Kanzler im Osten unerwünscht: Jetzt muss ausgerechnet Merz‘ größter Rivale die CDU retten

Kanzler unerwünscht: Ost-CDU setzt im Wahlkampf lieber auf Wüst als auf Merz

Stand: 18.08.2026, 14:23 Uhr

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Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt herrscht Panik in der CDU. Kanzler Merz ist unerwünscht. Stattdessen soll Rivale Wüst die AfD stoppen. Kann das funktionieren?

Magdeburg – Eigentlich ist Wahlkampf die Stunde der Parteichefs. Die große Bühne, der Applaus, die Kameras. Doch aktuell läuft in der CDU etwas anders. Ein anderer packt die Koffer. Hendrik Wüst, Ministerpräsident aus Düsseldorf und parteiinterner Dauerkonkurrent von Friedrich Merz, wird in den Osten gerufen – ausgerechnet er. Der Kanzler hingegen soll zuhause bleiben. Die CDU in Sachsen-Anhalt hat das unmissverständlich klargemacht: Merz ist nicht erwünscht. Ob die ungewöhnliche Strategie aufgeht, ist eine andere Frage – denn die Lage im Osten ist ernst.

Er stellt Kanzler Friedrich Merz (CDU) zunehmend in den Schatten: NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (links).

Er stellt Kanzler Friedrich Merz (CDU) zunehmend in den Schatten: NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (links). © Thomas Banneyer/dpa

In Sachsen-Anhalt, wo am 6. September ein neuer Landtag gewählt wird, kämpft die CDU unter Spitzenkandidat Sven Schulze gegen eine übermächtig erscheinende AfD. Die Partei liegt in aktuellen Umfragen bei mehr als 40 Prozent, die CDU kommt auf lediglich 22 bis 24 Prozent. In dieser Lage soll Wüst liefern, was Merz nicht kann: Sympathie. Als drittbeliebtester Politiker Deutschlands – laut aktuellem INSA-Ranking – könnte der NRW-Ministerpräsident dem schwächelnden Schulze noch ein paar Prozentpunkte verschaffen. Die Hoffnung ist, dass Wüsts Beliebtheit dort ankommt, wo CDU-Wahlkampf gerade kaum noch möglich scheint.

Wahl in Sachsen-Anhalt: Wüst soll die CDU retten – im Gegensatz zu Merz

Der Terminkalender des NRW-Ministerpräsidenten liest sich laut einem Bericht der Nachrichtenagentur dpa wie ein Hilferuf der Partei: Am 1. September tritt Wüst in Sachsen-Anhalt auf, fünf Tage vor der dortigen Landtagswahl. Am 7. September folgt Berlin, wo knapp zwei Wochen später das Abgeordnetenhaus gewählt wird. Am 10. September ist Mecklenburg-Vorpommern dran, einen Tag später Niedersachsen, wo am 13. September Kommunalwahlen stattfinden. Vier Auftritte, zwei Wochen, vier Länder – Wüst als Feuerwehrmann der Union. Ausgerechnet Wüst, der Dauerkonkurrent von Merz.

Doch Schulze kämpft nicht nur gegen die AfD, sondern auch gegen die eigene Bundespartei. An den Wahlkampfständen sei es „schwer oder unmöglich“, noch über landespolitische Fragen zu sprechen, klagte er kürzlich im Deutschlandfunk. Die Personaldebatten in Berlin müssten „endgültig beendet werden“. Zuvor hatte Merz nach dem Rauswurf von Fraktionschef Jens Spahn (CDU) und einer Kabinettsumbildung für sehr viel Unruhe in Partei und Land gesorgt. Statt über Inhalte redete die ganze Republik im Sommerloch über Personalstreits, Chaos und die Zukunft des Kanzlers.

Selbst über einen Austausch des Kanzlers an Staats- oder Parteispitze wurde plötzlich laut nachgedacht. Dabei fiel immer wieder ein Name als Alternative: Wüst. Doch der NRW-Ministerpräsident winkte erst einmal ab. Dies sei aktuell „keine Option“, ließ er im Funke-Podcast wissen. Doch ob ernst gemeint oder nicht: Die Union wirkt seitdem alles andere als geschlossen.

Das wäre Selbstmord.

Die Union – ein Haufen von zerstrittenen Leuten? Solche Debatten und Bilder konnten die Wahlkämpfer im Osten alles andere als gut gebrauchen. Was folgte war eine deutliche Distanzierung von der Bundespolitik. Einen offenen Bruch mit dem Kanzler vermied Schulze jedoch – der Ablauf der Kabinettsumbildung sei lediglich „sehr unglücklich“ gewesen, kommentierte er. Doch Kommunikationsberater Wolfgang Ainetter bringt die Lage auf den Punkt: Würden Schulze und seine SPD-Kollegin Manuela Schwesig aus Mecklenburg-Vorpommern jetzt Wahlkampf machen und sich positiv auf Berlin beziehen, „wäre das politischer Selbstmord“, wie er dem Focus sagte.

Merz ist in Sachsen-Anhalt unerwünscht: Kann Schulze das Umfrage-Ruder ohne den Kanzler herumreißen?

Merz dagegen belastet den Wahlkampf gleich mehrfach. Die CDU-Spitze hatte ursprünglich eine Präsidiumsklausur in der Landeshauptstadt Magdeburg für Ende August geplant – ein Treffen, das explizit kurz vor der Wahl in Sachsen-Anhalt stattfinden sollte. Auf Wunsch von Ministerpräsident Schulze wurde die Veranstaltung abgesagt. Aus der CDU-Spitze hieß es dazu, man habe „volles Verständnis dafür, dass für Sven Schulze im August die Schlussmobilisierung vorgeht, statt interne Gremiensitzungen abzuhalten.“

Doch dahinter steckt mehr als Terminplanung: Mit Blick auf die sinkende Zustimmung für die Bundesregierung könne ein solches Treffen im Wahlkampf „eher schaden“, hieß es in Parteikreisen. CDU-Landtagskandidat Nico Elsner, der selbst im Bundeskanzleramt arbeitet, urteilte, die Kabinettsumbildung sei „grottenschlecht umgesetzt“ worden und nütze dem Wahlkampf „überhaupt nichts“. So berichtete es die Tagesschau. Merz hatte er erst gar nicht nach Wittenberg eingeladen. Marco Tullner, stellvertretender CDU-Landesvorsitzender, äußerte sich in dem Bericht ähnlich: Er habe „kein großes Bedürfnis“, einen Auftritt des Kanzlers in seinem Wahlkreis in Halle aktiv zu betreiben.

Hinzu kommen weitere Belastungen für Schulze. Die Entscheidung, den Magdeburger Bundestagsabgeordneten Tino Sorge als Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium abzulösen, sorgte für Unmut im Landesverband. Tullner bezeichnete Sorge als „bislang herausragenden Bundespolitiker der CDU Sachsen-Anhalt“ und erklärte, der Vorgang sei für den Landtagswahlkampf „auf gar keinen Fall“ förderlich. Schulze seinerseits setzt auf unkonventionelle Mittel: Er holte den Komiker Didi Hallervorden als Wahlkampfhelfer ins Boot – eine Entscheidung, die Ainetter kritisch bewertet. Hallervorden bringe zwar Aufmerksamkeit, doch ob das die richtige Strategie sei, stehe dahin. Zudem offenbart ein Blick auf die sozialen Netzwerke das strukturelle Dilemma der CDU: AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund kommt auf TikTok auf 761.000 Follower, Schulze auf gerade einmal 3336.

Bislang konnte Schulze mit seiner Wahlkampftaktik das Ruder auf dem schlingernden Boot auch nicht herumreißen. Hallervorden griff auf den Wahlkampfveranstaltungen zwar fröhlich die Bundes-CDU an. Aber einen Schwung in den Umfragen brachte das bislang nicht. Stattdessen hatte Schulze viel zu erklären – nämlich, dass er nicht unbedingt hinter den Aussagen von Hallervorden stehe, er aber die Meinungsfreiheit fördern wolle. Ob die Wählerinnen und Wähler ihm das abnehmen?

Özdemir als Vorbild: Funktioniert die Abgrenzung von der Bundespartei?

Die Strategie, sich von der Bundespolitik abzugrenzen und auf populäre Landesfiguren zu setzen, ist kein Novum. In Baden-Württemberg hatte Cem Özdemir bei der Landtagswahl vorgemacht, wie es geht: Distanz zur eigenen Partei, dunkle Plakate statt Parteigrün, die Person im Vordergrund statt das Programm. Özdemir gewann. Auch in Rheinland-Pfalz war es zuletzt die Persönlichkeit, die über Sieg und Niederlage entschied – nicht die Bundespolitik.

Ainetter fasst das Prinzip im Focus so zusammen: „Persönlichkeiten werden künftig immer mehr entscheiden, ob eine Wahl gewonnen wird oder nicht.“ Für Schulze ist das eine zwiespältige Botschaft – denn genau dort, bei der Strahlkraft der eigenen Person, sieht der Kommunikationsberater den Spitzenkandidaten am schwächsten aufgestellt. (Quellen: dpa, focus.de, Tagesschau, Deutschlandfunk) (jenko)