(+) MV-Wahl: Was das AfD-Ergebnis wirklich zeigt

Meinung

Kein Gruselkabinett: Warum dieser Wahlabend im Osten kein Debakel war

Ministerpräsidentin Manuela Schwesig auf der SPD-Wahlparty.
picture alliance / Chris Emil Janßen

Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern: Dieses Ergebnis zeigt nicht, dass alle Ostdeutschen rechts sind, sondern dass Parteien immer noch mit Inhalten überzeugen können.

„AfD vorn, SPD gerupft, CDU raus“, so steht es am Montagmorgen über diversen medialen Zusammenfassungen der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, auch bei der MOPO. Und ich verstehe den Reflex der Katastrophisierung nach einer Wahl, bei der die AfD stärkste Kraft wurde. Die Wahrheit ist aber auch: Es war richtig knapp. Und eine nüchterne Analyse zeigt, dass Parteien mit echten Inhalten in Ostdeutschland eben doch noch überzeugen können.

Es gibt ein Phänomen, das ich als in Hamburg lebende Mecklenburgerin während dieser „Ostwochen“ rund um Landtagswahlen oder den 3. Oktober beobachte: In politischen Diskussionen im Freundes- oder Kollegenkreis werde ich dann zur „großen Ausnahme“ erklärt – als die eine Ostdeutsche, die glücklicherweise nicht rechts ist und sich bitte bloß nicht angesprochen fühlen soll, wenn alle anderen Ostdeutschen als verloren abgestempelt werden.

Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern: Demokratie kann noch punkten

Das ist natürlich – mit Verlaub – Bullshit. Es ist medial und gesellschaftlich offenbar reizvoll, die ostdeutschen Bundesländer voyeuristisch als eine Art „Gruselkabinett“ zu betrachten, in dem angeblich nur unbelehrbare Nazis leben. Warum? Weil man sich selbst dann so herrlich darüber erheben kann. Es bedient ein bequemes, westdeutsches Überlegenheitsgefühl, schaut aber völlig an der Realität vorbei.

Denn etwa 63 Prozent der Menschen aus MV haben eben NICHT die AfD gewählt – und das, obwohl sie in vielen ostdeutschen Regionen traurigerweise als Volkspartei bezeichnet werden kann. Vor genau einem Jahr standen die Sozialdemokraten unter Manuela Schwesig in den Umfragen bei katastrophalen 19 Prozent, bis zum vorläufigen Endergebnis der Wahl haben sie eine beispiellose Aufholjagd auf 35,5 hingelegt.

Dass sie nun knapp zwei Prozentpunkte hinter der AfD liegen und damit knapp nicht stärkste Kraft geworden sind, macht sie nicht zu einer „gerupften“ Partei, sondern grenzt besonders nach der Schlappe in Sachsen-Anhalt und den bundesweiten Umfragewerten an ein Wunder. Und da ein Amtsbonus heute kaum noch etwas wert ist, lag das klar an Inhalten: Mit Themen wie der sozialen Daseinsvorsorge, beitragsfreien Kitas, der Schaffung von Arbeitsplätzen und dem Wirtschaftswachstum der letzten Jahre ließ Schwesig ihren Kontrahenten von der AfD in den TV-Duellen blass aussehen.

Vorwürfe der kleineren Parteien an Manuela Schwesig

Folgt man dieser Logik, ist es nur konsequent, dass die CDU eine historische Pleite erlebte und erstmals aus einem Länderparlament rausgeflogen ist: Farblose Fischbrötchen-Plakate oder solche, auf denen sich ein roter und ein blauer Hahn über dem Schriftzug „Vernunft braucht Mitte“ bekämpfen, haben gezeigt, dass die Christdemokraten keine eigenen Inhalte anzubieten hatten. Dafür wurden sie zurecht abgestraft.

„Politik in lecker“, titelte die CDU auf einem Wahlplakat, daneben Spitzenkandidat Peters mit Fischbrötchen-Shirt. Wen wollten sie damit erreichen?
Jens Büttner/dpa

Dass CDU, Linke und Grüne den Sozialdemokraten nun vorwerfen, den Wahlkampf unnötig polarisiert zu haben, ist vor diesem Hintergrund fast lächerlich, schließlich haben sie alle auf ihre Art mitgemacht. Und was hätte Schwesig auch machen sollen, Wahlkampf für ihre Konkurrenz? Letztendlich sind Grüne und Linke nun stark genug, dass die Sozialdemokraten eine stabile Dreier-Koalition anstreben können.

Dieser Wahlabend ist kein Beleg für den allgemeinen Niedergang der demokratischen Mitte, sondern eine Abrechnung mit politischer Inhaltslosigkeit. Für uns Journalisten sollte das ein Weckruf sein: Hören wir auf mit dem gruselnden Blick durchs Schlüsselloch. Suchen wir nicht nur das nächste Drama, sondern reden wir über Inhalte – die Wähler tun es nämlich auch.

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