"Ich weiß gerade auch nicht. Ich kann es gar nicht glauben", sagte die Überraschungssiegerin nur wenige Augenblicke nach ihrem großen Triumph im ZDF-Interview. "Ich glaube, es war das Stadion - meine Freunde und Familie, die überall hier verteilt sind und zuschauen."
Vater und Ex-Sprinter Andre als Trainer
Zu den Menschen auf der Tribüne gehörten auch ihre Eltern, die viel mit dem Erfolg der Tochter zu tun haben. Sowohl Melanie Paschke als auch Andre Ernst waren Sprinter. Wegen des späteren Trainerjobs des Vaters zog die Familie im Jahr 2010 überhaupt erst nach Wattenscheid, wo Jolina unter der Anleitung des Vaters zu einem Sprint-Toptalent heranreifte.
Wir verbringen natürlich privat viel Zeit miteinander und ich rotiere schon sehr viel um sie herum. Das geht ihr manchmal auf die Nerven, aber ich weiß ja, warum ich es tue - die großen Leistungssprünge kommen ja nicht einfach so, das ist Präzisionsarbeit. Andre Ernst, Vater und Trainer von Jolina, gegenüber der "WAZ"
Dass dieses Toptalent aber schon so weit ist, sich "schnellste Frau Deutschlands" nennen zu dürfen, hätten wohl selbst die kühnsten Wattenscheider Leichtathletik-Fans nicht zu Träumen gewagt. Zwar gelang Ernst im Jahr 2025 mit internationalen Medaillen wie Staffel-Bronze bei der U23-EM sowie DM-Einzel-Finalteilnahmen über die 100 und 200 Meter ein großer Leistungssprung. Weltklasse-Athletinnen wie Lückenkemper oder Rebekka Haase aber in einem Finale schlagen? Ein doch eher unrealistischer Gedanke.
Anfang Juli noch im selben Stadion enttäuscht
Zur Einordnung: Anfang Juli wurde Ernst im selben Stadion noch Zweite bei der U23-DM. Meisterin wurde da in starken 11,23 Sekunden Philina Schwartz, die sich jetzt bei den "Großen" auf Rang fünf einsortierte (11,35).
"Mittlerweile ist mein Abspruch so hoch, dass dann doch das Ziel war, hier zu gewinnen", hatte Ernst gegenüber "Radio Bochum" nach dem U23-Endlauf gesagt - und schob direkt Sätze nach, die rückblickend wie eine Kampfansage klingen. "Ich freue mich schon auf die Deutschen Meisterschaften Ende Juli, wenn es hier richtig voll wird. Mein Ziel ist dann auf jeden Fall ein Platz weit vorn im Finale. Bei Deutschen Meisterschaften kann immer alles passieren."
Ernst: "Ich selber bin am meisten überrascht"
"Alles" trat tatsächlich ein, die Bochumerin Jolina Ernst ist jetzt Deutsche Meisterin über 100 Meter. Dass das trotz allem Ehrgeiz etwas unwirklich ist, gab Ernst ein paar Minuten nach ihrem Sieg dann doch zu: "Ich selber bin glaube ich am meisten überrascht. Deswegen ist der Sieg noch überwältigender."
Zeckenbiss wurde Lückenkemper zu Verhängnis
Die aufrichtig wirkenden Glückwünsche sind der gebürtigen Westfalin Lückenkemper umso höher anzurechnen, wenn man bedenkt, dass die letzten Wochen für sie gar nicht gut liefen. Lückenkemper war weit von ihrer persönlichen Bestleistung entfernt. Ein Fakt, den sie auch auf einen Zeckenbiss zurückführte, der die Vorbereitung massiv behindert habe.
Weil auch die Jahresschnellste Haase ihre Form nicht auf die blaue Bahn in Wattenscheid bringen konnte, nutzte Ernst ganz cool die Gunst der Stunde. Im Vorlauf hatte die Lokalmatadorin schon selbstbewusst das Publikum zum Anfeuern animiert, der Moment der Verzögerung vorm Finale brachte sie überhaupt nicht aus der Ruhe. Nervenstärke scheint der neuen Deutschen Meisterin in die Wiege gelegt worden zu sein.