«Naza»: Wie weit darf man im Krieg gehen, ohne moralische Werte zu verlieren?

Israels Krieg gegen die Hamas: Wenig Rücksicht auf Verluste, trotz KI?

Über «Naza» waren die Meinungen schon lange vor dem Kinostart gemacht. Wer ernsthaft mitreden will, sollte sich den israelischen Dokumentarfilm jetzt ansehen.

04.10.2026, 05.30 Uhr

3 Leseminuten


Die israelischen Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor bei der Premiere von «Naza» in Venedig.

Die israelischen Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor bei der Premiere von «Naza» in Venedig.

Alberto Terenghi / Imago

Seit Wochen war er Gesprächsstoff, nun läuft er im Kino. Vor dem Eingang ein Grüppchen, das Flyer verteilt. «Naza» behaupte viel und beweise nichts, steht darauf geschrieben. Oder: «Propaganda ist keine Wahrheit». Die Frage, ob sie den Dokumentarfilm gesehen habe, verneint die Pro-Israel-Aktivistin. Schade, worüber soll man da noch diskutieren?

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«Naza» beruht auf einer Recherche des Filmemachers Yuval Abraham («No Other Land») für das israelisch-palästinensische Online-Magazin «+972». Abraham ging der Frage nach, wie das israelische Militär mittels künstlicher Intelligenz Tausende von Hamas-Kämpfern in Gaza lokalisiert und ausschaltet – und wie viele zivile Opfer es dabei als «Kollateralschaden» in Kauf nimmt. Der Bericht von 2024 wurde in Israel weitgehend ignoriert. Ein traumatisiertes Land, das sich im Krieg befindet, hat keine Zeit, über moralische Grenzüberschreitungen in den eigenen Reihen nachzudenken.

Für seinen Film (Co-Regie: Rachel Szor) sprach Abraham mit 24 Mitgliedern der militärischen Eliteeinheit 8200. Sie operiert nicht auf dem Schlachtfeld, sondern am Computer. Die Gespräche wurden im Schutz der Dunkelheit auf einem Dach in Tel Aviv geführt und mit historischen Filmaufnahmen oder Nachrichten-Clips rund um den 7. Oktober 2023 kontrastiert. Einmal zwingt ein Raketenangriff aus Gaza das Interview zum Abbruch.

Die Zeugen erzählen sachlich und mit ruhiger Stimme. Sie alle haben getötet. Nicht nur Jihadisten und Hamas-Kämpfer, auch Zivilisten: Dutzende, Hunderte, vielleicht Tausende. Die KI gibt das Ziel vor, eine Kamikazedrohne erledigt den Job. Per Fernbedienung aus Tel Aviv. Manche sagen, es sei wie ein Videospiel, viele beteuern, nur Teil eines Systems zu sein. Allen Befragten steckt der Schock vom 7. Oktober in den Knochen, dem sie die Rechtfertigung für ihr Tun abringen, auch wenn Sekunden, bevor ein Wohnhaus bombardiert wird, noch Kinderstimmen zu hören sind. «Das Ziel ist Quantität, nicht Qualität», sagt einer der Interviewten.

Formal ist «Naza» spektakulär einfach und gleichsam erschütternd, auch durch die berückenden Bilder des nächtlichen Tel Aviv (60 Kilometer von Gaza entfernt) im stillen Kontrast zu den harschen Schilderungen – darunter auch mögliche Kriegsverbrechen. Dass die Gespräche anonymisiert sind, ist ein Makel. Doch es gehört zur etablierten journalistischen Praxis, die Identität von Zeugen – falls nötig – zu schützen. Der Missbrauchsskandal der katholischen Kirche in Boston wurde 2002 dank anonymer Quellen aufgedeckt, ebenso die Watergate-Affäre von 1972. «Naza» kritisch zu hinterfragen, ist legitim, ja wichtig. Aber reflexartiges Abstreiten holt kein Licht ins Dunkel.

Interessant ein Kommentar in der konservativen «Jerusalem Post». Der Film sei ein Schandfleck für Israel, schreibt die Zeitung, doch sollten die Recherchen «nur einen Funken Wahrheit enthalten, wird uns nichts von der Schuld befreien, die wir gemeinsam tragen». Man sollte «Naza» schon deshalb nicht als antiisraelische Propaganda abtun, sondern als Chance nutzen, um eine Debatte zu führen: Wie weit darf man im Nebel des Kriegs gehen, ohne die eigenen Werte zu verraten?

★★★★★ Naza. GB 2026. 78 Min. Im Kino.

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