Wer ist General Michailo Drapati, der neue Armeechef der Ukraine?

«Kein Recht, Probleme zu verschweigen»: Wer ist General Drapati, der neue Armeechef der Ukraine?

Eine Welle von Volksprotesten hat General Michailo Drapati an die Spitze der Armee gespült. Er ist ein neuer Typ von Militärführer: Fast seine ganze Karriere hat er im Krieg verbracht. Doch auf seinem künftigen Posten in Kiew kämpft er plötzlich an einer neuen Front.

23.07.2026, 05.30 Uhr

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Im Krieg gegen Russland stehen die ukrainischen Streitkräfte neu unter dem Befehl von Generalmajor Michailo Drapati.

Im Krieg gegen Russland stehen die ukrainischen Streitkräfte neu unter dem Befehl von Generalmajor Michailo Drapati.

Büro des ukrainischen Präsidenten via AP

Jedes Land im Krieg braucht Helden, und jede Heldenlegende lebt von Bildern. Vom überraschend an die Spitze der ukrainischen Streitkräfte aufgestiegenen Generalmajor Michailo Drapati gibt es nur wenige Bilder, dafür ein Video, das seinen Ruf als unerschrockener Offizier früh begründete: Es zeigt einen Schützenpanzer, der im Mai 2014 in hohem Tempo auf eine Strassensperre in der südukrainischen Stadt Mariupol zuraste. Damals hatten prorussische Separatisten versucht, die Kontrolle über die Hafenstadt zu erringen. Die von Drapati kommandierte Einheit leistete erfolgreich Widerstand.

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Die in ukrainischen Medien verbreitete Erzählung besagt, dass der junge Major Drapati seinem Panzerfahrer befahl, vor der meterhohen Sperre aus Pneus und Schrott nicht abzubremsen, sondern zu beschleunigen. Der Schützenpanzer walzte das Hindernis nieder, flog kurz durch die Luft und raste weiter in Richtung Stadtzentrum, mit einer am Heck aufgepflanzten ukrainischen Flagge.

Zwei von Michailo Drapati kommandierte Schützenpanzer durchbrechen im Mai 2014 eine von prorussischen Kräften errichtete Sperre in Mariupol.

X/yarotrof

Es war ein ungewöhnlicher Akt des Draufgängertums in einer Zeit, als die ukrainische Armee noch schlecht geführt war, an Disziplinlosigkeit litt und angesichts der russischen Bedrohung verunsichert war. So erlangte der damals 31-jährige Drapati bereits in den ersten Monaten des Krieges gegen Russland landesweite Bekanntheit.

Rasanter Aufstieg

Heute wirkt es, als sei der rasende Offizier erneut mit seinem Panzerfahrzeug unterwegs – unaufhaltbar, zielstrebig und mit einer gewissen Ruchlosigkeit. Als Präsident Wolodimir Selenski Mitte letzter Woche den populären Verteidigungsminister Michailo Fedorow absetzte, stellte sich General Drapati sofort auf die Seite des Letzteren. Er lobte in einem langen Beitrag auf Facebook Fedorows Leistung, besonders dessen Fähigkeit, Veränderungen im Militärapparat herbeizuführen, auf die Kommandanten zu hören und Entscheidungen zu beschleunigen.

Drapati ging mit seiner Wortmeldung ein Risiko ein. Indem er Selenskis Entscheidung hinterfragte, wirkte er nicht nur illoyal, sondern sägte indirekt auch am Stuhl seines Vorgesetzten Olexander Sirski, des Oberbefehlshabers und Gegenspielers Fedorows. Doch Drapati stellt dies als Ausdruck von Verantwortungsbewusstsein dar. «Ein Kommandant hat kein Recht, Probleme zu verschweigen», besonders wenn diese Probleme zum Verlust von Menschenleben führten. «Schweigen schützt die Armee nicht; es lässt Fehler nur anhäufen, bis sie immer schwerer zu korrigieren sind», schrieb er.

Drapatis Machtpoker ging auf. Nur sechs Tage später sitzt er auf dem Stuhl Sirskis. Unter dem Druck der schweren Krise im Land sah Präsident Selenski zuletzt keine andere Option, als den bisherigen Oberbefehlshaber fallenzulassen und Drapati zum Nachfolger zu berufen. Dessen Verbündeter Fedorow gratulierte ihm mit den Worten: «Das ist ein frischer Wind und eine neue Hoffnung im Kampf um die Freiheit.»

Drapati verkörpert wie Fedorow die Hoffnung jener Ukrainer, die sich einen Modernisierungsschub für die Armee wünschen, einen noch stärkeren Fokus auf Drohnentechnologien, mit denen sich verlustreiche Kämpfe an der Front eher vermeiden lassen. Drapati steht zugleich für eine neue Generation von Offizieren, die den Grossteil ihrer Karriere im Krieg gegen Russland verbracht haben. Das unterscheidet ihn vom knapp 61-jährigen Sirski, einem gebürtigen Russen. Sirski wuchs in der Nähe von Moskau auf, kam erst durch den Militärdienst seines Vaters in die Ukraine und durchlief seine Offiziersausbildung noch in der Sowjetarmee.

Der 43-jährige Drapati dagegen ging zum Militär, als die Ukraine bereits ein unabhängiger Staat war. Während er in den vergangenen zwölf Jahren eine Sprosse nach der anderen auf der Offiziersleiter erklomm, erlebte er die Realität des Krieges in seiner ganzen Brutalität. Dies unterscheidet ihn auch von seinem russischen Pendant, dem bereits 70-jährigen Generalstabschef Waleri Gerasimow, der eher wie ein Schreibtischgeneral wirkt. Drapati hat im Laufe der Jahre an allen wichtigen Fronten gedient. Seine enge Verbundenheit mit dem Militär brachte er am Dienstag mit knappen Worten auf den Punkt: «Ich bin in dieser Armee gross geworden.»

Erfolgreich in vielen brenzligen Situationen

Geboren wurde Drapati 1982 in der westukrainischen Provinz Chmelnizki. Er erhielt eine Ausbildung als Panzeroffizier und kommandierte 2014 beim Ausbruch der Kämpfe mit Russland bereits ein eigenes Bataillon. Nicht nur die erwähnte Episode in Mariupol machte ihn bekannt, sondern wenig später auch eine Operation ganz im Osten der Ukraine. Hunderte von ukrainischen Soldaten gerieten dort in eine prekäre Lage. Während die einen kapitulierten und sich in Kriegsgefangenschaft begaben, gelang es Drapati, seine Einheit fast ohne Verluste aus der Umzingelung zu führen.

«Es ist schwierig, die Bedeutung von Michailo Drapatis Tat unter schwersten Bedingungen und in einer hoffnungslosen taktischen Lage zu überschätzen», schrieb damals ein renommierter Militärreporter. Die bewundernde Schilderung trug zu Drapatis Ruhm bei. Wenig später stieg der Offizier zum Brigadekommandanten auf.

Michailo Drapati 2014 als junger Offizier bei den Kämpfen im Donbass.

Michailo Drapati 2014 als junger Offizier bei den Kämpfen im Donbass.

Telegram

Als Russland im Februar 2022 seine Grossinvasion in der Ukraine lancierte, kam der inzwischen zum Einsterngeneral beförderte Drapati im Süden des Landes zum Einsatz, bei der Verteidigung von Kriwi Rih, der Heimatstadt des Präsidenten. Die Abwehr des dortigen russischen Vorstosses wird seinen Truppen zugeschrieben. Im Herbst desselben Jahres war Drapati an der Befreiung der südukrainischen Stadt Cherson beteiligt. In der Folge erhielt er zunehmend den Ruf eines Kommandanten, den man an heikle Frontabschnitte schickte, wenn immer es irgendwo brenzlig wurde.

So gelang es ihm im Mai 2024, eine überraschende russische Offensive nördlich von Charkiw zu stoppen. Im folgenden Jahr erhielt er die Zuständigkeit für die Oskil-Front im Nordosten des Landes. Nicht nur stabilisierten seine Truppen dort die Lage, sie konnten auch die strategisch wichtige Stadt Kupjansk zurückerobern. Es war der einzige nennenswerte Gebietsgewinn der Ukrainer 2025 und zugleich eine Blamage für den Kreml, der zuvor die Einnahme Kupjansks als riesigen Erfolg gefeiert hatte.

Wachsende Rivalität mit Sirski

Zu jenem Zeitpunkt hatte Drapatis Karriere aber bereits einen Knick erlitten. Im Juni 2025 gab der General die Leitung der Landstreitkräfte nach nur einem halben Jahr ab – unter Umständen, die schon damals auf einen Konflikt mit seinem Vorgesetzten Sirski hindeuteten. Anlass war ein russischer Raketenangriff auf ein ungeschütztes Lager von Rekruten, bei dem zwölf Personen ums Leben kamen. Drapati übernahm dafür die Verantwortung, wofür man ihm in der Öffentlichkeit Respekt zollte. Zugleich beklagte sich der General aber auch über Missstände, die er an der Spitze der Landstreitkräfte vorgefunden habe: ein Klima der Angst, fehlende Initiative, mangelnde Feedback-Kultur und Gleichgültigkeit gegenüber Personalproblemen. Damit kritisierte er letztlich die Hinterlassenschaft Sirskis, der früher die Landstreitkräfte geführt hatte.

Im Oktober 2025 verlor Drapati sein bisheriges Kommando, das die gesamte, mehr als 300 Kilometer lange Ostfront umfasste. Fortan blieb er nur noch für einen kleinen Abschnitt zuständig. Auf dem Papier war dies die Folge einer wichtigen Reform, mit der die ukrainische Armee eine neuartige Korpsstruktur einführte. Trotzdem wirkte das Ganze wie ein Schachzug, mit dem Sirski einen ebenso erfolgreichen wie unbequemen Rivalen auf ein Nebengleis schieben konnte.

Nun hat sich Drapati in dem Machtkampf trotzdem durchgesetzt. In einer ersten Reaktion auf Facebook äusserte er Respekt vor der hohen Verantwortung, die er als Oberkommandierender übernimmt. Beobachter halten ihm zugute, dass er innovativ denkt und sich stärker als andere für den Aufbau starker Drohnentruppen eingesetzt hat. Eine Herausforderung wird darin bestehen, Ruhe in die oberen Militärränge zu bringen und gleichzeitig die Erfolgsserie bei den Luftangriffen auf Russland fortzusetzen. Selenski trug ihm auch auf, die Mobilisierung neuer Truppen zu verbessern – ein Problem, an dem schon viele gescheitert sind. Für Drapati kommt mit dem bürokratischen Grabenkrieg in Kiew eine neue Front hinzu.

Eine besondere Art von Vorschusslorbeeren kommt dabei nicht aus der Ukraine selber, sondern aus Russland: Dort äussern sich kremlfreundliche Militärblogger mehrheitlich besorgt: Der Wechsel an der ukrainischen Armeespitze sei für Russland keine gute Nachricht, meinen mehrere Kommentatoren. «Ein General, der im Krieg aufstieg und ihn versteht, ist für uns ein schwieriger Gegner», schrieb der einflussreiche Propagandist Juri Podoljaka.

Der ukrainische Präsident Selenski mit dem neuen Oberbefehlshaber Drapati (ganz rechts), dessen Vorgänger Sirski (zweiter von links) und dem interimistischen Verteidigungsminister Jewheni Chmara (ganz links).

Der ukrainische Präsident Selenski mit dem neuen Oberbefehlshaber Drapati (ganz rechts), dessen Vorgänger Sirski (zweiter von links) und dem interimistischen Verteidigungsminister Jewheni Chmara (ganz links).

Büro des ukrainischen Präsidenten via Reuters

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