Der Krieg sei vorbei, hieß es nach der Verkündung des Waffenstillstandes zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten. Dennoch gehen die verbalen Drohungen und Angriffe weiter – begleitet von diplomatischen Gesprächen, die parallel dazu Hoffnung wecken. Wie es weitergeht, bleibt für die Menschen im Iran also im Dunkeln: An einem Tag spricht die Regierung in Teheran von Verhandlungsfortschritten, am nächsten Tag gibt es militärische Vergeltungsmaßnahmen.
Dieses ständige Hin und Her zwischen Krieg und Diplomatie versetzt viele Menschen im Iran in einen Zwiespalt zwischen Hoffnung und Angst. Für viele ist diese Unsicherheit psychisch belastender geworden als der Krieg selbst. Das Problem ist nicht mehr nur die Angst vor Kriegsgewalt, sondern auch die fehlende Vorstellung davon, wie ein künftiger Frieden mit welcher Art von Stabilität aussehen könnte.
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"Allgemeinen Stimmung der Erschöpfung"
"Das Schwierigste an dieser Situation ist, dass das Ende des Krieges ungewiss ist", sagt eine in Teheran ansässige Anwältin, die anonym bleiben möchte, gegenüber der DW. "Wenn man nicht planen kann, auf welche Weise man die Not überstehen soll, setzt das einen unter enormen Druck."
Sie habe keine Motivation mehr zu arbeiten oder etwas Neues anzufangen, klagt die Juristin. Es falle ihr auch schwer, in Gesellschaft frei zu sprechen. In der Stadt, in der sie aufgewachsen ist, verspüre sie nun ein Gefühl der Entfremdung und des Misstrauens gegenüber einigen Menschen in ihrem Umfeld.
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Dieses Gefühl der Lähmung scheint weit über individuelle Frustrationen hinauszugehen. Es beeinflusst offenbar auch grundlegende Entscheidungen über Arbeit, Familie und die Zukunft. In Verbindung mit wirtschaftlicher Instabilität und der ständigen Angst, dass die Gewalt jeden Moment zurückkehren könnte, hat dies zu einer allgemeinen Stimmung der Erschöpfung und Resignation in der Gesellschaft geführt.
"Wir sind völlig hoffnungslos", zeigt sich ein Einwohner der zentraliranischen Stadt Isfahan resigniert. "Diese Instabilität hat unseren psychischen Zustand in ein Spiel verwandelt", klagt er gegenüber der DW. "Wir haben keine klaren Perspektiven für unsere Zukunft - weder für die psychische noch die finanzielle Sicherheit." Das Vertrauen in die Kriegsparteien und die Hoffnung auf eine dauerhafte Einigung seien weitgehend zusammengebrochen. Diese Erfahrung zermürbe ihn zutiefst.
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Erste Kriegserfahrung für die junge Generation
Eine Krankenschwester im Westen des Iran erklärt gegenüber der DW, dass in einer solchen Situation das Vertrauen in die Zukunft schwinde und die Menschen beginnen würden, langfristige Entscheidungen aufzuschieben. "Wir fangen an, so zu leben, als wäre es das einzige Ziel, einfach nur den heutigen Tag zu überstehen", sagt die Frau, die anonym bleiben will.
Sie erlebe die Veränderung in Krankenhäusern und Kliniken. Die Patienten seien zunehmend wütend, unzufrieden und leicht reizbar. Selbst wenn die Versorgung gut sei, blieben viele verärgert. Ihrer Ansicht nach sei diese Wut untrennbar mit dem allgemeinen gesellschaftlichen Klima verbunden.
Die derzeitige Unsicherheit könnte besonders den Jüngeren im Iran zu schaffen machen, da sie keine direkten Erinnerungen an den Iran-Irak-Krieg von 1980 bis 1988 und damit an ein Leben unter anhaltender militärischer Bedrohung haben. Für sie ist dies die erste Erfahrung, im Schatten eines regionalen Konflikts von unbestimmter Dauer zu leben.
Für eine Generation ohne direkte Kriegserfahrung sei die Situation verwirrender, weil sie im Kopf den Modus dafür nicht habe, solch eine Zeit zu überstehen. Was viele Menschen derzeit erleben, sei weniger die Angst vor dem Krieg im engeren Sinne als vielmehr eine durch die Unsicherheit hervorgerufene Erschöpfung, sagt die Krankenschwester.
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Wut, Verzweiflung und emotionale Erschöpfung
Im Iran deuten die verfügbaren Daten und soziologischen Forschungen auf zwei Tendenzen hin, sagt Saeed Paivandi, Professor an der Universität Lothringen in Frankreich. Die eine sei eine weit verbreitete Zukunftsangst, die andere eine intensive Wut.
Paivandi bezieht sich dabei auf eine vom iranischen Innenministerium im Mai 2026 durchgeführte Umfrage. Rund 60 Prozent der Bevölkerung würden hoffnungslos in die Zukunft blicken. Er zitiert zudem neuere Umfrageergebnisse des Onlineportals IranWire. Demnach beschreiben 64 Prozent der Befragten ihre Gefühlslage mit "Wut", rund 50 Prozent mit "Verzweiflung" und 48 Prozent mit "Depressionen". Die Ergebnisse seien schlechter im Vergleich zur letzten verfügbaren Umfrage, so Paivandi.
Etwa ein Drittel der Iraner äußert gemäß der IranWire-Umfrage den Wunsch auszuwandern. Bei jüngeren und besser ausgebildeten Bevölkerungsgruppen liegt die Prozentzahl deutlich höher.
Vor diesem Hintergrund argumentieren Experten, dass die aktuelle psychologische Krise im Iran über die Fragen zu Waffenstillständen, Diplomatie und militärischer Eskalation hinausgeht. Keine beteiligte Regierung bietet den Menschen im Iran eine klare und glaubwürdige Perspektive. Stattdessen werden sie täglich mit widersprüchlichen Botschaften konfrontiert, wodurch Unsicherheit zum Alltag geworden ist.
Aus dem Englischen adaptiert von Dang Yuan