Andrius Tapinas, der bekannteste litauische Fernsehjournalist, der zeitweise sogar als Präsidentschaftskandidat gehandelt wurde, rief seine Zuschauer jüngst dazu auf, dem nächsten deutschen Soldaten, dem sie auf der Straße begegneten, ein Bier zu spendieren. Die Deutschen waren baff. Die Litauer wunderte es nicht. Das ist bemerkenswert. Schließlich war Litauen während des Ersten und des Zweiten Weltkrieges von deutschen Truppen besetzt.
Trotzdem sehen viele Litauer Deutschland heute als ein Versprechen auf Freiheit und Sicherheit, was der deutsche Botschafter Cornelius Zimmermann dieser Tage am Rande eines Literaturfestivals im litauischen Nida nicht müde wurde zu betonen. In Nida, jenem Dorf an der Kurischen Nehrung, in dem Thomas Mann drei Sommer lang an seinem „Joseph“-Zyklus schrieb und das er später nie wiedersehen sollte. Manche Orte ziehen die Deutschen über Generationen an. Nida ist so ein Ort.
Dankbar für die neue deutsche Entschlossenheit
Für die Soldaten, die als Teil der deutschen Brigade nach Litauen entsandt worden sind, bleibt es überraschend, wenn ihnen ältere Litauer auf Deutsch etwas Freundliches zurufen, wie kürzlich auch die „New York Times“ bemerkte. Von zu Hause kennen sie das nicht. Selbst zeitgenössische Künstler haben die Ankunft der Brigade reflektiert, mit Sonderausstellungen etwa in der Nationalgalerie oder dem Contemporary Art Centre in Vilnius.
Während hierzulande manche mit dem ersten dauerhaften Auslandseinsatz der Bundeswehr seit 1945 hadern, ist man dort dankbar für die Zeichen neuer deutscher Entschlossenheit an der NATO-Außengrenze. Auch auf der Kurischen Nehrung bekommt man das zu spüren. Ziemlich genau in der Mitte der 98 Kilometer langen Halbinsel vor der Mündung der Memel in die Ostsee verläuft die Grenze Litauens zur russischen Enklave Kaliningrad, dem einstigen Königsberg. Sie ist so undurchdringlich wie einst die Mauer im geteilten Berlin.
Diese Grenze schien bis zum russischen Überfall auf die Ukraine schon einmal fast überwunden. Der Austausch zwischen beiden Ländern war nach 1990 lebhaft. Noch heute zeugen in Nida verwitterte Hinweisschilder davon, die etwa am Geschichtsmuseum für eine Länderkooperation zwischen Russland und Litauen auf den Spuren von Immanuel Kant und Thomas Mann werben und zu einer Rundreise aufrufen, die längst nicht mehr möglich ist. Wer sich vom Städtchen Nida auf den Weg zur großen Düne macht, wird bald gewarnt, nicht weiterzugehen.

Im Nebel ist die nahe gelegene Grenze nach Russland nicht zu sehen. Ob die strikte Warnung der unter Naturschutz stehenden Landschaft gilt oder der Grenzsituation, bleibt offen. Der Grenzverkehr ist eingestellt. Wer auf dem Kamm der Düne steht und ins Nichts schaut, versteht, warum Thomas Mann hier die Wüste sah. „Alles ist weglos, nur Sand, Sand und Himmel“, notierte er 1931. Weglos ist es wieder.
Der Schnitt inmitten der Schönheit zwischen Ostsee und Haff ist schmerzlich und nicht der erste. Die nördliche Hälfte der Kurischen Nehrung fiel 1923 an Litauen – als Teil des sogenannten Memellandes, das bis dahin unter französischem Mandat gestanden hatte –, die südliche Hälfte 1945 an die Sowjetunion. Flaggen und Hoheitszeichen wechselten, nur der Wind blieb derselbe. Lange kannten meist nur noch Heimatvertriebene oder deren Nachkommen den Landstrich mit seinen Eichenwäldern und Wanderdünen.
Das hat sich längst geändert. Heute fahren im Sommer Busse zuhauf von Klaipėda, dem ehemaligen Memel, mit der Fähre auf die Nehrung und auf der ehemaligen Poststraße weiter Richtung Nida. Dessen Künstlerkolonie, „Worpswede des Ostens“ genannt, zog einst Maler wie Max Pechstein, Karl Schmidt-Rottluff, Lovis Corinth und Ernst Mollenhauer an. Was sie hier entdeckten und malten, war das atemberaubende Licht, eine fast unberührte Natur und das einfache Leben der Fischer in ihren schlichten, pittoresken Holzhäusern.
Überall Spuren deutscher Kultur
Die rauschenden Kiefern, durch die sich Waldwege vorbei an sumpfigen Niederungen schlängeln, bilden dank eines Bauverbots bis heute diese einzigartige Landschaft. Ihre Lage zwischen zwei Gewässern, dem Haff und der Ostsee, treibt einem das Ozon in die Lunge. In Nida, dem einstigen Nidden, entdeckt man überall Spuren deutscher Kultur. Auf dem Friedhof finden sich deutsche Gräber. Aus Holz geschnitzte Schilder, die am Fußende in den Himmel ragen, sollen einem kuriosen Glauben zufolge den Toten bei der Auferstehung behilflich sein. In der evangelischen Kirche finden sich deutsche Schriftzüge an den Wänden. Und dann ist da noch das Holzhäuschen mit den blau-weißen Fensterläden und dem Reetdach, das am Ortsrand inmitten der Kiefern fast bescheiden wirkt: das Sommerhaus der Manns.
Der berühmteste Deutsche in Nida ist Thomas Mann. Dabei hat die Germanistik die Kurische Nehrung als vermeintlich uninteressante Sommer-Episode lange Zeit gemieden. Für die Einheimischen ist es hingegen kein Wunder, dass sich Mann den biblischen Stoff um Joseph in der Wüste ausgerechnet hier vornahm. Schließlich liegt Nida inmitten der größten Dünen Europas, und wer sie an einem sonnigen Sommertag besteigt, wähnt sich im heißen Sand tatsächlich in der Wüste. Thomas Mann beschrieb das Gefühl als Sahara-Erfahrung.

Einer Sage zufolge schuf eine Riesin namens Neringa diesen schmalen, lang gestreckten Sandstreifen zum Schutz der Fischer gegen einen rasenden Meeresgott. Und hier also, zwischen Wasser, Sand und einem schier unendlichen Himmel, verbrachten die Manns zwischen 1930 und 1932 ihre letzten glücklichen Sommerwochen, ehe die Flucht vor den Nazis begann und ein 16 Jahre währendes Exil. Der gängigen Überlieferung, Thomas Mann habe das Haus mit seinem Nobelpreisgeld finanziert, widerspricht Ruth Leiserowitz allerdings entschieden.
Die deutsche Historikerin und Mitbegründerin des vom Goethe-Institut mitgetragenen Nidaer Thomas-Mann-Festivals lebt in Klaipėda. Die Manns seien damals chronisch in Geldnöten gewesen und auf Zuwendungen der Schwiegereltern Pringsheim angewiesen, erzählt sie. Der Lübecker Thomas Mann habe aber immer von einem Sommerhaus an der Ostsee geträumt. Auf der Nehrung kam die Schönheit der Landschaft mit einem erschwinglichen Preis zusammen, sodass er seinen Traum schließlich hier verwirklichen konnte. Im Sommer 1929 wurde der Bau des Hauses in Auftrag gegeben. Wenige Monate später erhielt er den Nobelpreis. Im Juli 1930 konnte die Familie einziehen.
Nach 1933 verwaiste das Sommerhaus der Manns
Von der Terrasse öffnet sich ein atemberaubender Blick weit übers Haff. Selbst die Pringsheims, die anfangs noch über den Spleen des Schwiegersohns gespottet hatten, sich ein Haus zwei Tagesreisen von München entfernt zuzulegen, waren bald begeistert, und Alfred Pringsheim feierte hier seinen achtzigsten Geburtstag. Thomas Mann, der sich das Zimmer mit der schönsten Aussicht gesichert hatte, schrieb hier nicht nur an seinen „Joseph“-Romanen, sondern 1932 auch einen Text, in dem er nach blutigen Ausschreitungen im nahen Königsberg vor dem faschistischen Treiben und dem „Mischmasch aus Hysterie und vermuffter Romantik“ der Nationalsozialisten warnte. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. In einem Päckchen, das ihn in Nida erreichte, fand er eine verbrannte Ausgabe der „Buddenbrooks“.
1933 konnte die Familie schon nicht mehr anreisen. Das Haus auf dem „Schwiegermutterhügel“ verwaiste. 1939 wurde es von Göring als „Jagdhaus Elchwald“ requiriert und in der Sowjetzeit als Soldatenunterkunft genutzt. Nur durch Zufall wurde es vor dem Abriss bewahrt. Nicht alle in der Familie hatten allerdings ausschließlich positive Erinnerung daran. Klaus Mann hat Nidden in seiner Autobiographie als „primitiv und pittoresk“ bezeichnet, nicht ohne einen gewissen „düstertraurigen Reiz“, aber „unpraktisch weit weg“. Auch seine Schwester Monika erinnerte sich an den „oft tagelangen Regen, der Meer und Himmel eins werden ließ“.
Anders als seine Kinder konnte Thomas Mann von dieser Landschaft aus Dünen, Eichen und Meer gar nicht genug bekommen. Nicht jedem sei sie vielleicht zu empfehlen, notierte er, denn sie zeige „oft ein bedrückend melancholisches Gesicht, entschädigt aber durch eine Phantastik und Originalität, die mich mit ihr tief verbunden hat“.
Über die Jahre hat man sich immer wieder gefragt, was den Schriftsteller im Kern mit diesem so entlegenen Ort verband. Für den Literaturwissenschaftler Bernd M. Kraske liegt es in der Topographie: Nidden sei damals gerade nicht mehr Deutschland gewesen, aber noch nicht Russland, ein Ort des Übergangs, ein Sowohl-als-auch, eine Zwischenlage auch zwischen Haff und Meer, deren Aussicht am Haus, bis heute „Italienblick“ genannt, zudem mediterrane Vorstellungen evozierte.
So wird das Haus auf eigenartige Weise zu einem Ort zwischen den Zeiten und den Ländern, der die Frage aufwirft, wohin man eigentlich gehört. Wenn die Manns einst mit dem Dampfboot aus Cranz im Hafen hier eintrafen, wurden sie von einer Menge begrüßt wie bei einem Volksfest. Dann mussten sie vor den Nationalsozialisten aus Europa fliehen. Heutzutage kommen nicht nur Touristen hier vorbei, sondern auch Soldaten, ganz ohne Bohei. Ihr Auftrag ist es, das freie Europa zu schützen. Auch ihnen winken Kinder zu.