Stand: 27.10.2026, 13:05 Uhr

Nach Diskussionen und heftigen Protesten sagt ein Gründungsmitglied nun offiziell für den Eurovision Song Contest 2027 ab.
Hilversum – Die Niederlande werden im kommenden Jahr nicht am Eurovision Song Contest (ESC) 2027 teilnehmen. Wie die niederländische öffentlich-rechtliche Dachorganisation NPO am Dienstag (27.10.) in einer offiziellen Pressemitteilung bekanntgab, wurde nach Beratungen mit dem Senderkollegium beschlossen, die Vorbereitungen vorerst zu stoppen. Nach Gesprächen mit den Rundfunkanstalten gebe es derzeit „unzureichenden Rückhalt“ („onvoldoende draagvlak“) für eine Teilnahme. Damit fehlt beim kommenden Wettbewerb eines der Gründungsmitglieder: Die Niederlande zählen zu den sieben Nationen, die bereits bei der Erstausgabe des Grand Prix 1956 in Lugano antraten.
NPO begründet Stopp: Zu früh und keine tragfähige Form gefunden
In der Erklärung begründet die NPO-Führung den Schritt ausführlich. Vorstandsvorsitzende Jet de Ranitz erklärte, man verstehe die Enttäuschung der Fans: „Wir sind davon überzeugt, dass das Songfestival zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk gehört, als eines der größten internationalen Kulturereignisse rund um Musik, Verbindung und Diversität.“ In vorangegangenen Gesprächen habe man zwar zunächst Unterstützung wahrgenommen, letztlich jedoch „keine gute Form dafür finden können“. De Ranitz betonte: „Dadurch müssen wir schlussfolgern, dass es zum jetzigen Zeitpunkt zu früh ist, um 2027 am Eurovision Song Contest teilzunehmen. Wegen der Sensibilität der Themen, die derzeit eine Rolle spielen, haben wir beschlossen, vorerst innezuhalten.“

Eine gesetzliche Ausweichoption lehnte die NPO-Chefin ausdrücklich ab: Nach dem niederländischen Mediengesetz hätte die NPO den Sender NTR verpflichten können, ersatzweise einzuspringen. „Wenn wir feststellen, dass das Thema derart heikel ist und für so gespaltene Reaktionen sorgt, halte ich es für unverantwortlich, einen Sender dazu zu verpflichten, die Organisation für 2027 zu übernehmen“, so De Ranitz.
Israel-Debatte und breiter Widerstand in den Sendern
NPO-Mediendirektor Jurre Bosman ging in der Mitteilung direkt auf den zentralen Streitpunkt ein: „Wir wissen schon länger, dass die Teilnahme Israels unterschiedliche Reaktionen in der Gesellschaft hervorruft und für Diskussionen und Spaltung sorgt. Das ist auch unter Sendern und Mitarbeitern der Fall, und wir verstehen diese Sensibilität.“ Man wolle Künstler und Mitarbeiter nur entsenden, wenn sie auf die volle Unterstützung einer oder mehrerer Anstalten zählen könnten.
Der Absage waren wochenlange Proteste vorausgegangen. Zunächst hatte der traditionell zuständige Sender AVROTROS den Rückzug erklärt und Bedenken wegen der Teilnahme Israels und des Nahostkonflikts geäußert (weitere Hintergründe dazu: Niederlande boykottieren ESC 2027 wegen Israel). Als die NPO die Organisation daraufhin selbst übernehmen wollte, wandten sich rund 400 Beschäftigte mit einem offenen Brief unter dem Motto „#NietMijnSongfestival“ an die Führung.
Übertragung im Fernsehen bleibt bestehen
Trotz des Verzichts auf einen eigenen Beitrag bleibt der ESC 2027 im niederländischen Fernsehen zu sehen: Der Sender NOS wird die Halbfinals und das Finale (11. bis 15. Mai 2027 im bulgarischen Burgas) wie gewohnt mit niederländischem Kommentar übertragen. Zudem betonte die NPO, mit der veranstaltenden European Broadcasting Union (EBU) im Gespräch zu bleiben, um das Festival wieder zu einem Ort der verbindenden Musik zu machen.
Die Debatte um den Musikwettbewerb schwelt bereits seit Längerem: Immer wieder steht zur Diskussion, wie unpolitisch der ESC tatsächlich ist. Bereits beim Wettbewerb 2024 hatte es schwere Spannungen gegeben, nachdem der niederländische Sänger Joost Klein kurz vor dem Finale disqualifiziert worden war. (Quellen: Pressemitteilungen der NPO, ad.nl, trouw.nl, linda.nl, dekanttekening.nl, bnnvara.nl) (lin)