Offenbar nimmt die USA bei ihren Luftangriffen auf den Iran weitere Ziele im Landesinneren ins Visier. In der vergangenen Woche berichteten iranische Medien, dass die Verkehrsinfrastruktur wie Brücken, Tunnel, Straßen und Schienen sowie die Kraftwerke und Entsalzungsanlagen attackiert worden seien. Besonders die südliche Provinz Hormusgan sei betroffen.
Sechs Brücken seien am letzten Freitag (17.07.) im Bezirk Khamir zerstört worden, so die lokalen Medien. Die Behörden sprachen von mindestens acht Todesopfern bei "feindlichen" Angriffen. Die Trinkwasserversorgung für mindestens 10.000 Menschen sei nach der Bombardierung einer Meerwasserentsalzungsanlage unterbrochen worden.
Straße von Hormus: Irans mächtigste Waffe?
To view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 video
Die USA berichten von zwei getöteten US-Soldaten bei iranischen Raketen- und Drohnenangriffen in Jordanien. Nach Angaben der US-Armee seien iranische Überwachungsstandorte, militärische Logistikinfrastruktur, unterirdische Waffenlager und maritime Anlagen das Ziel gewesen, um dessen Fähigkeit zum Beschuss der Straße von Hormus zu schwächen.
Reeder hoffen auf Öffnung der Straße von Hormus
To view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 video
"Die USA wollen mehr Druck ausüben, um die Straße von Hormus wieder zu öffnen", sagt Shukria Bradoost, Analystin für internationale Sicherheit an der US-amerikanischen Universität Virginia Tech. Washington versuche, nicht nur direkte militärische Bedrohungen für die Schifffahrt zu beseitigen, sondern auch die Infrastruktur, die dem Iran helfen könnte, sich in der Region wieder aufzurüsten. Deshalb seien Brücken, Straßen und Eisenbahnstrecken zu Zielen geworden, damit keine Raketen oder Drohnen in Richtung Süden die Präsenz der USA und ihrer Verbündeten abgefeuert werden. Sollte Teheran die Schifffahrt weiter bedrohen, würde sich der Krieg ihrer Meinung nach ausweiten.
Insel Chark als Zankapfel
Die USA haben es bislang vermieden, Energieanlagen auf der Insel Chark anzugreifen. Über die kleine Insel im Persischen Golf würden 90 Prozent der iranischen Exporte abgewickelt, sagt Ahmad Vakhshiteh, Direktor des in Moskau ansässigen Zentrums für strategische Forschung. Chark liegt 30 Kilometer vor der iranischen Küste und ist über eine unterirdische Pipeline mit dem Festland verbunden.
"Natürlich ist die Insel wertvoll, solange ihre Ölanlagen betriebsfähig und unbeschädigt bleiben", sagt Vakhshiteh. "Die entscheidende Frage ist jedoch, ob die USA darauf abzielen, Chark militärisch einzunehmen, oder durch wiederholte Angriffe eine politische Eroberung der Insel vortäuschen wollen. Mit anderen Worten: Anstatt Bodentruppen einzusetzen, könnten sie nächtliche Angriffe auf Chark und andere Teile im Süden des Irans fliegen, um in der Öffentlichkeit den Eindruck zu erwecken, der Süden des Irans sei gefallen oder seine Energieinfrastruktur sei nicht mehr funktionsfähig."

"Sollte der Iran in den Verhandlungen keine Flexibilität zeigen, könnten die USA den Druck auf die Insel Chark erhöhen, um die iranischen Ölexporte theoretisch auf nahezu null zu reduzieren", sagt der in Moskau ansässige Analyst im DW-Interview. "Dies würde dann einen erheblichen Schock für die globalen Energiemärkte bedeuten, was auch schwerwiegende Folgen für die USA selbst und für ihren Präsident Donald Trump persönlich haben könnte." Im November finden die Zwischenwahlen in den USA statt. Die Republikanische Partei um Präsident Trump muss nun um die Mehrheit in beiden Kammern, dem Senat und dem Repräsentantenhaus, bangen.
Iran-Krieg belastet Wirtschaft und Märkte in Deutschland
To view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 video
Regime will Rache
Trotz der unterzeichneten Absichtserklärung zwischen den USA und dem Iran habe sich die Rhetorik der iranischen Regierung nach der Beisetzung von Ali Khamenei verhärtet, sagt Bradoost. Der ehemalige Revolutionsführer kam bei einem völkerrechtlich umstrittenen Luftangriff durch die USA und Israel auf seine Residenz ums Leben. Der ausufernde Gebrauch der "Rache"-Rhetorik signalisiere, dass der ideologische Zwang zur Konfrontation nicht nachgelassen habe. In diesem Hintergrund sei ein Kompromiss schwierig.
Der iranische Außenminister Abbas Araghtschi nutzt jüngst jeden öffentlichen Auftritt, um Rache zu schwören. "Unsere Verteidigungsrichtlinie ist klar: Auge um Auge", schrieb er auf X. Jeder Angriff auf den Iran, einschließlich seiner Infrastruktur, werde "eine kraftvolle und entschlossene Reaktion nach sich ziehen". Es zeichnet sich aber ab, dass sich die Entscheidungsträger in Teheran immer mehr in eine defensive, sicherheitsorientierte Denkweise hineinbewegen.
Die Taktik des Irans ist dabei einfach. Das Regime will die Energiekrise ausweiten und die Kosten des Krieges auf andere abzuwälzen, damit der Konflikt immer teurer wird, auch für unbeteiligte Parteien.
Aus dem Englischen adaptiert von Dang Yuan