Inszenierte Anschläge gegen Journalisten in Italien: der Fall Ranucci als politische Spielerei
Italien wundert sich in diesem Sommer über zwei Fake-Anschläge. Einer davon galt dem bekannten Investigativjournalisten Sigfrido Ranucci. Es ist, als hätte das Land seine blutige Geschichte vergessen.
18.08.2026, 14.00 Uhr
5 Leseminuten

Sigfrido Ranucci, das Gesicht des Investigativjournalismus in Italien. Auf Ranucci wurde im vergangenen Herbst ein Attentat verübt – angeblich in Auftrag gegeben von einem Freund.
Getty
Am 30. Mai 2026 kurz vor Mitternacht knallt es in Enego, einem kleinen Ort in der Nähe von Vicenza in Norditalien. Brandanschlag! Opfer ist ein 21-jähriger Jungjournalist, der dem Attentat unverletzt entkommt. Der junge Mann wird unter Polizeischutz gestellt und gibt an, von der Camorra wegen seiner Berichterstattung über angebliche lokale Finanzkungeleien bedroht worden zu sein.
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Zum Beweis legt er Drohbriefe vor, die gegen ihn, gegen die Regierungschefin Giorgia Meloni und gegen den Anti-Mafia-Pfarrer Don Maurizio Patriciello gerichtet sind. Italien ist entsetzt, Meloni und Don Maurizio sichern dem Mann ihre Solidarität zu.
Vor wenigen Wochen stellt sich heraus: alles falsch! Der junge Journalist legt ein vollumfängliches Geständnis ab. Er habe die Brandbombe selbst gebastelt und die Drohbriefe erfunden. Für seine Tat gebe es keinen Rechtfertigungsgrund, er habe sich von seinen «Gefühlen, von der Angst und von einem tiefen persönlichen Unbehagen überwältigen lassen».
Ein verwirrter junger Mann, eine Tat ohne Verletzte und ohne schlimme Folgen – Italien hätte den Fall rasch ad acta gelegt, wäre da nicht ein ähnliches Attentat gewesen, ein zweiter Fall, der die Nation in diesen heissen Sommerwochen stark beschäftigt und täglich immer noch absurdere Wendungen nimmt.
Schulterschluss der Politik
Es geht um den Anschlag vom vergangenen Herbst auf den bekannten Investigativjournalisten Sigfrido Ranucci. Attentäter hatten im Oktober 2025 vor dem Haus des bekannten TV-Gesichts in der Nähe von Rom eine Bombe platziert, die zwei Autos zerstörte und Schäden am Gebäude anrichtete. Ranucci kam mit dem Schrecken davon, doch der Anschlag hätte um ein Haar seine Tochter getroffen. Sie war nur wenige Minuten vor der Explosion an einem der parkierten Autos vorbeigelaufen.
Die Tat hatte Italien damals aufgeschreckt, das Land rückte zusammen, von links bis rechts gab es Solidaritätsbekundungen, der Anschlag wurde unisono als Angriff auf die Pressefreiheit verurteilt. Die Spuren der Ermittler führten zunächst zum organisierten Verbrechen.
Albanische Mafia, hiess es in den Medien. Sie habe Ranucci abstrafen wollen. Immer wieder hatte er in seiner Sendung «Report» auf RAI über dieses Milieu berichtet. Auch über die angeblichen Enthüllungen des Jungjournalisten aus Enego hatte «Report» berichtet, ohne zu bemerken, dass es sich dabei um eine aufgebauschte Lokalposse handelte.
Ein Strippenzieher taucht auf
Dann wurde es lange ruhig, die Ermittler machten ihre Arbeit – bis vor wenigen Wochen plötzlich Meldungen über eine rätselhafte Verbindung von Ranucci zu Valter Lavitola kursierten. Dieser, Geschäftsmann und Gastronom, ist in Italiens Politszene kein Unbekannter. In früheren Jahren diente er Silvio Berlusconi zu und erledigte für den Unternehmer und ehemaligen Ministerpräsidenten undurchsichtige Geldgeschäfte, ehe er sich von ihm abwandte und ihn zu erpressen versuchte.
Seit jener Zeit taucht sein Name immer wieder in Italiens bunter Politchronik auf, in der Regel in wenig schmeichelhaften Zusammenhängen. Als «faccendiere» bezeichnen ihn die italienischen Medien, als Strippenzieher.
Sein Restaurant «Cefalù» in Roms beliebtem Wohnviertel Monteverde gilt als Treffpunkt von Politikern, Journalisten und Geschäftsleuten. Auch Sigfrido Ranucci war dort regelmässig zu Gast – so oft, dass die Ermittler bald Verdacht schöpften.
Zunächst sah es nach reinen Informationsgesprächen aus. Ranucci, so vermutete man, habe sich die Kenntnisse und Verbindungen Lavitolas für seine Sendung zunutze machen wollen. Doch bald stellte sich heraus: Da ist mehr. Ranucci selbst ging in die Offensive und bezeichnete Lavitola als seinen Freund.
Ein erstes Raunen ging durch Italiens Politszene. Der Investigativjournalist und der dubiose «faccendiere» als Freunde? Der Vorkämpfer für Transparenz und der Grenzgänger im Halbschatten? Wo bleibt die professionelle Distanz?
Die grosse Wende
Dann ging es Schlag auf Schlag. Lavitola wurde kürzlich verhaftet, und vor einer Woche kam es zur grossen Wende. Lavitola behauptete gegenüber den Staatsanwälten, das Attentat auf seinen Freund Ranucci selbst in Auftrag gegeben zu haben.
Als Begründung gab er an, er habe mit dem Attentat bewirken wollen, dass Ranucci von der Polizei künftig besser geschützt werde. Der Journalist verfügte zwar schon bis dahin über Polizeischutz. Folgt man Lavitolas bizarrer Argumentation, reichte dieser jedoch nicht aus.
Eine andere Erklärung, für die in den Medien mit jedem Tag neue Argumente zu finden sind, lautet: Lavitola habe die Aufmerksamkeit für Ranucci erhöhen wollen, um ihn als Spitzenkandidaten für das Mitte-links-Lager bei den nächstjährigen Wahlen lancieren zu können. Lavitolas inzwischen öffentlich gewordene Kontakte zu einigen anderen Spitzenleuten aus Italiens grossen Medienhäusern scheinen zu belegen, dass er tatsächlich entsprechende Pläne gehegt hatte.
Den von Lavitola angefragten Medienmachern ist zugutezuhalten, dass sie auf sein Ansinnen kaum reagiert haben beziehungsweise ihn ins Leere haben laufen lassen. Ranucci seinerseits ist derzeit für die Medien nicht zu sprechen. Über seinen Anwalt lässt er ausrichten, er habe keine Kenntnis gehabt von den wirren Plänen seines Freundes.
Die Geschichte füllt in diesem Sommer täglich unzählige Zeitungsseiten. Die öffentlichrechtliche RAI ist in Verlegenheit geraten und weiss nicht so recht, wie sie mit dem aufsehenerregenden Fall um eines ihrer Aushängeschilder umgehen soll; die Rechte fordert das Ende von Ranuccis Sendung in ihrer bisherigen Form und die Entfernung des Moderators; die Linke erachtet den Fall noch als Komplott, um einen kritischen Enthüllungsjournalisten zum Schweigen zu bringen.
Geschichtsvergessen
Aussenstehenden Beobachtern fällt indessen auf, wie leichtfertig und geschichtsvergessen die politische Klasse mit der Angelegenheit umgeht. Italiens jüngere Vergangenheit ist geprägt von Attentaten und politischer Gewalt. Von den siebziger bis zu den neunziger Jahren zieht sich eine Blutspur durch Italiens Geschichte. Unzählige unschuldige Opfer fielen dem rechten und dem linken Terror sowie der Mafia zum Opfer.
Vor diesem Hintergrund wirken fingierte oder inszenierte Anschläge mit dem Ziel, Aufmerksamkeit zu erlangen, zynisch. Für die Angehörigen der Opfer sind sie ein Hohn.
Unfreiwillig hat Sigfrido Ranucci selbst zur Erinnerung an diese bleiernen Jahre beigetragen. Vor wenigen Tagen hat er auf Facebook eine Botschaft veröffentlicht, in welcher er sich in eine Reihe mit Aldo Moro, Piersanti Mattarella, Giovanni Falcone und Paolo Borsellino stellt – Persönlichkeiten, die zwischen 1978 und 1992 bei Anschlägen ums Leben gekommen sind.
Ihre Angehörigen quittierten Ranuccis Vergleich mit vielsagender Zurückhaltung. Befragt, was er davon halte, sagte Manfredi Borsellino, Sohn des 1992 ermordeten Mafiajägers: «Sigfrido Ranucci ist nicht der Erste und wird auch nicht der Letzte sein, aber es ist für alle problematisch, sich diesen Giganten anzunähern.»
Und Giovanni Moro, der Sohn des 1978 von den Roten Brigaden entführten und erschossenen christlichdemokratischen Politikers, meinte nur: «Der Post von Ranucci? Ja, ich habe ihn gesehen, danke, aber dazu habe ich wirklich nichts zu sagen.»
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