Kai Wegner, Regierender Bürgermeister von Berlin, und Jens Spahn, der ehemalige Fraktionsvorsitzende der Union im Bundestag, haben einiges gemeinsam: Beide haben sich sehr früh entschieden, Politik zu ihrem Beruf zu machen und auf relevante Lebens- und Berufserfahrung außerhalb der Politik zu verzichten. Beide haben es schon in ihren 20ern in ein Parlament geschafft – Spahn mit 22 in den Bundestag, Wegner mit 27 ins Abgeordnetenhaus von Berlin.
Beide haben sich in Jahrzehnten den Ruf erarbeitet, das innerparteiliche Strippenziehen und den Machtpoker perfekt zu beherrschen, und bei beiden gab es am Ende eine komplette Fehleinschätzung hinsichtlich der medialen Folgen ihres jeweiligen Fehlverhaltens, die die weitere Karriere kostete und zu den Rücktritten der letzten Tage führte.
Massive Pannen
Kai Wegner hat es 2023 im zweiten Anlauf ins Rote Rathaus geschafft. 2021, bei seinem ersten Versuch, gewann die von ihm geführte CDU mal gerade 18 Prozent, und das war nur unwesentlich besser als das historisch schlechteste Ergebnis seiner Partei von 2016. Aber diese Wahl wurde aufgrund massiver Pannen schließlich für ungültig erklärt und musste wiederholt werden.
Bei dieser Wiederholungswahl straften die Berliner vor allem die Dauerregierungspartei SPD ab, und die von Wegner geführte CDU erreichte spektakuläre 28 Prozent. Wegner überzeugte die SPD davon, dass eine von ihm geführte Zweierkoalition besser sei als die Fortsetzung des theoretisch auch möglichen Dreierbündnisses von Rot-Rot-Grün, das sich von einem Streit zum nächsten gequält hatte. Im dritten Wahlgang wurde er schließlich Regierender Bürgermeister seiner Heimatstadt.
Nun, am Ende der verkürzten Wahlperiode sind die Themen keine anderen als bei den letzten Wahlen. Es fehlt bezahlbarer Wohnraum, die Stadt vermüllt in den Augen vieler immer mehr, das Sicherheitsgefühl der Menschen leidet angesichts aller paar Tage stattfindender Schießereien und Messerstechereien, da hilft ein neues Polizeigesetz auch nicht. Wer immer in gut zwei Monaten stärkste Partei werden solle: Es sieht derzeit nicht so aus, als ob wesentlich mehr als 20 Prozent der Menschen, die überhaupt zur Wahl gehen, hinter dieser Partei stehen. Ein Zweierbündnis scheint höchst unwahrscheinlich, und die beiden Regierungsparteien büßen vermutlich deutlich an Zuspruch gegenüber der letzten Wahl ein. Wer am Ende die Nase vorne hat und welches Bündnis gebildet wird – derzeit völlig offen.
Kai kann Partei. In dieser Einschätzung waren sich jahrzehntelang alle einig. Die innerparteilichen Anhänger Wegners ebenso wie seine Gegner. Kaum ein Amt in der Berliner Union, das er in den knapp 40 Jahren seit seinem Parteieintritt nicht innehatte. Landesvorsitzender von Schülerunion und Junger Union, Bezirksverordneter, Abgeordneter in Berlin und im Deutschen Bundestag, Generalsekretär, stellvertretender Landesvorsitzender und Landesvorsitzender.
Kai Wegner beim Lesbisch-schwulen Stadtfest am Nollendorfplatz.
© IMAGO/Brigitte Dummer
Kai Wegner hat all diese Posten mal gehabt, er weiß, wie’s geht: wie man Mehrheiten organisiert, Leute aufbaut und Gegner isoliert und zermürbt. Wann Bündnisse eingegangen und wieder beendet werden sollten. Dass er sich dabei von inhaltlichen Positionen und Prinzipien irgendwie hätte hindern oder beeinflussen lassen, hat ihm noch niemand nachgesagt. Und so wurde der seinerzeit überzeugte Anhänger Heinrich Lummers zum Vorkämpfer queerer Sichtbarkeit, der langjährige Baupolitiker Wegner stimmte einem Mietenkataster zu und schreckt auch vor einem Enteignungsrahmengesetz nicht zurück.
Der Koalitionsvertrag von 2023 diente vor allem dazu, die sozialdemokratische Basis in die wenig geliebte Koalition mitzunehmen. Auf inhaltliche Befindlichkeiten der eigenen Anhänger konnte da leider wenig Rücksicht genommen werden. Und Initiativen aus Berlin heraus, wie man in großen Städten und Zeiten gesellschaftlicher Spaltung Dialoge führt, durch Gesprächsbereitschaft Werte verteidigt, Mauern überwindet, sind von Wegner nicht bekannt geworden. Sie waren wohl auch nicht zu erwarten.
Quelle: IMAGO
Zur Person
Peter Kurth, vormals CDU, war von 1999 bis 2001 Finanzsenator in Berlin und galt als Verfechter einer strikten Haushaltspolitik sowie der Privatisierung öffentlicher Beteiligungen. Nach seinem Ausscheiden aus der Politik wechselte der Jurist in die Wirtschaft und führte bis 2024 den Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft (BDE). 2023 trat Peter Kurth aus der CDU aus.
Das Machtzentrum der Berliner Union ist die Runde der Kreisvorsitzenden, jahrzehntelang von Kai Wegner und seinen Partnern dominiert. Machtzentrum, nicht Freundeskreis. Diese Kreisvorsitzenden entscheiden, wer in ihrem Bezirk eine Chance hat, etwas zu werden, und was auf Landesebene geschieht. Der Landesvorstand darf die Vorschläge der Kreisvorsitzenden zur Kenntnis nehmen und umsetzen, in der Lage, sie zu ändern, ist er nicht.
Wer nicht zur Runde der Kreisvorsitzenden gehört, hat es entsprechend schwer. Da mag sein oder ihr Ansehen in der Öffentlichkeit noch so groß sein – das beeindruckt die Mehrheit der Kreisvorsitzenden wenig. Im Gegenteil: Charisma, das Ansehen in der Bundespartei oder den Medien führen eher dazu, dass man in der Berliner Union Außenseiter ist und kritisch beäugt wird. Der ehemalige Generalsekretär der Bundes-CDU, Mario Czaja, die ehemalige Kulturstaatsministerin, Prof. Monika Grütters, oder auch Joe Chialo, der frühere Kultursenator, können ein Lied davon singen.
Dann kam der 3. Januar 2026
Ende des letzten Jahres sah auch alles noch ganz gut aus. Die Union schien sich in Berlin darauf verlassen zu können, bei der Wahl neun Monate später mit Kai Wegner wieder klar stärkste Partei zu werden. Die bundesweite schlechte Performance der Union schien auf Berlin nicht durchzuschlagen. Bundeskanzler Merz, mit dem Wegner seit längerem eine gegenseitige Abneigung verbindet, hatte eigene massive Probleme mit der Beliebtheit. Wegner ließ bei seinen öffentlichen Äußerungen keine Gelegenheit aus, die Distanz zum Kanzleramt durchschimmern zu lassen. Und dann kam der 3. Januar 2026.
Die Geschehnisse rund um diesen Tag, als Linksextremisten einen Anschlag auf das Stromnetz verübten und zehntausende Haushalte im Südwesten tagelang auf Strom und Wärme verzichten mussten, haben Wegner in doppelter Hinsicht aus der Bahn geworfen. Wobei es in Berlin niemanden wirklich überrascht, dass die Täter bis heute nicht gefasst sind und die angekündigte harte Reaktion auf diesen Anschlag mal wieder ausfällt.
Aber ein Macht- und Instinktpolitiker – ein solcher ist Wegner fraglos – hätte die Chancen erkennen müssen, die sich aus Katastrophen für das eigene Bild in der öffentlichen Wahrnehmung ergeben. So wie die Gummistiefel-Bilder von Schröder beim Oderhochwasser 2002 den anschließenden Bundestagswahlsieg sichern halfen, so hätte ein präsenter, zupackender, mitfühlender Regierender Bürgermeister im Stromdesaster des Januar 2026 den Wahlsieg für den September endgültig klarmachen können.
Die Erklärung von Wegner, er hätte doch den Rettungskräften nur im Weg gestanden und vor Ort wenig machen können und sei deshalb erst sehr spät im Katastrophengebiet erschienen, stieß auch bei langjährigen Weggefährten und Unterstützern nur auf Kopfschütteln. Und dann ging es über Monate weiter. Eine Unwahrheit folgte der nächsten und das Aufklärungsinteresse der Medien wuchs. War Wegner in Berlin gewesen an dem fraglichen Sonnabend, oder war er gar nicht in der Stadt, und mit wem eigentlich wo?
Der Regierende Bürgermeister gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Katharina Günther-Wünsch, Bildungssenatorin von Berlin.
© IMAGO/Stefan Zeitz/Stefan Zeitz Photograpy
Inzwischen ist das alles kaum noch wichtig. Er hat jedenfalls nicht den ganzen Tag – wie zunächst behauptet – die Katastrophe am Telefon bekämpft. Vom Tennisspielen ganz abgesehen: Auch von den vielen Telefonaten blieb nach der vom Verwaltungsgericht durchgesetzten Offenlegung der Gespräche wenig übrig.
Was eine Chance für den Wahlkämpfer und Machtpolitiker Wegner hätte sein können, wurde der Beginn eines sich monatelang hinziehenden Kommunikationsdesasters, das ihn am Ende die Spitzenkandidatur seiner Partei kostete. Regierender Bürgermeister bleibt er notgedrungen, weil der Koalitionspartner SPD der CDU natürlich den Gefallen nicht tun wird, Stefan Evers jetzt schon mit dem Amtsbonus auszustatten. Aber der Regierende Bürgermeister Wegner wird in den Wochen bis zum 20. September nicht mehr viel zu sehen sein.
Private Beziehungen und Partei-Großspenden
Man kann medial viel durchstehen, solange das innerparteiliche Machtzentrum nicht unruhig wird und geschlossen bleibt. Das hat Kai Wegner oft genug für andere organisiert und am eigenen Leib erfahren. Die Frage zum Beispiel, ob die private Beziehung zur Bildungssenatorin tatsächlich erst begann, nachdem man gemeinsam am Senatstisch gesessen hatte, hat ihm nicht geschadet – in den anderen Bundesländern wäre das ein Problem.
Oder die genaueren Umstände der Partei-Großspende eines inzwischen insolventen Bauunternehmers, die auch ungeklärt blieben. Und so hat Kai Wegner sich das möglicherweise vorgestellt: Je mehr der begonnene Wahlkampf dazu zwingt, die innerparteilichen Reihen zu schließen, nach vorne zu sehen und die Gegner zu attackieren, desto mehr würde die Bereitschaft seiner Partei wachsen, „Fehler in der Kommunikation“ nachzusehen und auf die Bereitschaft der Berlinerinnen und Berliner zu setzen, zu vergessen und Nachsicht zu üben. Es kam anders.
Die Kreisvorsitzenden haben sich von ihrem jahrelangen Leitwolf emanzipiert und die Karriere des Kai Wegner fürs Erste beendet. Gut möglich, dass die Stadt die erste wahrnehmbare Operation der neuen Mehrheitsmacher in der Berliner Union erlebt hat. Die Zeit des Machtzentrums Wegner dürfte vorbei sein. Mal sehen, wer die Lücke füllen wird.
Lesen Sie mehr zum Thema