Kein WLAN, dafür Feuer unterm Sternenhimmel – warum Kinder trotzdem ins Zeltlager fahren

Stand: 22.07.2026, 19:01 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Von wegen immer nur online: Im Zeltlager tauschen Kinder ihr Handy gegen einen Donnerbalken. Für viele beginnt in diesen Wochen wieder das Abenteuer.

München – „Die Kinder kommen total zerstört, aber irgendwie beseelt nach Hause – und sagen, sie machen das nächstes Jahr wieder“: So beschreibt Helene Heidler von der katholischen Pfarrjugendleitung aus München-Lochhausen, was in diesem Sommer wieder vielerorts aufgebaut wird: ein Zeltlager.

Wer nicht dabei war, versteht die Geschichten nur halb. Handys und Social Media sind in der Regel tabu, stattdessen gibt es Rituale und Aufgaben. Die Jugendleiter sehen darin keinen Mangel, sondern eine Entlastung. Auch Eltern lernen zwangsläufig loszulassen.

Artikel der KNA

Dieser Beitrag stammt von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Für schwache Nerven ist das Zeltlager nichts. Wer zum Beispiel auf das Feld im bayerischen Voralpenland will, auf dem die Gemeinde Sankt Michael seit mehr als 50 Jahren ihre Zelte aufschlägt, muss zuerst in Gummistiefeln ein Flüsschen durchqueren.

Jugendliche tragen gemeinsam einen dicken Baumstamm über eine Wiese im Zeltlager in der Jachenau

Für alles wird sich viel Zeit genommen, Hetze gibt es im Zeltlager nicht. © Helene Heidler/KNA

Die Jachen wird in dieser Woche die eiskalte Badewanne für alle sein. Die Toilette ist ein klassischer Donnerbalken. Strom gibt es nicht. Dafür brennt ein Feuer, das Tag und Nacht bewacht werden muss.

Der selbst aufgestellte Lagermast benötigt Schutz vor Angriffen benachbarter Gruppen. „Sobald du einen Gegenspieler hast, wird auch die Gruppendynamik noch mal stärker“, meint Jugendleiter Philipp Nelhiebel.

Zeltlager schweißt zusammen: Plötzlich spülen alle freiwillig

Im Lager hat alles seinen festen Rhythmus: Käsespätzle am Samstag, Wandertag am Mittwoch. Gegessen, gespielt und Zähne geputzt wird gemeinsam. „Ich merke, wie gut mir das tut“, sagt der 22-jährige Philipp über die regelmäßigen und üppigen Mahlzeiten, die regelrecht zelebriert würden. Für alles wird sich viel Zeit genommen, Hetze gibt es in dem Lager nicht.

Auch ungeliebte Aufgaben wie Geschirrspülen und Holzholen funktionieren hier plötzlich. „Wenn alle das machen, mache ich das halt auch“, erklärt Jugendleiterin Ronja Forster das Phänomen. 60 Kinder und 30 Leiter gestalten ein eigenes Leben, das nach außen unverständlich scheint. „Wenn wir zu Hause vom Zeltlager reden, sind alle anderen total lost“, sagt Helene (20).

In Zeltlagern entstehe ein Sozialraum außerhalb von Elternhaus und Schule, „in dem das Zusammenleben anders geregelt und gelebt wird“, erklärt Gabriele Jahn von der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland. Kinder erlebten dort Selbstwirksamkeit; ehrenamtliche Teams übernehmen Verantwortung und wachsen in Leitungsaufgaben hinein.

Aus Kindern werden Leiter

In Lochhausen passiert das sehr konkret. Wochenlang organisiert die Pfarrjugend fast das ganze Lager selbst. Unterstützung gibt es aus der Gemeinde nur beim Antrag der Zuschüsse. Der größte Erfahrungsschatz ist die Weitergabe, und so wird das Zeltlager nach Forsters Angaben fast zum Selbstläufer: „Weil man als Kind lernt, was zu tun ist, und irgendwann dieselbe Rolle als Leiter übernimmt.“

Den drei Jugendleitern ist wichtig: Das Ehrenamt in ihrer Generation ist gar nicht so klein. Neben dem Zeltlager Anfang August leiten sie jede Woche Gruppenstunden für ihre Schützlinge. Ob katholisch oder nicht: Mitmachen können Mädchen und Jungen nach der Erstkommunion oder ab etwa neun Jahren. Das ist auch das Ticket fürs Zeltlager.

WLAN Fehlanzeige: Erholung von der ständigen Erreichbarkeit

Mit Blick auf das Handy, das daheimbleibt, sagt Philipp: „Wenn keiner eins hat, ist es irgendwann normal.“ Eine bundesweite Panelstudie zu Kinder- und Jugendfreizeiten bestätigt die Beobachtung: Die anfängliche Unruhe wegen des fehlenden Handys lege sich nach kurzer Zeit. Danach wenden sich alle stärker den Gruppenaktivitäten zu.

Was zunächst für viele unvorstellbar ist, wird dann zu einer echten Erholung: keine Flammen bei Snapchat, kein Gruppenchat, keine Fragen. „Ich kriege es verboten, das war schon eine gute Ausrede“, erinnert sich Philipp an seine Zeit als Zeltlager-Kind. „Auf einmal musstest Du das alles nicht mehr machen. Du hast die Verantwortung abgegeben“, pflichtet Helene bei.

Eltern ohne Standortabfrage

Die Funkstille gilt auch für die Eltern. Nachdem sie Stirnlampen, biologisch abbaubares Shampoo und jede Menge Socken wasserfest verpackt haben, müssen sie loslassen. Es gibt keine Standortabfrage über die Smartwatch ihrer Kids. Es bleibt nur der Blick in die Wetter-App, ob sich ein Gewitter über der Jachenau zusammenbraut. Im Zeltlager gilt der umgekehrte Satz: Wenn keine Nachricht kommt, ist alles gut.

Einmal gibt es aber doch Kontakt. Zum Gottesdienst am Dienstag wird Kuchen aus Lochhausen gebracht. Dann sitzen die Kinder kauend am Feuer und merken kurz, dass die andere Welt 80 Kilometer nördlich noch existiert.

Nicht romantisieren: Zeltlager passt nicht für alle

Die jungen Leute verklären das Lager nicht. Es gibt auch Heimweh. Die Begeisterung für Nachtwachen ist kleiner geworden. Manche Eltern wollen mehr wissen. Helene sagt klar: „Es ist nicht für jedes Kind etwas – und auch nicht für jeden Elternteil.“

Am Ende ist es ganz kitschig, auch das meditative Feuer unter dem klaren Sternenhimmel in der oberbayerischen Wildnis, das die Magie für alle erklärt. Die Hitze im Gesicht spüren und sehen, wie alle ruhig werden. Dann kriechen die meisten Kinder freiwillig in den Schlafsack, weil sie erschöpft und glücklich sind.