität und Standards.
„Überall dort, wo Kinder, Jugendliche und Erwachsene zusammenkommen, können Räume für sexualisierte Gewalt entstehen“, heißt es auf Ihrer Internetseite. Die Struktur der Pfadfinder sorgt noch einmal für besondere Herausforderungen. Wie sorgen sie bei Tausenden jungen Menschen dafür, dass nichts passiert?
Der erste und wichtigste Schritt ist: Man enttabuisiert das Thema und fängt an, darüber zu sprechen. Wenn die Kinder und Jugendlichen das Gefühl haben, dass sich jemand falsch verhält, gibt es dafür Ansprechpartner. Wir verweisen auf interne, aber auch externe Anlaufstellen. Und es gibt flächendeckende Präventionsschulungen. Gerade hier fürs Bundeslager muss jeder im Team auf Landes- und Bundesebene diese absolviert haben. Wir mussten einige wenige vom Bundeslager ausschließen, weil das nicht passiert war. In der Vergangenheit hat man hinter vorgehaltener Hand geredet und sich ohnmächtig gefühlt, weil es vielleicht auch um eine wichtige Person ging. Aber wir dürfen keine Angst haben. Wir haben eine klare Haltung und Präventionsstrukturen sowie Interventionsstrukturen geschaffen, um zu reagieren.
Lukas Schmuck (28) ist gelernter Verwaltungsfachangestellter und studiert seit 2019 Theologie in Göttingen. Parallel arbeitet er als Werkstudent, inzwischen als Projektleiter. Auf der Suche nach einem Hobby, bei dem es nicht nur um Leistungssport, sondern vor allem Gemeinschaft geht, trat er mit sieben Jahren den Pfadfindern bei. Seit einem Jahr ist er BdP-Vorsitzender. Er ist ledig.
Wenn die Fischreiher die Berglöwen treffen
Der interkonfessionelle BdP erreicht mit seiner Arbeit nach eigenen Angaben rund 30.000 Kinder und Jugendliche und gehört damit zu den fünf großen Verbänden in Deutschland, die im sogenannten Ring deutscher Pfadfinderverbände zusammenarbeiten. In der Region Nordhessen sind etwa 400 „Pfadis“ aktiv, Hochburgen sind Felsberg (Stamm Fischreiher), Hessisch Lichtenau (Stamm Berglöwe), Kassel (Artus und Wilhelm Busch), Immenhausen (Excalibur) und Bad Hersfeld (Wisent). Dass es zahlreiche Verbände gibt, hat mit der Entstehungsgeschichte zu tun: Religion spielte bei Pfadfinder-Gründer Robert Baden-Powell bereits eine wichtige Rolle. Die großen Verbände bilden daher auch die Konfessionen der evangelischen, katholischen und seit 2010 auch muslimischen Pfadfinderinnen und Pfadfinder ab.